Nr. 14, 9 Juni 2000
Biblisches Steuerbrevier
Nehmen Sie jetzt bitte Ihre Bibel und lesen Sie: Matthäus, Kapitel 22, Vers 21, anschliessend Markus, Kapitel 12, Vers 17, und dann noch Lukas, Kapitel 20, Vers 25. Wie bitte? Sie haben gar keine Bibel zur Hand? Schlimm, sehr schlimm! Dann muss ich Ihnen halt verraten, was Sie gelesen hätten - nämlich dreimal genau dasselbe, und zwar: «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!»
Wie gesagt, respektive wie geschrieben, dieser Satz steht nicht weniger als dreimal in der Bibel. Aus diesem Grund bezahlt man in der Schweiz drei verschiedene Steuern: die Gemeindesteuern, die Kantonssteuern und die Bundessteuern. Man sagt dem die «direkten» Steuern. Mit der Bibel nehmen wir es in unserem Land ganz genau. Was beispielsweise «Gottes ist» können wir bequem über die Kirchensteuer abbuchen. Etwas Mühe haben wir mit dem Kaiser, dem man auch etwas geben soll. Einen solchen haben wir nicht, sondern zwei Bundesrätinnen und fünf Bundesräte. Deshalb musste noch ein ganzer Strauss sogenannter «indirekter» Steuern erfunden werden, denn gemäss der Bibel hat eben jeder Regierende etwas zugut. Schliesslich sind wir selber schuld, dass wir keinen Kaiser haben. Ein solcher wäre zwar kaum kostengünstiger, aber vielleicht weniger kompliziert als sieben Magistraten, von denen man nie weiss, ob sie Krach haben miteinander und ob sie im Moment überhaupt im eigenen Land sind. Doch das nur nebenbei. Also mit den «indirekten» Steuern ist es so eine Sache. Bei genauer Überlegung ist nur die Hundesteuer «indirekt».
Der Hund bezahlt diese nämlich nicht selber... Irgendein schlauer Mensch ist nun auf die Idee gekom- men, man könne auch die Steuern für das Motorfahrzeug, für die Liegenschaft, für das Erben, das Bier, den Tabak und für den Mehrwert als «indirekt» bezeichnen. Jedes Jahr gibt es neue indirekte Steuern. Wir müssen den Gürtel enger schnallen, und damit sich die Benutzer von Hosenträgern nicht drücken können, wurden neben den drei direkten und den vielen indirekten Steuern die Gebühren und Abgaben erfunden.
Kleine Zwischenfrage: Haben Sie noch etwa zwei bis drei Stunden Zeit zum Weiterlesen? Dann will ich Ihnen gerne alle auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene bestehenden Gebühren aufzählen. Vermut- lich sind Sie gestresst, so dass ich das Thema «Abgaben und Gebühren» mit dem Ihnen sicher bekannten Spruch erledigen kann: «Würde heute der Gessler noch leben, wir müssten ihm nur den Zehnten geben!» Unsere gegenwärtigen Regierungen würden sogar für die vorgeschriebene Verbeugung vor dem Hut auf der Stange noch eine Gebühr erheben...
Es gibt einen kleinen Trost: Wer wie ein Höhlenbewohner lebt, wer auf totalen Konsumverzicht macht und nichts arbeitet, der braucht dem Staat nichts zu geben. Und wer per Zufall einer dieser von den Linken gehätschelten alternativen Randgruppen angehört, der bekommt dafür sogar noch Geld. Liebe Leserinnen und Leser, Ihr könnt Euch nun selber lieb sein! Ich muss das komplizierte Steuerbrevier für dieses Mal beenden, jedoch nicht ohne nochmals auf die Bibel zurückzukommen: Sprüche Salomos, Kapitel 29, Vers 4. Hier heisst es in der nicht mehr sehr bekannten Bibelübersetzung eines Doktors mit Namen Hermann Menge: «Ein König verleiht durch Gerechtigkeit dem Land Bestand; aber einer, der immer neue Abgaben erpresst, richtet es zugrunde!» Alles klar, oder habt Ihr noch irgendwelche Fragen, geehrte Damen und Herren Gemeinde-, Kantons-, Gross-, National-, Stände- und Bundesräte und -rätinnen?
Ernst Tschanz