2. Juli 1999

Was man vor einem Militär-Engagement eigentlich wissen sollte
Kosovo-Einsatz
Von Dr. Hans Rudolf Voegeli, Herrliberg ZH

Überstürzt, allein von der Sucht getrieben, auch «dabeizusein», wo vermeint-
lich «grosse Weltpolitik» gemacht wird, hat der Bundesrat die Entsendung 
einer schweizerischen Armee-Einheit nach Kosovo beschlossen. Nachdem 
die Vorstellungen der Nato über den künftigen Status des Kosovo völlig un-
klar sind, kann heute niemand Dauer und Auswirkung der eingeleiteten Trup-
pen-Stationierung auch nur im entferntesten abschätzen. Damit die Unwäg-
barkeit des beschlossenen Engagements wenigstens annäherungsweise 
überblickt werden kann, bringt die «Schweizerzeit» im folgenden eine Dar-
stellung über Geschichte, Wesen und politische Triebkräfte im Kosovo, wie 
sie der Autor, der als Auslandschweizer seine jungen Jahre auf dem Balkan 
verbrachte, erfahren hat.


Die Serben betrachten Kosovo als ihre historische Heimat. Im Kosovo standen im 
Mittelalter die Burgen und Klöster der grossen serbischen Herrscher. Dort wurde am 
Ende des 14. Jahrhunderts auf dem Kosovo-Polje (Amselfeld) die Schicksalsschlacht 
der Serben gegen die Türken verloren. Im Kosovo lebten die serbischen Nationalhei-
ligen, der versöhnende Sava und der kämpfende Prinz Marko.

Symbol des Widerstands
Kosovo blieb für sehr viele Serben bis heute das Symbol des nationalen Widerstands 
und des orthodoxen Christentums gegen die muslimischen Türken. Ohne Kosovo, 
sagen patriotische Serben, sei Serbien ohne Seele, Mut und Selbstvertrauen. Mag 
daran einiges überhöht, verklärt erscheinen, so darf Kosovo als patriotisches Symbol 
der Serben nicht unterschätzt werden.
Die heute als Kosovo-Albaner bekannten Skipetaren lebten seit Urzeiten zusammen 
mit der serbischen Mehrheit in diesem Grenzgebiet zu Albanien, durch welches früher 
wichtige Handelswege die Verbindung zwischen Westen (Rom) und Osten (Konstan-
tinopel) herstellten. Die Skipetaren teilten mit den Serben das Los als Unterdrückte 
der Türken während Jahrhunderten. Viele Kosovaren kämpften im letzten Weltkrieg 
Seite an Seite mit den serbischen Partisanen gegen die deutschen und italienischen 
Invasoren.
Bis vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Skipetaren im Kosovo klar in der Minder-
heit. Sie führten ein hartes, teilweise armseliges Leben in weitgehend abgeschlosse-
nen Dörfern. Viele junge Männer emigrierten nach Belgrad, wo sie allenfalls dank 
harter Arbeit im Flusshafen oder in der Stadt ein ärmliches Auskommen finden konn-
ten. Abends sangen und tanzten sie zu wilden Klängen in den Hafenspelunken. Oft 
schliefen sie im Freien.

Zäsur Zweiter Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkriegs stand Kosovo wie die dalmatische Region unter 
italienischer Besetzung. Mussolini hatte zunächst Albanien erobert, welches er nach 
dem erhofften Endsieg endgültig für Italien zu behalten gedachte. Das benachbarte 
Kosovo mit seinen reichen Erzfunden und Braunkohle-Vorkommen sollte an Albanien 
angeschlossen und von Italien mitübernommen werden. Deshalb wurden in den Be-
setzungsjahren 1941 bis 1944 nachweisbar einige hunderttausend Albaner nach 
Kosovo umgesiedelt, damit Italien seinen Anspruch schliesslich auch beweisen kön-
ne. So erreichte die albanische Bevölkerung des Kosovo zum Kriegsende eine 
knappe Bevölkerungsmehrheit in diesem Gebiet. Weil sich die albanische Bevöl-
kerung innert der folgenden fünfzig Jahre fast verdreifachte (jede Albanerfamilie ist 
noch heute auf ihre fünf bis zehn Kinder stolz), wurde die albanische Mehrheit nahezu 
erdrückend, überschritt mit Sicherheit die Marke von 75 Prozent. In der gleichen Zeit-
periode zogen viele Serben aus der armen Provinz weg in die nach dem Krieg flo-
rierenden Städte Serbiens.

Heute

Was aber soll heute aus Kosovo werden? Marschall Tito, der die Serben nicht be-
sonders liebte und ihren Einfluss deshalb national in Schranken halten wollte, erteilte 
den Albanern im Kosovo 1974 Autonomie, womit ihnen politische und kulturelle 
Rechte garantiert wurden. In der Herrschaftszeit Titos wurde die albanische Univer-
sität Pristina gegründet. Belgrad leistete bedeutende finanzielle Unterstützung zur 
wirtschaftlichen Entwicklung Kosovos. Kosovo sah damals einer erfreulichen Ent-
wicklung entgegen.
1981, ein Jahr nach dem Tod ihres Protektors Tito, begannen sich die Kosovo-Alba-
ner vermehrt für eigene Rechte einzusetzen. Es kam zu Demonstrationen, die Reak-
tionen provozierten. Die Serben, emotional stark mit Kosovo verbunden, sahen sich 
benachteiligt und bedrängt, zumal sie von Albanern aus den politisch und wirtschaft-
lich wichtigen Positionen allmählich verdrängt wurden. 1990 entzogen die Serben 
den Kosovo-Albanern in einer Verfassungsänderung, welche alle damaligen sechs 
Republiken Jugoslawiens befürworteten, die knapp zehn Jahre zuvor eingeräumte
Autonomie. Mochte dies auch legal sein, so war es politisch höchst unklug. Die Alba-
ner protestierten vehement und gründeten einen international nie anerkannten Schat-
tenstaat mit Präsident Ibrahim Rugova (dem «albanischen Gandhi») und einem Par-
lament.
Bis Anfang 1998 überwog die Hoffnung, auf friedlichem, demokratischem Weg eine 
umfassende Autonomie erreichen zu können. Dann aber ging den Kosovaren die 
Geduld aus. Der Kampf schlug um in offene Revolution. Es entstand eine Untergrund-
Armee, welche nach klassischer Partisanen-Taktik insbesondere die Polizei der 
serbischen Regierung attackierte und sich auch gewisse Übergriffe gegen die ser-
bische Minderheit zuschulden kommen liess. Die Zivilbevölkerung litt zunehmend 
unter diesem sich verschärfenden Partisanen-Krieg, der auch Revanche-Aktionen 
der Serben provozierte und eine anhaltende Landflucht bewirkte.

Offener Konflikt

Militärisch war die albanische Untergrund-Armee UCK den Serben bei weitem nicht 
gewachsen. So verlegte sie sich auf eine Kriegführung gezielter, sichtbarer Provoka-
tion, welche die Serben immer wieder zu Gegenschlägen verleitete, die zuweilen in 
eigentliche Massaker ausarteten, wodurch schliesslich - von der UCK entsprechend 
kalkuliert - die Nato-Intervention ausgelöst wurde.
Die ohne Zustimmung der Uno erfolgten und damit nicht völkerrechtskonformen Nato-
Bombardements beantworteten die Serben mit oftmals alle Grenzen überschreiten-
den, brutal-unmenschlichen Aktionen, die rasch in eine systematische Vertreibung 
der Kosovo-Albaner ausarteten. Die schlimmsten Exzesse liessen sich die paramili-
tärischen Truppen - zumeist über die Nato-Einsätze aufs höchste erzürnte, in Kosovo 
wohnhafte Serben - zuschulden kommen. Resultat war eine humanitäre Katastrophe 
in einem von niemandem vorausgesehenen Ausmass, geprägt von unsäglichem 
Flüchtlingselend und schwerem Unrecht, welches die Nato-Länder im Fernsehen 
ausgiebig darstellen liessen zur Rechtfertigung ihrer völkerrechtlich auf unsicheren 
Füssen stehenden Intervention.
Mangels militärischer Ziele sah sich die Nato, als sich der Widerstand der Serben 
unerwartet lange hinzog, genötigt, zunehmend auch die zivile und wirtschaftliche In-
frastruktur Jugoslawiens aus sicherer Distanz zu zerschlagen. Die langfristigen Fol-
gen dieser Art neuer Kriegführung, die auch im wirtschaftlich heute weitestgehend 
lahmgelegten Serbien eine Fluchtbewegung Richtung Westeuropa auslösen dürfte, 
können heute von niemandem auch nur annähernd abgeschätzt werden.
Ob jetzt, nachdem im Krieg die Entscheidung gefallen scheint, eine dauerhafte Ord-
nung im Kosovo verwirklicht werden kann, ist höchst ungewiss. Ohne Etablierung 
eines für lange Dauer vorgesehenen Protektorats unter irgendwie organisierter 
internationaler Kontrolle dürfte der Wiederaufbau nicht eingeleitet werden können. 
Kann die Sicherheit wiederhergestellt werden, wird der grösste Teil der Flüchtlinge 
zurückkehren; der Wiederaufbau müsste auf Kosten der USA und der europäischen 
Nato-Staaten erfolgen. Nachträglich erhielten die Kosovo-Albaner jene «weitgehende
Autonomie», die ihnen bereits an der Konferenz von Rambouillet im März 1999 in 
Aussicht gestellt worden war.
Ob sich die Albaner heute, nach dem Krieg, der so viel Elend über sie gebracht hat, 
mit einer Autonomie-Lösung noch zufrieden- geben, von der Forderung auf uneinge-
schränkte Unabhängigkeit also absehen, ist mehr als nur fraglich. Würde Kosovo 
unabhängig, wäre die «freiwillige und friedliche» Trennung der Albaner von den Ser-
ben - ein erneuter Akt ethnisch geprägter Umsiedlung - wohl unvermeidbar. Immerhin 
könnte auf diesem Weg gelingen, dass die Albaner den von ihnen geforderten unab-
hängigen Staat Kosovo erhielten, die Serben aber das von ihnen verehrte Heiligtum 
Amselfeld behalten könnten.
Kosovos Zukunft ist höchst ungewiss, der Weg zu einem von allen Betroffenen als 
gerecht empfundenen Frieden wohl noch sehr weit. Ob die kaum sehr gründlich 
durchdachte «Kanonenboot»-Politik der USA den Balkan dem Frieden näherge-
bracht hat, ist heute zumindest völlig offen.

H. R. Voegeli, Herrliberg

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