Nr. 14, 7. Juni 2002
Warum die Medien die
DDR bis heute verniedlichen
Weisswäscher roter Regimes
Von Hans-Ueli Sonderegger, Herzogenbuchsee
Spätere Generationen werden sich im Zusammenhang mit der 1989 untergegangenen DDR vor allem die Frage stellen, warum diese zweite deutsche Diktatur von den Zeitgenossen so euphemistisch beurteilt wurde. Heute scheint diese Frage inopportun und untermauerte Antworten darauf erweisen sich geradezu als gefährlich.
Das jedenfalls muss der deutsche Historiker und Buchautor Hubertus Knabe erfahren. Gegen die Ver- öffentlichung seiner Antworten laufen Klagen mächtiger deutscher Medien. Und im Antrag auf eine einstweilige Verfügung gegen das Erscheinen seines Buches «Der diskrete Charme der DDR» wurde ihm eine Busse von 500'000 D-Mark oder sechs Monaten Haft angedroht. Im Gegensatz zur tagtägli- chen medialen «Aufarbeitung» der braunen Vergangenheit soll die Auseinandersetzung mit dem roten DDR-Regime unterbunden, ja tabuisiert werden.
Wahrheitsfindung
torpedieren
Die Beweggründe für diesen selektiven Umgang mit deutscher Zeitgeschichte
sind politischer, ideologi- scher, aber auch persönlicher Art. Umgang
und Verhaltensweisen so vieler Zeitgenossen gegenüber der Ostberliner
KP-Herrschaft sind für allzu viele aus der West-Prominenz kein Ruhmesblatt,
stellt deren Urteilsvermögen ebenso in Frage wie die ideologischen und
parteipolitischen Affinitäten und Opportuni- täten auf den Prüfstand
der Geschichte. Neben der moralischen Frage stellt sich damit aber auch jene
der Macht. Es sind nicht wenige, die den schmählichen Abtritt der einst
von ihnen hofierten «zehnt- grössten Industrienation» an
Schaltstellen politischer und publizistischer Macht unbeschadet über-
lebten. Und das soll, bitte, so bleiben.
Nicht aber für Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen im ehemaligen Stasi-Zentralgefängnis und langjähriger Mitarbeiter der Gauck-Behörde. Seine höchst unbequemen Antworten auf die doch höchst aktuelle Frage nach den Ursachen der Salonfähigkeit der einst zu Recht geschmähten deutschen kommunistischen Diktatur schöpft er aus deren Nachlass, den Archiven des Ministeriums für Staatssicherheit. Grosse Teile davon sind zwar vernichtet, vieles noch unter Ver- schluss: Und bei den westdeutschen Stasi-Verstrickungen «ist man», so Knabe, auch heute noch mit vielfältigen Bemühungen konfrontiert, die Wahrheitsfindung zu erschweren.
Nicht weniger als 20'000 bis 30'000 Westdeutsche fanden sich bereit, für die Stasi als Inoffizielle Mitar- beiter (IM) zu arbeiten. Doch nicht primär um die heimlichen Zuträger des Staatssicherheitsdienstes geht es Knabe. Die Weisswäscher des roten Regimes spürt der unerschrockene Historiker in weiten Kreisen der westdeutschen Politik und Publizistik auf. Und da fallen so prominente Namen wie Egon Bahr, Günter Gaus, Günter Grass, Bernd Engelmann, Theo Sommer, Henri Nannen; Publikationen wie die ihres hochstehenden «liberalen» Journalismus gerühmten «Zeit», «Spiegel», «Süddeutsche Zei- tung», «Stern», TV-Sendungen wie «Panorama» oder «Aktenzeichen D».
West-Medien
als Ost-Instrumente
Vor allem am Beispiel der bundesdeutschen Medien beleuchtet Knabe die «diffizile
Verstrickung der westdeutschen Gesellschaft mit der SED-Diktatur». Ihnen
schenkten die Machthaber der DDR mit Absicht ihre besondere Aufmerksamkeit.
Zielstrebig nutzten sie Ostberlin als Vehikel zur Beeinflussung der öffentlichen
Meinung im Westen, als Weichzeichner der DDR-Realitäten und zur Eindämmung
des antikommunistischen Einflusses in der Bundesrepublik. Unter den westdeutschen
Journalisten liehen nicht wenige den Ostberliner Sirenengesängen ihr
Ohr, vor allem dank dosierter Informationen oder begehrter Einladungen, die
nicht zuletzt auch dem jeweiligen Ego schmeichelten. So kehrte die Jour- nalisten-Prominenz
der hochgelobten Hamburger «Zeit» schon 1964 von einer damals
äusserst exklu- siven DDR-Reise mit der Erkenntnis zurück, der Westen
müsse von der Perspektive der Wiedervereini- gung Abschied nehmen. Wer
die Gegenrevolution fordere, werde die allmähliche Evolution blockieren,
so Theo Sommer.
Detailliert zeichnet Knabe nach, wie es der Stasi in den frühen sechziger Jahren schon gelang, Kon- takte zu massgeblichen Medienleuten der Bundesrepublik herzustellen, die mehrheitlich in Opposition zur damaligen CDU-Regierung standen. Das Beispiel Jochen Steinmayers etwa, Mitarbeiter von «Stern» und «Zeit-Magazin», illustriert die bedeutende Rolle westlicher DDR-Sympathisanten als Einflussagen- ten in der bundesrepublikanischen Publizistik, aber auch als Berater für die Stasi-Arbeit im Westen. So empfahl Steinmayer direkte Kontakte zu den Hauptredaktionen, um die in der Regel kritisch über die DDR berichtenden Westberliner Korrespondenten zu «isolieren». Durch exklusive Berichterstattung ausgewählter Journalisten über die DDR könnte deren Publizität enorm zunehmen. Ein Rezept, das wie Knabe richtig bemerkt, schon von Stalin in den dreissiger Jahren gegenüber Westjournalisten erfolgreich angewendet worden ist. Über solche Kontakte trachtete die Stasi indessen nicht nur das Bild der DDR zu schönen, sondern auch Einfluss auf die bundesrepublikanische Politik zu nehmen.
Der
Hamburger «Stern» als Ostberliner Star
Auf besonders fruchtbaren Boden fielen die Bemühungen Ostberlins beim
Hamburger Magazin «Stern», das «unter seinem Chefredaktor
Henri Nannen wie kein anderes Massenblatt eine ungewöhnliche politi-
sche Affinität für kommunistische Diktaturen entwickelte».
In der Stasi-Hinterlassenschaft «stösst man immer wieder auf Dokumente,
die von den engen Verbindungen des Stern in die DDR zeugen». Ausser
dem erwähnten Vize-Chefredaktor Steinmayer hielt auch der Berliner Korrespondent
Hansjakob Stehle regen Kontakt zu Ostberlin, und dieser wurde auch als späterer
Mitarbeiter von «Zeit» und ARD als Stasi-Kontaktperson geführt.
Der «Stern» betätigte sich indessen nicht nur als DDR-Weichzeichner
und Hofberichterstatter aus Ostberlin. «In auffallender Häufigkeit
veröffentlichte er zudem von östlichen Ge- heimdiensten lancierte
Artikel zur Desinformation und beteiligte sich führend an Kampagnen gegen
CDU-Politiker wie Bundespräsident Heinrich Lübke und Bundestagspräsident
Eugen Gerstenmaier, die schon den Zeitgenossen, so Knabe, als DDR-inspiriert
erschienen.
Politisch aufgeschlossene Gesprächspartner, die für die Medienoffensive der kommunistischen SED eingespannt werden konnten, suchte man vor allem unter den der SPD nahestehenden Journalisten. Ansatzpunkte für die politische Umarmung war die gemeinsame Gegnerschaft gegen die CDU, aber auch die Überzeugung vieler Sozis, «dass der Feind in Deutschland rechts stehe und der Antikommu- nismus ein Grundübel der Epoche» sei. Vor diesem Hintergrund erschienen die Machthaber der DDR nicht als skrupellose Diktatoren, sondern als Verbündete. Einblick in die Methoden dieser Arbeit der Stasi vermitteln die Berichte ihres Mitarbeiters von Berg an seinen Führungsoffizier, die durch Zufall der Vernichtung entgangen sind.
Bahr
und Brandt: das Duo infernal
Die Einfallstore für die SED-Propaganda öffneten vor allem der Paradigmenwechsel
der sechziger Jahre und die daran anschliessende Entspannungspolitik Willy
Brandts und Egon Bahrs. Für letztere war die Normalisierung mit dem Osten
Teil der erfolgreichen Strategie, in Bonn die Macht zu erobern. Dabei schreckte
das SPD-Duo nicht davor zurück, auf die Hilfe der DDR-Machthaber zu setzen:
Über meist journalistische Kanäle betrieb Bahr eine Art Nebenaussenpolitik,
die teils Züge eines echten «Kom- plotts» gegen die Bonner
Regierung trug.
SED-Schützenhilfe nutzte der später zum Friedensfürsten hochstilisierte Brandt aber auch in der inner- parteilichen Auseinandersetzung mit seinem eher konservativen Rivalen Erler, indem er auf Belastungs- material aus Ostberliner Quellen zurückgriff. Um ihre neue Ostpolitik publizistisch abzusichern, setzte sich Bahr, ausgestattet mit «einem feinen Gespür für die Bedeutung der Medien in der Politik» hinter den Kulissen als einer der ersten dafür ein, das Bild der DDR in den westdeutschen Zeitungen zu «ver- sachlichen», will heissen: zu beschönigen. «Entfiel der Kommunismus als Feindbild, so ahnten die Sozialdemokraten, stiegen automatisch auch ihre Wahlchancen.» Entsprechend bemühte sich Bahr um einen Paradigmenwechsel in der Personalpolitik: «Junge progressive Journalisten sollten die kalten Krieger» im Westberliner, für die DDR-Berichterstattung massgeblichen Journalismus ersetzen. Dem Wunsch, den die SPD mit dem Presseamt der DDR teilte, wurde offenbar im Einflussbereich der SPD, beim ZDF etwa, oder bei linksliberalen Blättern ohne Skrupel nachgelebt.
Den antitotalitären Konsens in der innerdeutschen Politik, der die bundesrepublikanische Nachkriegs- zeit auszeichnete, beendete indessen endgültig die Kulturrevolution der 68er. Zielstrebig ging Ostberlin daran, die frühen Träger des antikapitalistischen Kampfes, insbesondere den Sozialistischen Deutschen Studentenbund SDS zu unterwandern und den lautstark beschworenen Antifaschismus den eigenen Zwecken dienstbar zu machen. Bemühungen, die in den inszenierten Hetzkampagnen gegen den Sprin- ger-Verlag kulminierten, dessen Publikationen sich konsequent für die deutsche Wiedervereinigung und gegen die Anerkennung der roten Diktatur richteten.
Damit war auch jene Infrastruktur geschaffen, die es der DDR in den frühen achtziger Jahren ermög- lichte, die westdeutsche Friedensbewegung für ihren Kampf gegen die Nato-Nachrüstung und gegen US-Präsident Reagan zu instrumentalisieren. «Stasi-Chef Mielke» hatte seinen Dienst angewiesen, die Anti-Raketen-Bewegung in der Bundesrepublik durch geeignete wirksame aktive Massnahmen zu unter- stützen. Um die Nato-Nachrüstung zu verhindern, versuchte die Sowjetunion damals auch die Differen- zen zwischen Europa und den USA künstlich anzuheizen, wobei KGB und Stasi eine wichtige Rolle zufiel. In einem Papier vom September 1982 über gemeinsame Massnahmen der beiden Ost-Geheim- dienste heisst es: «Im Zusammenhang mit dem (von Massendemonstrationen begleiteten) Reagan- Besuch seien Massnahmen mit Massencharakter in der Bundesrepublik und in Westberlin politisch und organisatorisch mitorganisiert und gestaltet worden.»
Dabei konnte Ostberlin auf die publizistisch-propagandistische Begleitmusik der ihm schon lange wohl- wollend gesinnten Westmedien zählen, allen voran auf den «Stern». Dieser spielte, so Knabe, in der vom MfS geförderten Anti-Raketen-Bewegung «eine wichtige Rolle, indem er etwa die USA mit eingän- gigen Titelbildern als unverantwortlichen Kriegstreiber hinstellte». Aber auch auf die Dienste des west- deutschen Schriftstellerverbandes, der unter dem Vorsitzenden Engelmann ins Fahrwasser der SED geraten war, konnten sich die Ostberliner Agitatoren verlassen. Gemeinsam mit dem DDR-Schriftstel- lerverband warf er den USA vor, «die Gefahr eines Atomkrieges heraufzubeschwören». Von der sowjeti- schen Raketen-Aufrüstung, so Knabe, kein Wort.
Wer
nicht spurt, wird diffamiert
Teile der westdeutschen Publizistik begnügten sich derweil nicht damit,
als Organe der DDR-Propa- ganda Schönfärberei und Agitation zu betreiben.
Eines der wohl düstersten Kapitel sind die Diffamie- rungskampagnen gegen
missliebige, d. h. konservative Berufskollegen und Dissidente. So beteiligte
sich der «Stern» an einer von Ostberlin gesteuerten Hetze gegen
den besonders verhassten West- Journalisten Gerhard Löwenthal, in dem
dieser als «gern gesehener Gast des westdeutschen Abwehr- Chefs»
diskreditiert werden sollte. Und ebenfalls im «Stern» erschien
ein von Ostberlin gesteuerter Artikel über Solschenizyn unter dem Titel
«Eine Familie von Flegeln», mit dem der antikommunistische Schriftsteller
in ein schiefes Licht gerückt werden sollte.
Allein die von Knabe zutage geförderten Fakten zeigen die politische und persönliche Brisanz der noch vorhandenen Stasi-Akten, die für allzu viele Macht- und Prestigeträger in der alten Bundesrepublik mehr als peinlich, teils gar an der Grenze des Strafrechtes liegen. Peinlich sind Zeugnisse politischer Blind- heit und ideologischer Affinitäten vor allem für jene, die offenbar bis zuletzt den Propagandaschalmeien, dem diskreten Charme der DDR erlegen waren. So konnte ein Theo Sommer («Die Zeit») in Wiederho- lung seiner Kommentare zur ersten DDR-Reise noch 1986 berichten, der zweite deutsche Staat sei «souveräner und gelassener geworden». Und seinen hofierten Gastgebern konnte er lobhudeln, dass sich «nicht nur im Wohnungsbau, sondern praktisch auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens eine Wende» vollzogen habe. Und aus der Feder seiner Mitarbeiterin Nina Grunenberg war zu lesen, die SED verhandle mit der SPD, «weil ihr die 1933 verspielte Einheit der Arbeiterklasse so am Herzen liege». Zu Recht hiess es im Stasi-Rapport über die «Zeit»-Reise, sie stelle «einen gelungenen Beitrag zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung in der Bundesrepublik dar».
Dass diese Beeinflussungen durch die hochgejubelten linksliberalen deutschen Medien am Rhein nicht Halt machten, ist jedem kritischen Zeitgenossen noch in schlechter Erinnerung. Auch linksliberale Schweizer Gazetten, man denke etwa an die unsägliche Berichterstattung des DDR-Korrespondenten des «Tages-Anzeigers», taten sich, auf den Rockschössen ihrer grossen deutschen Vorbilder «Spie- gel», «Zeit» und «Süddeutsche Zeitung», durch Wohlwollen und Ausschalten sonst um so eifriger bemühter Kritik hervor. Nicht zu reden von der heute noch unfassbaren Kumpanei der Schweizer Sozis mit ihren «lieben» DDR-Genossen.
Doch über solche Peinlichkeiten hilft, hüben wie drüben, kollektives Stillschweigen hinweg. So bleibt die ideologische, parteipolitische und persönlich motivierte Bruderschaft so vieler mit der zweiten deutschen Diktatur unter dem Tisch, bleibt Renommé unbeschadet, bleiben ein Egon Bahr, ein Günter Gaus oder ein Wallraff jederzeit als kompetente Zeitzeugen in deutschen Fernseh-Sendungen willkommene Ehren- männer. Und ein Sozi namens Peter Vollmer unangefochtener Nationalrat des Standes Bern.
HUS