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Spalte rechts

Majestätsbeleidigung

Spalte rechts vom 12. Juni 1998 (Ausgabe Nr. 14)

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Eines kann man dem Eizenstat-II-Bericht zugute halten: Erstmals wird darin aus amerikanischer Sicht versucht, die während des Zweiten Weltkriegs verfolgte Neutralitätspolitik der Schweiz sowie einiger anderer Staaten einigermassen objektiv, zumindest differenzierter als früher zu beurteilen. Die Neutralität wird – bezüglich Schweiz – nicht mehr als «moralisch verwerflich» diffamiert, sondern als erfolgreiche Strategie eines umzingelten Staates verstanden, der sich – auch mittels eigener Verteidigungsanstrengungen – auf diese Weise seiner Haut zu erwehren wusste.

Was aber macht der Zürcher Tages-Anzeiger aus dieser Beurteilung? «Die Neutralen halfen den Nazis», lautet seine Schlagzeile – und sein Ziel ist klar: Die Schweiz soll, einmal mehr, «in die Pfanne gehauen werden». Verzichten amerikanische Stellen für einmal auf Ohrfeigen, so teilt sie der Tagi-Redaktor um so leidenschaftlicher aus. Ob der Tages-Anzeiger die Schweiz hasst?

Zwei Tage später gibt die gleiche Zeitung erneut eine Kostprobe ihres Charakters. Sie berichtet über den Besuch der Staatsoberhäupter unserer Nachbarstaaten im Bundeshaus in Bern anlässlich einer Feier «150 Jahre Schweizerische Bundesverfassung». Der Tages-Anzeiger kommentiert den Anlass abschätzig. Denn er ist den Veranstaltern gram. Weil sein Korrespondent – welch eine Majestätsbeleidigung! – während der Feier nicht zusammen mit den ausländischen Gästen im Nationalratssaal sitzen darf. Er wurde – wie alle andern Medienvertreter auch – aus Platzgründen in einen andern Saal «verbannt» – wohin die ganze Feier indessen in allen Details übertragen wird. Doch wer spricht von einwandfreier Übertragung: Medienleute ins Nebenzimmer zu verbannen!? – welch eine Anmassung! Verständlich, dass, wer als Sprachrohr der veröffentlichten Meinung derart hintangestellt wird, auf Rache sinnt. Und der Tagi-Redaktor gibt seiner Wut tags darauf auch zügellos Ausdruck: Er – Exponent eines sich plakativ weltoffen gebenden Blattes – hofft von seinem Verbannungsort aus ingrimmig auf Bananenschalen, auf denen die ausländischen Gäste auf der Bundeshaustreppe ausrutschen und hinschlagen sollen. Und dann träumt er auch noch davon, wie es wäre, von hoch oben «ein paar Wasserbomben auf Politikerglatzen werfen» zu können (TA, 5. Juni 1998, Seite 7).

Nicht wahr: Es gibt Leute, bei denen will und will sich die Pubertät nie verziehen. Und es gibt, siehe Tages-Anzeiger, Medien, die sich solch Ewig-Pubertierende als Bundeshauskorrespondenten glauben leisten zu können.

Ulrich Schlüer


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