- Blums
Karthago -
Der Radiodirektor macht einen Abgang
Mit einem Beifall, wie er kaum je einem Gastreferenten zuteil geworden sei,
habe die Generalversammlung der Radio- und Fernsehgenossenschaft
Zürich (RFZ) am 5. Juni den abtretenden DRS-Radiodirektor Andreas Blum
verabschiedet, vermerkte
die NZZ. Für einmal habe an dieser GV jemand aus
dem Kreis der SRG für Blitz und Donner
gesorgt, nämlich eben der SRG-
intern als «Fudamentalist der reinen Lehre» bekannte
Blum.
Mit seinem «stets lodernden feu sacré» habe er in völlig freier Rede ein Bekenntnis
zu
einer starken SRG mit ihrer Programmphilosophie «Seriosität, Fairness,
Tiefen-
schärfe»
abgelegt und dazu eine Philippika «wider die Verwilderung, ja Verluderung
der
journalistischen Sitten» gehalten, die er als Folge der Deregulierung auf dem
Gebiet der elektronischen Medien ansehe.
Blum hat mit seinem Auftritt bei den RFZ-Genossenschaftern eine Abschiedstournee
bei den einstigen Trägerschaftssorganisationen abgeschlossen. Überall beschloss
er seine Ansprachen mit seinem ceterum censeo, allerdings nicht wie einst Cato die
Zerstörung Karthagos fordernd, aber den Bannstrahl gegen private elektronische
Medien. Beifall gab es dafür überall. Nicht erstaunlich bei all jenen
Mitgliedsgenos-
senschaften bzw. -gesellschaften, die sich seit je als DRS-Fanclubs gebärden; den
grössten Beifall erhielt Blum aber offenbar ausgerechnet bei der RFZ, bei der vor
Jahren kritischen bürgerlichen Medienkonsumenten mit einer handstreichartigen
Beitrittsaktion die Auflösung des jahrzehntealten Filzes gelang. Hier scheint Blum nun
allerdings deutlicher als sonst gezeigt zu haben, dass er bei seiner Kapuzinerpredigt
wider die heutige «barbarische Medienlandschaft» nicht allein die Privaten im Visier
hat. Wer Blum näher kenne, scheibt die NZZ, habe gemerkt, «wie da einer den
Ma-
chern von Rubriken beispielsweise vom Zuschnitt des Magazins "10 vor 10" die
Leviten las».
Dieses zu tun brannte dem Radiodirektor seit langem auf den Nägeln, wie man
hört.
Nur: Blum übergeht zwei Fakten, die zu seiner Standortbestimmung auch gehört
hät-
ten. Erstens hat in der deutschen Schweiz nicht erst die Deregulierung im
Medien-
wesen eine «Verluderung» der journalistischen Sitten eingeleitet, und zweitens kann
Radio DRS selber nicht für alle seine Sendungen die Qualifikation «Seriosität,
Fair-
ness, Tiefenschärfe» in Anspruch nehmen. Das Zweite hat mit dem Ersten zu tun.
Die Verwilderung des Journalismus begann in Wirklichkeit nach 1968, als die «neuen
Linken» beim Fernsehen beginnend den Marsch durch die Medien begannen. Da
beim Fernsehen gerade eine unglaublich rasante Expansion eingesetzt hatte, stan-
den dort die Redaktionen offen wie Scheunentore. 1972 fand in dem vom Zürcher
Kommunisten Pinkus gegründeten Studienzentrum Salecina eine Tagung statt, an der
ganz offen Methoden zur Einflussnahme in den Medien erörtert wurden. Im nachhinein
lässt sich feststellen, wie erfolgreich solche Anleitungen - etwa die auf bürgerlicher
Seite lammfromm nachvollzogene Entwertung des Begriffs «Objektivität» - gewesen
sind. Heute noch werden manche Medienkampagnen durch Überreste des alten Be-
ziehungsnetzes erleichtert, etwa so, wie sich Seilschaften in der Eigernordwand der
von Vorgängern hinterlassenen Sicherungen bedienen können. In einem Vortrag hat
der frühere Zürcher Stadtpräsident Sigmund Widmer am 25. März dieses Jahres
darauf aufmerksam gemacht, wie eng die noch heute kritische Haltung der grossen
Medien gegenüber dem Land mit dem damaligen Durchmarsch der 68er zusammen-
hängt. Der Bruch mit dem herkömmlichen, liberalen journalistischen Qualitätsbegriff
datiert von damals und nicht erst von der Deregulierung des Medienmarktes und der
Überhandnahme des Quotendenkens. Wäre nicht ein breites Publikum jahrzehntelang
an einen subjektiven, anwaltschaftlichen, manchmal gefühlsrohen Journalismus
ge-
wöhnt worden, so könnte heute nicht mit Schludrigkeit und Menschenverachtung
Quo-
te gemacht werden.
Ausgerechnet ein TV-Quotenjäger ersten Ranges hat am 28. Mai seinerseits Radio
DRS in Sachen journalistischer Qualität die Leviten gelesen. Dieter Moor, Gestalter
und Moderator der Unterhaltungssendung «Moor» auf SF 2, wurde von Heidi Ungerer
bei Radio DRS 1 zur Absetzung seiner Sendung befragt, die kaum je eine annehm-
bare Zuschauerbeteiligung erreichte, aber bei 292 Ausgaben fünfzehn Millionen
Franken kostete. Moor redete Klartext: Hält man Niveau, serbelt die Quote, senkt
man das Niveau, so steigt sie - das sei beim Fernsehen einfach ein Gesetz. Aber die
Meinung werde auch von Medien gemacht. Wenn diese genug in einer bestimmten
Richtung bohrten, sei eine Meinung plötzlich en vogue. «Ich merke sogar bei Radio
DRS 1, dass die oft sehr unsorgfältig recherchieren.»
Wie weit gerade Radio DRS 1 am schlechten Image von Moors Späte-Nacht-Show
schuld war, ist kaum zu eruieren. Aber der Vorwurf, vom Radio werde negatives -
oder auch positives - Image produziert, kann dem Medium ganz sicher nicht erspart
werden. Die Pflege z. B. des Feindbilds Blocher durch offene Apostrophierungen und
versteckte Herabwürdigungen - vor 25 Jahren verfuhr man so mit Hofer und dem
«Hofer-Club» - ist allzu penetrant, die Förderung bestimmter Parteien und Personen
(z. B. SP-Ständeratskandidatin Simonetta Sommaruga) ebenso. Oder, um einen
ganz anderen Bereich heranzuziehen: die Schlagseite in der Berichterstattung über
kirchliche Dinge, samt einseitiger Auswahl von Referenten und zitierten Werken,
ver-
rät eine gruppendynamisch bestimmte Voreingenommenheit. Oder das Medium stellt
sich, wie in Sachen Drogenpolitik, in den Dienst einer behördlichen Kampagne. Dem
hehren Ziel von Seriosität, Fairness und Tiefenschärfe wird es so nicht gerecht.
Das heisst nun allerdings nicht, dass der abtretende Radiodirektor die seit den
jun-
gen Jahren des Sturm und Drangs neu entdeckten Ideale nicht ernst nähme und dass
sein «feu sacré» bloss bengalisches Feuer wäre. Es heisst nur, dass er seine
stren-
gen Massstäbe längst nicht bei allen seinen Mitarbeitern mit Quasi-Beamtenstatus
durchzusetzen vermochte, insbesondere bei bestimmten Programmleitungen nicht.
Wahrscheinlich hat Blum am 5. Juni in Zürich auch diesen Ewiggestrigen in seiner
eigenen Umgebung die Leviten gelesen.
Patrouilleur suisse
**Zurück zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr.13 vom 18. Juni 1999**
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