Die Würde
der Schweiz
Von Dr. Ernst F. Lüscher, Muri bei Bern
Seit vier Jahren ist die Schweiz das Ziel einer einzigartigen, in den
Beziehun-
gen zwischen zivilisierten Staaten kaum je beobachteten Verleumdungs-
kampagne.
Einerseits amerikanische Regierungsstellen, anderseits der Jüdische
Weltkongress
und die mit ihm verbundenen Organisationen, dann aber auch Juristen und Schrift-
steller überboten und überbieten sich in unerträglichen Beleidigungen, die auch nach
dem «Davoser Abkommen» Anfang 1999 zwischen unserer Bundespräsidentin Ruth
Dreifuss und dem amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore anhalten.
Versagen des Bundesrats
In einem kürzlich in den USA erschienenen Buch bezeichnet dessen Autor, Gregg J.
Rickman, die Schweizer insgesamt und pauschal unverhohlen als Gauner. Die Reak-
tion des Bundesrates auf all diese Lügen und Anwürfe war und ist denkbar kläglich.
Mit Ausnahme einiger schwächlicher Proteste hat der Bundesrat darauf verzichtet,
von den sich aus dem Völkerrecht und dem Strafgesetz (Erpressung!) bietenden
Möglichkeiten zwecks energischer Verteidigung des Landes Gebrauch zu machen.
Es kann daher kaum noch erstaunen, dass unser ehemaliger Aussenminister Flavio
Cotti kürzlich für seine Leistung zugunsten der erwähnten jüdischen Organisationen
auch noch prämiert worden ist.
Ist der Bundesrat nicht eine Kollegialbehörde? Daraus muss doch wohl der Schluss
gezogen werden, unsere Landesregierung als Ganzes teile die Haltung des früheren
Aussenministers! Eine Bestätigung findet solche Vermutung, wenn man den Wortlaut
jenes Vortrags zur Kenntnis nimmt, den unsere Bundespräsidentin am 13. April
die-
ses Jahres vor der Foreign Policy Association in New York gehalten hat.
Der Berichterstattung über diesen Anlass entnimmt man mit Erstaunen, dass für Frau
Bundespräsidentin Dreifuss die eindeutig durch Erpressung bewirkte Ablasszahlung
der schweizerischen Grossbanken in der Höhe von 1,8 Milliarden Schweizer Franken
an die vom amerikanischen Staat und vom Jüdischen Weltkongress bezeichneten
Stellen durchaus legitim gewesen sei.
In jedem Strafgesetzbuch wird Erpressung dagegen als krimineller Akt bezeichnet.
Die bei den Schweizer Banken mit kaum mehr erträglicher Akribie betriebenen
Erhe-
bungen der sogenannten Volcker-Kommission haben herrenlose Konten in einem
Gesamtwert von offenbar lediglich zweistelliger Millionenhöhe zutage gebracht -
wobei ein Grossteil dieser Konten nichts mit dem Holocaust zu tun hat. Die von der
Schweiz erpresste Summe liegt damit mit Sicherheit um einen Faktor von über
hun-
dert über dem Bestand der sogenannten Holocaust-Konten - und solches ist in den
Augen unserer Bundespräsidentin «legitim»?
In den USA fallen herrenlose Konten nach fünf Jahren bekanntlich an den Staat. Der
Staat New York allein hat seit 1953 solche Konten in einem Gesamtbetrag von 3,6
Milliarden Dollar konfisziert - dort dürfte der Grossteil jener jüdischen Fluchtgelder
deponiert worden sein, die deutsche Juden vor Hitler in Sicherheit zu bringen
ver-
mochten. Nicht in der Schweiz, dem nächsten Nachbarn Hitler-Deutschlands, lag
dieses Geld. Dass unsere Bundespräsidentin davon nichts weiss oder nichts wissen
will, das ist mehr als nur beklagenswert.
Würde wiedergefunden?
Wir haben überdies davon Kenntnis zu nehmen, dass nach den Worten von
Bundes-
präsidentin Dreifuss «die Kraft, mit welcher die Forderungen erhoben werden
konn-
ten, bewiesen hat, dass die jüdische Gemeinschaft ihre Rechte und ihre Würde
wiedergefunden habe» (zitiert nach NZZ). Fürwahr ein erstaunliches Bekenntnis,
dass eine Gemeinschaft ihre Würde wiedergefunden haben soll durch einen Akt,
der angesichts seines erpresserischen Charakters zweifellos kriminelle Züge in sich
trägt.
Ist unsere Bundespräsidentin tatsächlich der Meinung, eine niederträchtige,
vom
Jüdischen Weltkongress inszenierte Verleumdungs- und Erpressungskampagne
gegen die Schweiz habe die Würde jener Leute wiederhergestellt, in deren Namen
die Kampagne zwar entfaltet worden ist, die allerdings nie befragt wurden, ob sie mit
Tun und Methoden dieses Weltkongresses einverstanden sind?
Und wie steht es, möchte man weiter fragen, mit der Würde der Schweiz, die
durch
diese Kampagne zweifellos schwerwiegendst geschädigt worden ist? Frau Bundes-
rätin Dreifuss bedauert zwar «unfaire Angriffe» und Verunglimpfungen, denkt aber
nicht im geringsten daran, irgend so etwas wie eine Entschuldigung von seiten der
USA als conditio sine qua non für die sogenannte «Normalisierung» der
Beziehun-
gen zu verlangen.
Identitätskrise?
Mit noch grösserem Erstaunen vernehmen wir statt dessen aus dem Munde unserer
Bundespräsidentin, dass sich die Schweiz in einer «Phase der Selbstzweifel», wenn
nicht gar in einer Identitätskrise befunden habe, so dass die amerikanischen Angriffe
und Anpöbeleien geradezu erlösend gewirkt und die kritische Auseinandersetzung
der Schweiz und der Schweizer mit der eigenen Geschichte recht eigentlich ausge-
löst hätten. Ich betrachte mich zusammen mit vielen Schweizern als recht
verlässli-
chen Zeitzeugen. Und ich stelle fest, dass wir keineswegs Opfer einer Identitätskrise
geworden sind.
Dagegen dürfte dieser peinliche Zustand gar trefflich das Befinden einer Gilde
ge-
wisser Nestbeschmutzer umschreiben. Ist es nicht bemerkenswert, dass
ausgerech-
net diese Leute die Sympathie des hohen Bundesrates zu geniessen scheinen? Ist
es nicht eine Frechheit, aus unqualifizierbaren Äusserungen einiger weniger, welche
die Schweiz offenbar hassen zu müssen glauben, auf den Seelenzustand des ganzen
Schweizervolkes zu schliessen und gleich noch zu behaupten, die aus den USA ge-
gen unser Land entfaltete Verleumdungskampagne erweise sich als klärendes
Ge-
witter für die verkrampfte schweizerische Volksseele?
Es bleibt die erschreckende Erkenntnis, dass unserer Bundespräsidentin das Wohl
jener, die unser Land äusserst unfair angegriffen haben, offenbar näher am Herzen
liegt als jenes der Eidgenossenschaft. Konkrete Schritte zur Wiederherstellung der
aufs schwerste geschädigten Würde der Schweiz zieht sie schon gar nicht in Be-
tracht. Die Würde der Schweiz ist für sie, aber auch für den Gesamtbundesrat
offen-
bar vernachlässigbar. Darin, nur darin kommt eine Identitätskrise zum Ausdruck: Die
Identitätskrise des Bundesrats, der uns neben unzähligen Manifestationen kaum mehr
erträglicher Demut auch noch die Bergier-Kommission und die groteske Idee der
Solidaritäts-Stiftung beschert hat.
Müssen sich die Bürger dieses Landes solch schwerwiegende Fehlinterpretationen
der Ereignisse der letzten Jahre einfach bieten lassen? Ist es vermessen, an den
Bundesrat zu appellieren, er möge sich endlich wirksam für die Wiederherstellung der
Würde der Schweiz einsetzen und sich, sozusagen als erster Schritt auf dem Weg
dazu, von der Absegnung einer gegen unser Land erfolgreich in Szene gesetzten
Erpressung als angeblich legitimen Akt in aller Form distanzieren?
Ernst F. Lüscher
**Zurück zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr.13 vom 18. Juni 1999** |