Spalte rechts

Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 17. Juni 2005

EU-Erpressung zur Personenfreizügigkeit
Brüssels Stimme

Die Ausgangslage ist glasklar: Irgendeine rechtliche Verknüpfung zwischen dem Schengen-Vertrag und der Personenfreizügigkeit, über die im September abgestimmt wird, besteht nicht.

Für das Anti-Schweiz-Manöver der EU-Aussenkommissarin Ferrero-Waldner gibt es damit auch nicht den Hauch einer irgendwie gesicherten Grundlage. Ferrero-Waldner setzte allein auf Einschüchterung - politische Erpressung war und ist ihr Ziel. Wie antwortet die Schweiz auf politische Erpressung?
Frau Calmy-Rey, zuständig für das EU-Dossier, reagierte einmal mehr kopflos. Und wurde dabei das Opfer der von ihr selbst inszenierten Desinformation im Vorfeld der Schengen-Abstimmung. Sie bestritt Aussagen und Fakten, die sie selbst wenige Wochen zuvor noch im Brustton felsenfester Überzeugung an einer Pressekonferenz vorgetragen hatte.Für ein Land, das selbstbewusst seine Interessen wahrnimmt, gibt es, wenn es Ziel einer politischen Erpressung wird, nur eine Antwort: Rückweisung und
Gegendruck! Dazu wäre eine bestens geeignete Handhabe da: Das Zinsbesteuerungsabkommen, Teil der Bilateralen II. Dieses beinhaltet die Zusage der Schweiz, auf Vermögen, die von Anlegern aus EU-Ländern auf Schweizer Banken deponiert werden, eine Verrechnungssteuer zu erheben und
diese an die Wohnsitzländer der Anleger zu überweisen. Dieses für die EU sehr vorteilhafte Abkommen setzt die Schweiz auf Drängen der EU vorzeitig bereits am 1. Juli 2005 in Kraft.

Wollte die Schweiz auf politische Erpressung seitens der EU im Hinblick auf die Personenfreizügigkeits-Abstimmung angemessen reagieren, dann gäbe es eine klare Antwort: Die Inkraftsetzung des Zinsbesteuerungs-Abkommens müsste so lange aufgeschoben werden, bis die EU von allen Manövern politischer Erpressung zum Nachteil der Schweiz formell Abstand nimmt.

Micheline Calmy-Rey, zu diesem Schritt aufgefordert, bekundet Angst. Die EU, jammert sie, könnte weitere Repressalien ergreifen. Damit macht sie sich den Standpunkt der Erpresser in Brüssel zu eigen. Damit verrät sie offenkundiges Recht der Schweiz.

Wie lange müssen wir noch warten, bis im Schweizer Aussenministerium endlich eine Persönlichkeit an der Spitze sitzt, welche vor allem andern die Interessen der Schweiz vertritt? Und nicht die Interessen Brüssels.

Ulrich Schlüer


**Weitere Kommentare**