Nr. 14, 9 Juni 2000

Aufmüpfige Nato-Partner
Amerikas Mühe mit seinen Alliierten
Von Richard Anderegg, Washington

Die uneingeschränkte Dominanz der USA weckt bei den Nato-Alliierten zunehmend das Bedürfnis, sich zu emanzipieren, an Eigengewicht zuzulegen. Das grosse Jubiläumstreffen der Nato im April 1999, völlig im Schatten der Bomber-Einsätze gegen Jugoslawien stehend, machte eines deutlich: Die Nato war faktisch in die Rolle eines Trabanten der US-Streitkräfte gerutscht. Die Augen und das motorische Zentrum der Nato sind in Amerika. Washington liefert die Erkenntnisse über Feindabsichten, stellt die schweren Transportmittel zur Verfü- gung, gewährleistet den Nachschub und stellt die permanente Feindbeobachtung und Lageanalyse sicher.

Aus diesen Gründen verlangte der deutsche Verteidigungsminister Scharping anlässlich des genannten Treffens für die Nato-Partner eigene Grossraumtransporter, Frühwarnflugzeuge und einen eigenen weltweiten Nachrichtendienst für die unabhängige Beurteilung der strategischen Grosswetterlage. Die Amerikaner reagierten auf diese Forderung zurückhaltend. Selbstverständlich sei es erwünscht, wenn die Nato-Alliierten mehr Geld, Truppen, Rüstung und Nachschub zur Verfügung stellten. Auch Gross- raumtransporter wären willkommen. Erwünscht ist aber nichts, was einen Nato-Alliierten bezüglich Lagebeurteilung und Planung unabhängiger machen könnte.

Amerikas Vasallen
Zwar sollen die europäischen Hilfskräfte der Nato nach Auffassung der Amerikaner Operationen ohne US-Truppen ausführen dürfen - dies aber nur im Einverständnis oder auf Befehl Washingtons. Die geforderte Eigenständigkeit stösst ausserdem an finanzielle Grenzen. Ein unabhängiger Nachrichten- dienst erfordert eigene Satelliten. Zu deren Finanzierung sind die Regierungen der europäischen Nato- Staaten nicht in der Lage. Aufbegehren gegen die Allmacht des transatlantischen «Bosses» ist eines, die Finanzierung der gewünschten Eigenständigkeit etwas anderes. Mit bewundernswerter Ehrlichkeit hat denn auch vor einigen Jahren der ehemalige amerikanische Sicherheitsberater Zbigniew Breze- zinsky die Nato-Staaten als «Amerikas Vasallen» bezeichnet.

Die grossen, von den USA dominierten Allianzen kranken alle daran, dass sie so geführt werden, als gäbe es nur die Alternative Siegen oder Verlieren. Dieses Denken führt, wie Beispiele weltweit zeigen, in eine Sackgasse.

Widerstand im Osten...
Südkoreanische Armeekreise sind mit den in ihrem Land errichteten Minensperren, die das amerikani- sche Oberkommando für unverzichtbar erachtet, nicht einverstanden. Ein Einfall Nordkoreas wäre heute, meinte kürzlich ein südkoreanischer Offizier in Washington, auch ohne Minen zu stoppen. Die ameri- kanische Forderung nach einer dichten Minensperre vermittle - nicht zuletzt den Nordkoreanern - den Eindruck, dass die südkoreanischen Streitkräfte unzuverlässig seien. Im Fernen Osten hat sich aufgrund der Beschränkung der japanischen Armee auf blosse Landesverteidigung - dies ist eine den Japanern nach dem Zweiten Weltkrieg auferlegte Bedingung - zunehmend ein militärisches Machtva- kuum geöffnet, das die USA je länger desto weniger auszufüllen bereit sind, das sie aber auch nicht von irgendwelchen Dritten gefüllt sehen möchten. Der Mittlere Osten, die Region zwischen Indien und dem Mittelmeer, hat machtpolitisch keine überschaubare Struktur mehr. Die negativen  Folgen der amerikanischen Kampfeinsätze im Irak halten an; die Regierungen in der Region, die im Golfkrieg Alliierte der USA waren, sind in schwierige Situationen geraten, weil die eigenen Völker den andauern- den Kriegszustand missbilligen, was die Stellung der dortigen Regierungen zunehmend unterhöhlt. Der innere Machtkampf im Iran ist noch nicht entschieden. In Irans unmittelbarer nördlicher Nachbarschaft, in den neuentstandenen unabhängigen Republiken der früheren Sowjetunion, arbeitet Russland darauf- hin, seine Autorität wiederherzustellen. Dazu gehören Moskaus neuste Drohungen gegen Afghanistan. Es bestehen somit zahlreiche Spannungsgebiete, die nach Lösungen rufen.

...und im Westen
Als Folge einer militärischen Aktion, die keine militärische Entscheidung herbeiführte, sondern Chaos schuf, befindet sich der Balkan in einer Krise. Die Art, wie die amerikanische Aussenministerin Made- leine Albright die Verhandlungen in Rambouillet stur in Richtung Konfrontation lenkte, was schliesslich zum Waffeneinsatz führte, wird zunehmend kritisiert. Ein weiteres Beispiel kurzsichtigen militärischen Denkens am falschen Objekt liefert Frau Albright mit der Verteidigung der von Anfang an unwirksamen Sanktionspolitik gegen Iraks Saddam Hussein.

Die Art und Weise, wie die Amerikaner ihre Allianzen pflegen, weckt zunehmend Widerstand. Nach US- Auffassung sind Allianzen nicht Zweckorganisationen Gleichgesinnter, die gemeinsam nach Lösungen suchen. Für die Amerikaner sind Allianzen Kampfbündnisse von bedrängten Staaten gegen einen gemeinsamen Gegner, dem gegenüber nur zwei Möglichkeiten existieren: Entweder gewinnt die Allianz oder es gewinnt der Gegner. Solche Alternativen sind seit dem Ende des Kalten Kriegsschlicht falsch. Sie fördern Konflikte, statt dass solche eingedämmt werden.

«Kriegsgurgeln»
Ein bekannter Autor über strategische Fragen, Edward Luttwak, brachte mit Galgenhumor den Satz zu Papier: «Gebt dem Krieg doch eine Chance!» Nach Luttwaks Überzeugung ist Krieg ein Mittel, einen Konflikt zum Frieden zu führen. Seit der Errichtung der Uno hätten aber die Grossmächte kaum je einen Krieg «ausbrennen» lassen. Konflikte seien vielmehr auf halbem Weg erstickt worden, wonach sie dann jahrelang weitermotten. Doch in der amerikanischen politischen Literatur wird öfter die Meinung vertreten, man müsse militärisch aufmarschieren, um Allianzen für den Frieden zu schaffen. Wenig Verständnis für solch kriegslüsterne Auffassungen hat das amerikanische Volk. Seine Zurückhaltung hat politische Analytiker zur Aussage veranlasst, das amerikanische Publikum wende sich von der Welt ab und werde isolationistisch - eine Haltung, die angesichts der Ereignisse in Somalia, Haiti, auf dem Balkan und in Kolumbien nachvollziehbar ist.

Richard Anderegg