Asylbewerber lehnen Zivilschutzanlage
als Unterkunft ab
«Unter unserer Würde»
Von Charly Pichler
Die kleine, in wunderbarer Hügellandschaft gelegene Ortschaft Häggenschwil
hat eine Kirche, fünf Restaurants, einen bestens bestückten Dorfladen, einen
1 Kilometer entfernten Bahnhof sowie 1100 Einwohner, von denen der Gross-
teil stinkesauer ist. Was ist geschehen? Die Verantwortlichen des Asylanten-
Durchgangsheims «Bommerstein» in Mols bei Walenstadt hatten beschlos-
sen, die bislang so friedliche Gemeinde Häggenschwil im Zuge zuvor abge-
sprochener «Solidaritätsmassnahmen» mit der Entsendung von 10 Asylbe-
werbern, mehrheitlich aus dem Kosovo, zu erfreuen.
Über die Aussicht, 10 Asylbewerber im kleinen Ort aufnehmen zu müssen, war
man
in Häggenschwil zwar nicht allzu beglückt, stellte sich aber ohne Zögern auf die neue
Situation ein und machte sich daran, alles für die Gäste vorzubereiten, um sie
will-
kommen zu heissen. Gemeindeammann Niklaus Weber, dem man es hoch anrech-
nen muss, dass er bei aller eigenen Enttäuschung über das Gästeverhalten alles
unternimmt, um die Wogen zu glätten, uns gegenüber: «Ja, wir wussten schon seit
geraumer Weile, dass man uns in Anwendung getroffener Solidaritätsabkommen
zwischen den Gemeinden Asylbewerber schicken würde. Wir hatten alles Nötige in
die Wege geleitet.» Was heisst das?
Das heisst, dass sich die Gemeinde schon frühzeitig im örtlichen Mitteilungsblatt mit
nachstehendem Aufruf an die Bevölkerung wandte:
«Aufgrund einer Vereinbarung mit dem Kanton sind die Gemeinden verpflichtet,
Asyl-
bewerber aufzunehmen. Es ist im Notfall auch mit Zwangszuweisungen zu rechnen.
Wir suchen aufgrund der angespannten Sachlage im Asylwesen und in Solidarität mit
den anderen Gemeinden dringendst Unterkünfte, Zimmer, Wohnungen oder allenfalls
leerstehende Wohnhäuser für die Unterbringung von Asylbewerbern und schutzsu-
chenden Ausländern.» So der Wortlaut, der beweist, dass die
Gemeindeverantwort-
lichen sich mit Nachdruck bemühten, den Schutzsuchenden einen würdigen
Aufent-
halt zu sichern. Eine Woche danach wird der Aufruf wiederholt und kurze Zeit später
ein weiteres Mal publiziert. Allerdings ohne Erfolg. Es findet sich keine private
Unter-
kunft. Also beschliesst die Gemeinde, den Asylbewerbern auf andere Art einen
mög-
lichst freundlichen Empfang zu bereiten. Man gibt dem pensionierten Schulabwart
den Auftrag, die fast neue Zivilschutzanlage, Baujahr 1991, für die Gäste logierfähig
zu machen. Der Mann, der nicht genannt sein will, leistet hervorragende Arbeit. Er
schleppt Teppiche herbei und legt sie im Schlafsaal und im Wohnbereich aus. Er
richtet die Schlafstätten so her, dass sie wohnlich und gemütlich sind. Er schafft es,
mit Hilfe von gutherzigen Bürgerinnen und Bürgern eine riesige Polstergruppe zu
pla-
zieren, einen Fernseher («... da haben wir eigens das kosovo-albanische
Programm
installiert», sagt ein Gemeindemitglied) und eine kleine, aber bestens eingerichtete
Küche, die keine Wünsche offen lässt. Teller, Tassen, Besteck und Gläser spendiert
ein örtlicher Wirt auf seine Kosten.
Um ganz sicher zu gehen, dass den jungen Herren die Zeit nicht lang würde, baut
man eine Tischtennisanlage auf, die örtliche Lehrerschaft spendiert Bälle und
Schlä-
ger, ein Fussball liegt ebenso parat wie ein Basketball - samt Erlaubnis der
jederzei-
tigen Benützung der direkt vor der Türe liegenden Sportanlagen - aber all die
Liebes-
mühe ist vergebens! Denn als die neun Asylbewerber, der zehnte hatte nach
Insider-
auskunft in Molz die Abfahrt «verschlafen», mit Bahn und Bus ankommen, tut sich
Unerwartetes. Unser Informationsgeber: «Die sechs Asylbewerber, die via Bahn
an-
kamen, motzten bereits, weil sie den Kilometer vom Bahnhof zu ihrer Unterkunft zu
Fuss gehen mussten.»
Man lasse sich dies langsam auf der Zunge zergehen: Da behaupten sie unentwegt,
sie hätten sich in Gewaltmärschen durch unwegsames Gelände vor Gefahr und Be-
drohung gerettet, und empfinden es dann als Zumutung, elfhundert Meter per pedes
hinter sich bringen zu müssen?! Na ja, einerseits doch ein wenig «verständlich». Ein
Augenzeuge: «Der leichte Nieselregen, der an jenem Tag fiel, netzte ihre teuren
«Diesel-Jacken», und welcher Modefreak hat sowas schon gerne?»
Klare Weigerung
Bei ihrer Unterkunft eingetroffen, kommt es zum Eklat. Die Herren nehmen
Augen-
schein, sehen, dass ihre Unterkunft nicht oberirdisch ist, beraten sich mit dem
Dol-
metscher und lassen ausrichten: «Hier einzuziehen ist unter unserer Würde!» Also
verfrachtet man die Herren in einen Bus und bringt sie zu ihrem Ausgangspunkt
zu-
rück. Ein Bürger, zitternd vor Empörung: «Warum hat man nicht einfach die Türe
ab-
geschlossen und sie sich selber überlassen? Wer so verwöhnt ist, wer die
Hilfsbe-
reitschaft von uns allen derart barsch zurückweist, braucht gar keine Hilfe!»
Wir sprachen mit dem Dolmetscher, einem Mann namens Agim Korteshaj, der zu
dieser fatalen Ablehnungsentscheidung nichts persönlich beitrug: «Wissen Sie, die
wollten nicht bleiben, weil sie die Räume hässlich fanden und auch, weil rund 40
Bet-
ten darin standen, obwohl sie nur 9 Personen waren. Mehr weiss ich auch nicht.» Ist
auch nicht nötig, da erübrigt sich jeder Kommentar. Wir fragten Markus Bucheli vom
Departement des Innern, warum der Kanton hier nicht auf Zwangseinweisung bestand.
Bucheli: «Dies wäre Sache der Gemeinde, und zudem pflegen wir den Grundsatz,
Asylbewerber so lange oberirdisch unterzubringen, als Platz vorhanden. Was
aller-
dings nicht ausschliesst, dass bei weiterem Flüchtlingszustrom inskünftig auch
unter-
irdische Unterbringung erwogen wird.»
Andere Personen, die wir bezüglich dieses skandalösen Verweigerungsaktes
be-
fragten, waren weniger auskunftfreudig. Im Durchgangszentrum «Bommerstein», wo
die Asylbewerber wieder landeten, mochte keiner mit uns sprechen. Heimleiter Hans
Hidber sei krank und keiner sonst zuständig. Dieselbe Reaktion im Berner
Bundes-
haus, wo wir das Departement von BR Arnold Koller um ein Statement ersuchten.
«Damit haben wir nichts zu tun», hiess es, «das ist Sache von Kanton und
Gemein-
de!» Der einzige mit Mut zum Klartext war Sebastian Spirig von der sanktgallischen
Asylkoordinationsstelle: «Ich kann das alles kaum nachvollziehen, denn noch
niemals
habe ich hierzulande eine echt unzumutbare Asylantenunterkunft gesehen. Hier hätte
man wohl besser hart bleiben sollen.» Ihr Wort in Gottes Ohr, lieber Herr Spirig, oder
besser noch: Ihr Wort in Bundesrat Kollers Ohr, das sich Meldungen dieser Art mit
Konsequenz verschliesst - seit langem schon und immer wieder!
Charly Pichler
(Wiedergegeben aus den «Oberthurgauer Nachrichten» mit Einwilligung von Verlag
und Autor.)
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