Nr. 14, 5. Juni 2009

Konferenz von Durban II: Schreie, Getuschel, begossene Gärtner
Entgleisungen des Antirassismus

Von Dominique Baettig, Nationalrat, Delsberg JU

Bis vor acht Jahren lief alles bestens in der Welttheologie der Opfer. Zuoberst auf der Hit-Liste stand der Holocaust.

Er bezeichnet eine besondere Kategorie von Opfern, welche die Millionen von Russen, Deutschen, Amerikanern, Japanern, Chinesen und alle andern, Zivil- und Militärpersonen fast zur Anekdote macht, die während des Weltkonflikts massakriert wurden, der mit einem kulturell-finanziellen Modellsieg anglo-amerikanischer Prägung endete.

Der Titel des Hit-Siegers, der mit keinem andern vergleichbar ist (weit dahinter folgen die Kolonial- und zivilen Kriege, der Gulag, die sozialen Experimente der Roten Khmer oder eines Mao, die Deportation von Sklaven als Arbeitskräfte, was man heute Besiedelungs-Einwanderung oder Asylrecht nennt), ist bis heute unbestritten, unantastbar geblieben und hat viel dazu beigetragen, alle Gegner oder Kritiker der zionistischen Politik des Staates Israel oder der Einmischungskriege des amerikanischen Reiches des Guten in Misskredit zu bringen.

Verbrechen des Denkens

Hinzu kommt die Überheblichkeit, jede historische oder kritische Vision zu verbieten, jede freie Meinungsäusserung, jedes freie Denken, das anders ist als das der heutigen religiösen Hierarchie. Verboten auch jede Versöhnung, oder besser gesagt Amnestie, jede nüchterne Revision der Geschichte. Doch die Praxis der Kriminalisierung jeder Art von Kritik, des lukrativen Geschäfts der Wiedergutmachung, der automatisch an die nächsten Generationen weiter gegebenen Reue, des obligatorischen und exklusiven Erinnerns hat andere Opfer auf Ideen gebracht. Die Nachkommen der Afrikaner, die gegen ihren Willen nach Amerika verfrachtet wurden, und jene, die sich als Opfer der europäischen Kolonialisierung oder der Apartheid fühlen, stellen jetzt ebenso legitime und unkritisierbare Forderungen, auch wenn sie des «Rassismus» verdächtigt werden, dem Verbrechen des Denkens par excellence.

Der Islam mit seiner wachsenden Einflussnahme – der Schock der Zivilisationen – hat wohl verstanden, was für eine wirksame ideologische Waffe die Anpassung des kleinen antidiskriminierenden und antirassistischen Katechismus an die Islamkritik bedeutet. Die Islamophobie, so heisst das neue inakzeptable Verbrechen gegen den Geist, die Besiedelungs-Einwanderung und die neue globale Kolonialisierung.

Die Kritik an der untergeordneten Stellung der Frau im Islam, an dessen Verweigerung, Kirche und Staat zu trennen, am Unvermögen dieser Religion, den Text vom Geist des Textes zu trennen ist eine Form von Rassismus, der in den Bereich des Verbrechens des Denkens oder der Psychopathologie fällt. Die kulturellen Archaismen, die Tabus bei der Ernährung, die Grausamkeit gegenüber gewissen Tieren, die Steinigung werden zu unterschiedlichen kulturellen Glaubenshaltungen, die man respektieren und nicht kritisieren sollte, um nicht als «Rassist» exkommuniziert zu werden.

Reale und mythische Opfer

Von jetzt an spielt der Wettkampf zwischen den realen und mythischen Opfern um die besten Plätze in der Hit-Parade der moralischen Überlegenheit, der finanziellen Wiedergutmachungen, des sozialen Aufstiegs, der durch positive Diskriminierung beschleunigt wird, des kämpferischen und fordernden Kommunitarismus.

Störend bei der antirassistischen Haltung ist, dass sie immer einseitig ist und dazu auffordert, den Andern als liebenswürdig und positiv zu betrachten, um nicht als Verbrecher des Denkens strafrechtliche und soziale Verurteilung zu riskieren. Das Christentum sagt – und das macht ohne jeden Zweifel seine herausragende Dimension aus – man solle seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Das entspricht einer Geisteshaltung, die auf Freiwilligkeit beruht, grosszügig, respektvoll und nicht aufgezwungen ist und die kein Inquisitionsgericht anruft, das die Menschheit zu dauernder Exkommunikation verurteilt, wenn diese Haltung nicht systematisch umgesetzt wird. Die antirassistische Praxis ist nicht universell, sie mündet nicht in Gleichheit und Versöhnung, sondern in eine aggressive und pedantische moralische Hierarchie im exklusiven Dienst von Minderheiten, die sich auf Prinzipien der Inquisition, der Gedankenpolizei, der Verteufelung des Feindes und auf einen endlosen, im hysterischem Erinnern eingravierten Hass beruft.

In Durban griffen die aufsteigenden Mächte (Afrika, Islam) nicht nur, wie die classe politique weltweit, die ehemaligen Kolonialmächte oder die katholische Kirche (in ständiger und obligatorischer Reumütigkeit) an. Diesmal attackierten sie einen Kolonialstaat mit seiner paranoiden und aggressiven Sensibilität, der die Beschlüsse der Uno nicht respektiert, illegal Nuklearwaffen besitzt, der sich der totalen Strafbefreiung, des Schutzes und des Rechts auf Einmischung erfreut, der palästinensische Völker deportiert, eigene Bürger diskriminiert, seine Gegner hinrichtet, nachdem er sie verteufelt und entmenschlicht hat. Und kürzlich hat er in Gaza in einer assymetrischen Schlacht mehr als tausend Zivilpersonen massakriert, und das bloss aus innenpolitischer Wahltaktik. Genug der Straffreiheit, des Stillschweigens, des Kritikverbots. Genug des «macht, was ich sage, aber nicht, was ich mache». Dasselbe gilt für arabische Länder, die antikolonialistische Lektionen erteilen und ihre einstige (oder heutige) Rolle verschweigen bei der Versklavung der Schwarzen oder den neokolonialistischen Kriegen von heute. Die Gleichen, die von Italien für seine frühere Politik entschädigt werden, haben zugeschaut, wie ihre Würdenträger ihr maghrebinisches Personal wie Sklaven behandelten. Gegen erkleckliche Lösegelder werden europäische, der Hexerei beschuldigte Staatsbürger, als Geiseln festgehalten.

Kleinliche Logik

Die Konferenz Durban I hat die Büchse der Pandora mit den Entgleisungen des Antirassismus und seinen totalitären Auswüchsen, seinen Schauprozessen, seiner einseitigen kleinlichen Logik geöffnet. Diese absurde und surrealistische Logik muss ein Ende haben, und die Versuche der einzelnen Gruppen, andern ihre Hierarchie aufzuzwingen, muss vor der Mauer der Vernunft Halt machen. Bei jedem Antirassismus-Spielchen wird man immer ein neues Opfer finden, das noch mehr Opfer ist, oder das Opfer wird selber rassistisch (wie die Schlange, die sich in den Schwanz beisst). Denn es ist die Absicht, die zählt, und nur wer sich als Rassismus-Opfer fühlt hat das exklusive Recht, aus seiner subjektiven Sicht zu definieren, wer ihn diskriminiert. Der Antirassist ist immer der Rassist gegenüber einem andern bei diesem gegenseitigen Überbieten, das die menschlichen Beziehungen kriminalisiert.

Moralische Vorherrschaft

Selbst wenn Frau Calmy-Reys tiefere Gründe nicht die richtigen sind, wäre es nur recht und billig, dass die Schweiz in Genf mitmacht und sich von den Diktaten der Politik der USA, Israels und ihrer europäischen Verbündeten distanziert. Nachdem unser Land in Sachen Bankgeheimnis auf schändliche Weise herabgewürdigt und vom Reich des Guten zum Sündenbock gemacht wurde, ist es richtig, dass die politischen Behörden in Genf mit Herrn Ahmadinejad zusammentreffen und im Namen der Neutralität alle andern Opfer zu Wort kommen lassen, und das auf derselben Stufe wie die Obrigkeiten, die an moralischen Privilegien festhalten, die sie nicht verdienen. Die Amerikaner, die Israeli, die autoritären Drittweltstaaten, die Desinformationslabors sind nicht berechtigt, Lektionen über «ihre» Vision der Menschenrechte zu erteilen. Sollen sie sich nur lächerlich machen mit ihrem Wettstreit um moralische Vorherrschaft. Die Welt muss multipolar, offen, von Gegenseitigkeit regiert werden, und alle Opfer sind an sich ehrbar und gleichwertig. Es kann in diesem Bereich von Rechts wegen keinen Anspruch auf eine Wertehierarchie geben.

Wagen wir es, die Schlacht des Kampfes gegen die Diskriminierung zu eröffnen: An Überraschungen wird es nicht fehlen!

Dominique Baettig