Nr. 14, 7. Juni 2002

Wohlfahrtsstaat in der Sackgasse
Wenn die Neidgesellschaft siegen würde
Von Robert Nef, Leiter des Liberalen Instituts, Zürich

Die Probleme der Schweiz mit der Umverteilung und der Finanzierung des Wohlfahrtsstaats manifestieren sich auf einem hohen Niveau des Lebensstandards. Dies erleichtert ihre Lösbar- keit nicht.

Wir sind sozial abgesichert, verwöhnt und wenig flexibel. Dies ist im Hinblick auf die Bereitschaft zum Umdenken und Umstellen auf neue Technologien und auf globale Herausforderungen mehr als nur ein Handicap. Der Reiche (auch der reiche Staat) kann sich ein ökonomisches Fehlverhalten länger leisten als der Arme, er wird später aber um so härter getroffen. Unser Haupttrumpf ist und bleibt die Kleinheit in Verbindung mit Vielfalt: die Konkurrenz der Gebietskörperschaften, welche die politisch-administrati- ven Systeme unter Leistungsdruck setzt und durch Vergleichsmöglichkeiten Transparenz schafft und erhöht. Nicht zu unterschätzen ist auch die legale und zu Unrecht kritisierte dauernde und auch klein- räumig und innerstaatlich offenstehende Möglichkeit der Verlegung des Wohn-, Geschäfts- und Steuer- domizils, die «Abstimmung mit den Füssen», die durch keine «Berliner Mauer» verhindert wird.

Die Kombination von unbegrenzter repräsentativer Demokratie und Wohlfahrtsstaat ist auf die Dauer verheerend. Eine Mehrheit von Nutzniessern versucht, das staatliche Leistungs- und Versorgungsange- bot zu ihren Gunsten auszuweiten und die Bezahlung einer hoch und progressiv besteuerten Minderheit anzulasten. Beide Rezepte sind fast grenzenlos populär. Umverteilungsfreundliche Volksbeglücker werden nicht müde, die «Reichen» und «Besserverdienenden» anzuprangern und die an den Neid appel- lierende problematische These zu verbreiten, die Armen seien arm, weil die Reichen reich seien. Es gehe nun darum, durch Umverteilung den Grund des Neides zu beseitigen, da es unter «Gleicheren» weniger Neid und mehr Solidarität gebe.

Dadurch wird der Solidaritätsbegriff verfälscht und missbraucht. Echte Solidarität basiert auf einer sozia- len Praxis Gleichgesinnter und kann nicht durch umverteilende Sozialgesetzgebung erzwungen werden. «Solidarität auf Rechnung Dritter» gibt es nicht, und trotzdem feiert man damit Wahlerfolge. Die derart fremdbestimmte und massiv steuerbelastete Minderheit der inanziell Leistungsfähigen kann sich letzt- lich nur noch durch Steuerwiderstand zur Wehr setzen oder sich absetzen, was sie dem Bannfluch des Publikums aussetzt, welches seinen Neidgefühlen freien Lauf lässt und darin von den Massenmedien lauthals unterstützt wird.

Gegenmittel
Das Gegenmittel ist ein direktdemokratisches Bremssystem in Verbindung mit konkurrierenden Steuer- subjekten, welche die Transparenz von Staatsaufgaben, Staatsausgaben und Staatseinnahmen herstel- len und die Überwälzung von Kosten auf wohlhabende Minderheiten und auf die nächste Generation institutionell einschränken. Die Formel könnte lauten: Kleiner Staatsapparat, limitierte und transparente Staatsaufgaben, limitierte Steuern und ein limitierter politischer Zugriff auf Freiheit und Eigentum. Die Schweiz hat damit ­ vor allem im letzten Jahrhundert ­ gute Erfahrungen gemacht. Wir sind allerdings leider kontinuierlich daran, die unbestreitbaren Vorzüge eines solchen Systems durch weitere Zentrali- sierung und Bürokratisierung und durch die Alimentierung einer riesigen Maschinerie der Intervention, der Kontrolle und der Umverteilung zu beeinträchtigen.

Konsequenz der Umverteilung
Was uns von Sozialdemokraten, Interventionisten, Egalitaristen und Umverteilungs-Etatisten aller Par- teien als «Modernisierung mit sozialem Antlitz» angeboten wird, ist ­ längerfristig gesehen ­ nichts anderes als der weitere Vormarsch in eine Sackgasse. Dadurch gelingt es einer von diesem Fehl- system gut alimentierten Gruppe von Politikern und Bürokraten, die wahren Zusammenhänge zu vertu- schen und die Tatsache der leeren Kassen propagandistisch zu verdrängen. Die Einsicht ist schmerz- lich, aber zutiefst notwendig: Eine Gesellschaft muss auf dem Grundsatz der selbsttragenden Kosten- und Nutzenteilung basieren. Staatliche Hilfe und Unterstützung durch zwingende Umverteilung müssen die begründete Ausnahme und dürfen nicht die allgemeine Regel sein.

Die Folge davon ist ein gewisses Mass an Ungleichheit. Dies stimmt möglicherweise weder mit dem Postulat nach «sozialer Gerechtigkeit» noch mit der ethischen Forderung überein, dass «einer des andern Last» trage, aber es entspricht jenem «ethischen Minimum», das in einer grössern politischen Gemeinschaft auf die Dauer ohne totalitäre Mittel erzwingbar ist.

Widerstand
Eine sozialpolitische Selbstbedienung durch Umverteilung zu Lasten der Reichen, die bezahlen, weil ihnen an der Erhaltung des sozialen Friedens liegt, kann auf die Dauer nicht funktionieren. Unbegrenzte Wünsche kollidieren früher oder später mit begrenzten Bereitschaften. Die Frage, ob diese Abgrenzung nun «gerecht» oder «fair» sei, lässt sich auf dem Hintergrund tatsächlicher und empirisch erhärteter Verhaltensweisen nicht beantworten, denn ein gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches System basiert auf Menschen, wie sie sind, und nicht wie sie ­ nach irgendwelchen übergeordneten Idealen ­ sein sollten.

Der Steuerwiderstand der hoch Besteuerten ist eine normale und sogar weitgehend berechenbare Reaktion, und es gibt international genügend Beispiele für die Tatsache, dass die Steuerschraube nicht unbegrenzt und ohne nachteilige Folgen für Volkswirtschaft und Staatsfinanzen angezogen werden kann. Sobald eine auf öffentliche Mittel angewiesene Mehrheit ökonomisch über ein umverteilendes Steuersystem von einer produzierenden und hoch besteuerten Minderheit abhängig ist und das Ge- samtsystem von einer politischen Klasse gesteuert wird, welche von diesem Prozess lebt und den Neid polit-ökonomisch bewirtschaftet, ist das Mehrheitsprinzip korrumpiert und zum Untergang verurteilt. Das hohe Degenerationspotential einer Gefälligkeitsdemokratie ist übrigens bereits in der antiken Staats- formenlehre (unter andern von Aristoteles) entdeckt und analysiert worden.

Wettbewerb garantiert Kontrolle
Der politische Prozess sollte in einer Demokratie ein dauernder Wettbewerb sein um die Kontrolle der Regierungsmacht und um ihre scharfe Beobachtung beim sparsamen Einsatz von Steuergeldern. Dies ist auf die Dauer nur möglich, wenn eine Mehrheit ein eigenes Interesse am wirtschaftlichen Einsatz öffentlicher Mittel hat, weil sie in vergleichbarer Weise mitbeteiligt und mitbetroffen ist. Andere Systeme, in welchen dauernd und zunehmend Minderheiten bezahlen und Mehrheiten (als Klienten und als Funk- tionäre) profitieren, sind ­ unabhängig von ihrer Abstützung auf irgendwelche «höhere Gerechtigkeit» ­ letztlich auf die dauernde Vertuschung von Fakten und auf einen zunehmenden Propagandaaufwand angewiesen. Politik wird zu einem inszenierten Infotainment jener Gruppen, die davon profitieren und die den Prozess durch «Brot und Spiele» in Gang halten. Eine volkswirtschaftliche Produktivität ist damit nicht verbunden. Dies ist auch der Grund, warum solche Systeme letztlich am Prinzip der Nachhaltig- keit scheitern. Nur kann dieser Prozess des Scheiterns lange dauern und von allen Betroffenen und Beteiligten einen hohen ­ einen zu hohen ­ Preis fordern.

Robert Nef