Was man vor einem Militär-Engagement
eigentlich wissen sollte
Kosovo-Einsatz
Von Dr. Hans Rudolf Voegeli, Herrliberg ZH
Überstürzt, allein von der Sucht getrieben, auch «dabeizusein», wo
vermeint-
lich «grosse Weltpolitik» gemacht wird, hat der Bundesrat die Entsendung
einer schweizerischen Armee-Einheit nach Kosovo beschlossen. Nachdem
die Vorstellungen der Nato über den künftigen Status des Kosovo völlig un-
klar sind, kann heute niemand Dauer und Auswirkung der eingeleiteten Trup-
pen-Stationierung auch nur im entferntesten abschätzen. Damit die Unwäg-
barkeit des beschlossenen Engagements wenigstens annäherungsweise
überblickt werden kann, bringt die «Schweizerzeit» im folgenden eine Dar-
stellung über Geschichte, Wesen und politische Triebkräfte im Kosovo, wie
sie der Autor, der als Auslandschweizer seine jungen Jahre auf dem Balkan
verbrachte, erfahren hat.
Die Serben betrachten Kosovo als ihre historische Heimat. Im Kosovo standen im
Mittelalter die Burgen und Klöster der grossen serbischen Herrscher. Dort wurde am
Ende des 14. Jahrhunderts auf dem Kosovo-Polje (Amselfeld) die Schicksalsschlacht
der Serben gegen die Türken verloren. Im Kosovo lebten die serbischen
Nationalhei-
ligen, der versöhnende Sava und der kämpfende Prinz Marko.
Symbol des Widerstands
Kosovo blieb für sehr viele Serben bis heute das Symbol des nationalen Widerstands
und des orthodoxen Christentums gegen die muslimischen Türken. Ohne Kosovo,
sagen patriotische Serben, sei Serbien ohne Seele, Mut und Selbstvertrauen. Mag
daran einiges überhöht, verklärt erscheinen, so darf Kosovo als patriotisches Symbol
der Serben nicht unterschätzt werden.
Die heute als Kosovo-Albaner bekannten Skipetaren lebten seit Urzeiten zusammen
mit der serbischen Mehrheit in diesem Grenzgebiet zu Albanien, durch welches früher
wichtige Handelswege die Verbindung zwischen Westen (Rom) und Osten (Konstan-
tinopel) herstellten. Die Skipetaren teilten mit den Serben das Los als Unterdrückte
der Türken während Jahrhunderten. Viele Kosovaren kämpften im letzten Weltkrieg
Seite an Seite mit den serbischen Partisanen gegen die deutschen und italienischen
Invasoren.
Bis vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Skipetaren im Kosovo klar in der
Minder-
heit. Sie führten ein hartes, teilweise armseliges Leben in weitgehend
abgeschlosse-
nen Dörfern. Viele junge Männer emigrierten nach Belgrad, wo sie allenfalls dank
harter Arbeit im Flusshafen oder in der Stadt ein ärmliches Auskommen finden
konn-
ten. Abends sangen und tanzten sie zu wilden Klängen in den Hafenspelunken. Oft
schliefen sie im Freien.
Zäsur Zweiter Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkriegs stand Kosovo wie die dalmatische Region unter
italienischer Besetzung. Mussolini hatte zunächst Albanien erobert, welches er nach
dem erhofften Endsieg endgültig für Italien zu behalten gedachte. Das benachbarte
Kosovo mit seinen reichen Erzfunden und Braunkohle-Vorkommen sollte an Albanien
angeschlossen und von Italien mitübernommen werden. Deshalb wurden in den Be-
setzungsjahren 1941 bis 1944 nachweisbar einige hunderttausend Albaner nach
Kosovo umgesiedelt, damit Italien seinen Anspruch schliesslich auch beweisen
kön-
ne. So erreichte die albanische Bevölkerung des Kosovo zum Kriegsende eine
knappe Bevölkerungsmehrheit in diesem Gebiet. Weil sich die albanische Bevöl-
kerung innert der folgenden fünfzig Jahre fast verdreifachte (jede Albanerfamilie
ist
noch heute auf ihre fünf bis zehn Kinder stolz), wurde die albanische Mehrheit nahezu
erdrückend, überschritt mit Sicherheit die Marke von 75 Prozent. In der gleichen
Zeit-
periode zogen viele Serben aus der armen Provinz weg in die nach dem Krieg
flo-
rierenden Städte Serbiens.
Heute
Was aber soll heute aus Kosovo werden? Marschall Tito, der die Serben nicht
be-
sonders liebte und ihren Einfluss deshalb national in Schranken halten wollte, erteilte
den Albanern im Kosovo 1974 Autonomie, womit ihnen politische und kulturelle
Rechte garantiert wurden. In der Herrschaftszeit Titos wurde die albanische
Univer-
sität Pristina gegründet. Belgrad leistete bedeutende finanzielle Unterstützung zur
wirtschaftlichen Entwicklung Kosovos. Kosovo sah damals einer erfreulichen
Ent-
wicklung entgegen.
1981, ein Jahr nach dem Tod ihres Protektors Tito, begannen sich die
Kosovo-Alba-
ner vermehrt für eigene Rechte einzusetzen. Es kam zu Demonstrationen, die
Reak-
tionen provozierten. Die Serben, emotional stark mit Kosovo verbunden, sahen sich
benachteiligt und bedrängt, zumal sie von Albanern aus den politisch und
wirtschaft-
lich wichtigen Positionen allmählich verdrängt wurden. 1990 entzogen die Serben
den Kosovo-Albanern in einer Verfassungsänderung, welche alle damaligen sechs
Republiken Jugoslawiens befürworteten, die knapp zehn Jahre zuvor eingeräumte
Autonomie. Mochte dies auch legal sein, so war es politisch höchst unklug. Die
Alba-
ner protestierten vehement und gründeten einen international nie anerkannten
Schat-
tenstaat mit Präsident Ibrahim Rugova (dem «albanischen Gandhi») und einem
Par-
lament.
Bis Anfang 1998 überwog die Hoffnung, auf friedlichem, demokratischem Weg eine
umfassende Autonomie erreichen zu können. Dann aber ging den Kosovaren die
Geduld aus. Der Kampf schlug um in offene Revolution. Es entstand eine
Untergrund-
Armee, welche nach klassischer Partisanen-Taktik insbesondere die Polizei der
serbischen Regierung attackierte und sich auch gewisse Übergriffe gegen die
ser-
bische Minderheit zuschulden kommen liess. Die Zivilbevölkerung litt zunehmend
unter diesem sich verschärfenden Partisanen-Krieg, der auch Revanche-Aktionen
der Serben provozierte und eine anhaltende Landflucht bewirkte.
Offener Konflikt
Militärisch war die albanische Untergrund-Armee UCK den Serben bei weitem nicht
gewachsen. So verlegte sie sich auf eine Kriegführung gezielter, sichtbarer
Provoka-
tion, welche die Serben immer wieder zu Gegenschlägen verleitete, die zuweilen in
eigentliche Massaker ausarteten, wodurch schliesslich - von der UCK entsprechend
kalkuliert - die Nato-Intervention ausgelöst wurde.
Die ohne Zustimmung der Uno erfolgten und damit nicht völkerrechtskonformen
Nato-
Bombardements beantworteten die Serben mit oftmals alle Grenzen
überschreiten-
den, brutal-unmenschlichen Aktionen, die rasch in eine systematische Vertreibung
der Kosovo-Albaner ausarteten. Die schlimmsten Exzesse liessen sich die
paramili-
tärischen Truppen - zumeist über die Nato-Einsätze aufs höchste erzürnte, in Kosovo
wohnhafte Serben - zuschulden kommen. Resultat war eine humanitäre Katastrophe
in einem von niemandem vorausgesehenen Ausmass, geprägt von unsäglichem
Flüchtlingselend und schwerem Unrecht, welches die Nato-Länder im Fernsehen
ausgiebig darstellen liessen zur Rechtfertigung ihrer völkerrechtlich auf unsicheren
Füssen stehenden Intervention.
Mangels militärischer Ziele sah sich die Nato, als sich der Widerstand der Serben
unerwartet lange hinzog, genötigt, zunehmend auch die zivile und wirtschaftliche
In-
frastruktur Jugoslawiens aus sicherer Distanz zu zerschlagen. Die langfristigen
Fol-
gen dieser Art neuer Kriegführung, die auch im wirtschaftlich heute weitestgehend
lahmgelegten Serbien eine Fluchtbewegung Richtung Westeuropa auslösen dürfte,
können heute von niemandem auch nur annähernd abgeschätzt werden.
Ob jetzt, nachdem im Krieg die Entscheidung gefallen scheint, eine dauerhafte
Ord-
nung im Kosovo verwirklicht werden kann, ist höchst ungewiss. Ohne Etablierung
eines für lange Dauer vorgesehenen Protektorats unter irgendwie organisierter
internationaler Kontrolle dürfte der Wiederaufbau nicht eingeleitet werden können.
Kann die Sicherheit wiederhergestellt werden, wird der grösste Teil der Flüchtlinge
zurückkehren; der Wiederaufbau müsste auf Kosten der USA und der europäischen
Nato-Staaten erfolgen. Nachträglich erhielten die Kosovo-Albaner jene «weitgehende
Autonomie», die ihnen bereits an der Konferenz von Rambouillet im März 1999
in
Aussicht gestellt worden war.
Ob sich die Albaner heute, nach dem Krieg, der so viel Elend über sie gebracht hat,
mit einer Autonomie-Lösung noch zufrieden- geben, von der Forderung auf
uneinge-
schränkte Unabhängigkeit also absehen, ist mehr als nur fraglich. Würde Kosovo
unabhängig, wäre die «freiwillige und friedliche» Trennung der Albaner von den
Ser-
ben - ein erneuter Akt ethnisch geprägter Umsiedlung - wohl unvermeidbar. Immerhin
könnte auf diesem Weg gelingen, dass die Albaner den von ihnen geforderten
unab-
hängigen Staat Kosovo erhielten, die Serben aber das von ihnen verehrte
Heiligtum
Amselfeld behalten könnten.
Kosovos Zukunft ist höchst ungewiss, der Weg zu einem von allen Betroffenen
als
gerecht empfundenen Frieden wohl noch sehr weit. Ob die kaum sehr gründlich
durchdachte «Kanonenboot»-Politik der USA den Balkan dem Frieden näherge-
bracht hat, ist heute zumindest völlig offen.
H. R. Voegeli, Herrliberg
**Zurück zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr.14 vom 28. Juli 1999**
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