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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 2. Juni 2006

Normalfall

Es stimmt: Vor Jahresfrist, im Schengen-Abstimmungskampf, haben wir mehrfach auf die Kosten hingewiesen, die der Schengen-Vertrag der Schweiz bescheren werde - auch in Form hoher Beiträge an jene Schengen-Staaten, welche die Schengen-Aussengrenze zu überwachen haben. Bundesbern und Verwaltungs-devote Medien dürfen uns gerne an diese Aussagen erinnern. Wenn sie dazu aber behaupten, damit hätten von diesen Kosten "alle gewusst", dann unterschlagen sie eines: Wer damals solche Berechnungen vorlegte, wurde von ihnen - von Bundesbern und Verwaltungs-devoten Medien - postwendend als "Populist", "Demagoge" und "Lügner" beschimpft. Und das, was gemäss heutiger Behauptung "alle gewusst" haben, wurde den Stimmbürgern gegenüber rigoros verschwiegen, bestritten, unterschlagen. Wer heute völlig unverfroren die Wahrheit von damals ins Gegenteil umzubiegen sucht, beweist vor allem eines: Politlüge ist in Bern, sobald es um die Unterstellung der Schweiz unter Brüssels Vorherrschaft geht, offensichtlich der Normalfall. Daraus können dann Konstruktionen von Polit-Behauptungen resultieren, die jegliches Mass übersteigen: Zum Beispiel, wenn aus "längst allgemein bekannten" Schengen-Kosten kurzerhand ein Schengen-Guthaben herbeigeschwatzt wird, aus dem die von der EU geforderte Kohäsionsmilliarde "budgetneutral" bezahlt werden könne: Abenteuerlichere Lügen hat man zuvor kaum je gesehen.

Und das Lügenkarussell geht weiter: Wer - wahrheitsgetreu - im Schengen-Abstimmungskampf auf die zu erwartende Rechnung bezüglich EU-Kohäsionsmilliarde hingewiesen hat, wurde damals sofort zum "populistischen Lügner" gestempelt. Doch heute entblöden sich die Ankläger von damals nicht, genau diese angeblichen "Lügner" als Zeugen dafür anzurufen, dass "man von dieser Forderung längst gewusst" habe. Nur dem Stimmbürger wurde sie verschwiegen. Wenn Bern für Brüssel weibelt, sind Politlügen eben der Normalfall.

Das nächste Kapitel folgt sogleich: Wer heute auf die von Brüssel im Blick auf den EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens zu erwartende Zusatz-Kohäsions-Forderung an die Schweiz von 350 Millionen Franken verweist, wird sofort der "lügenhaften Demagogie" bezichtigt. Obwohl Bern von höchster Warte aus der EU längst Zahlungsbereitschaft signalisiert - und jener Schweizer Botschafter, der diese Tatsache eidgenössischen Parlamentariern gegenüber korrekt bestätigt hat, von seiner Chefin, Bundesrätin Calmy-Rey, dafür aufs Grobschlächtigste zusammengestaucht worden ist. Es bleibt dabei: Wenn Bern seine Schliche Richtung Brüssel inszeniert, ist Politlüge der Normalfall. Der Bürger muss lernen, zwischen den Zeilen zu lesen.

Ulrich Schlüer

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