Nr. 13, 25. Juni 2010
Glossen von Arthur Häny
Unter Büchern
Es ist mir meine Lust, bei Toten stets zu leben;
Mit denen um und um, die nicht sind, sein gegeben;
Zu fragen, die sind taub; zu hören, die nichts sagen…
Mit diesen paradoxen Feststellungen beginnt der Barockdichter Friedrich von Logau (um 1650) ein Gedicht zum Lob der Bücher. Sie sind seine besten Freunde, sagt er, sie umgeben ihn «um und um», obwohl sie wie tot und taubstumm in den Gestellen stehen. Dennoch sind sie seine Lust, er möchte sie nie entbehren.
Auch ich sitze gerne mitten unter meinen Büchern, oft sogar, ohne etwas zu lesen; ich sitze dann einfach in meinem Lehnstuhl da und schweife mit dem Blick über die Buchrücken hin. Viele Dichter sind da vertreten, aus der Neuzeit wie aus der Antike; dann gibt es die Lexika und Wörterbücher, auch grosse Bände der bildenden Kunst. Nicht dass ich all das gelesen und «durchgeackert» hätte, o nein, aber der eine oder andere Roman, irgendein Drama, besonders auch schöne Gedichte haben mich schon immer gefesselt. Wenn mich ein Dichter ergreift, dann ist es, als würde eine Stimmgabel angeschlagen und ihr vibrierender Ton mir nahe ans Ohr gehalten. Eine neue Welt tut sich dann auf! Ich könnte meine Bücher ebenso wenig entbehren wie Logau. – Wie unendlich vieles wurde da erlebt und erlitten, geträumt und gedacht, bis diese Bücher zustande kamen! Wie viele Erfahrungen und Erkenntnisse bergen sie in ihrem Innern! Sie sind ein wahres Kaleidoskop des Lebens! Aber wie viel disziplinierte Geistesarbeit haben auch diejenigen geleistet, welche die Bücher dann richtig zu lesen, zu würdigen und zu verbreiten verstanden!
Wenn ich einige allzu breite Gesamtausgaben auf den Gestellen betrachte, verfalle ich allerdings auf ketzerische Ideen. Haben manche Autoren nicht einfach zu viel geschrieben? Könnte man nicht jeden Dichter dazu verpflichten, sein Werk auf tausend Druckseiten zu beschränken? Da hätte er doch Platz genug, um sich erschöpfend auszudrücken! Und die überbordende Produktion von Büchern würde erfreulich reduziert! All die breitspurigen «Sämtlichen Werke» gewisser Klassiker, die kaum jemand liest – das nimmt sich zwar stattlich aus auf den Büchergestellen, aber es entmutigt den Leser. Welchen der vielen Bände soll er denn herausnehmen?
Wie höflich dünkt mich dagegen ein Dichter, der sich mit einem oder höchstens zwei Bänden begnügt, wie unter den römischen Dichtern Catull und Horaz, oder unter den neueren Deutschen Novalis, Büchner, Trakl, Borchert. Aber halt, ich muss mich hier zur Ordnung rufen! Meine spontanen Gedankensprünge verkennen ja ganz die ökonomische Lage der Autoren. Die meisten Schreibenden leben nicht, um zu schreiben, sondern sie schreiben, um zu leben! Wenn sie allenfalls auch poetische Höhenflüge in ihrer Jugend hatten und sich berufen fühlten, der Welt etwas Unerhörtes und Neues zu sagen – wenn sie den kühnen Entschluss fassten, vom Schreiben leben zu wollen, dann holte sie doch meistens der Alltag ein. Sie mussten sich normalerweise der Welt anpassen, und nicht umgekehrt. Die Berufung wurde zum Brotberuf. Es mag Ausnahmen geben von dieser Regel, aber sie sind nicht häufig.
Und was nun diese tausend Seiten betrifft… Kommt es nicht auch vor, dass ein Autor zu wenig geschrieben hat? O doch! Entweder ist er zu jung gestorben wie Büchner, oder er hat sich das Leben genommen wie Trakl, oder er hat das Schreiben schon sehr früh aufgegeben wie der französische Lyriker Arthur Rimbaud. Oft sind die Texte auch verloren gegangen, zum Beispiel bei der hochbegabten altgriechischen Dichterin Sappho. Gerne würde ich eine Abhandlung von Plato oder Cicero – die uns beide mit nahezu sämtlichen Werken überliefert sind – gegen ein Dutzend verlorener Gedichte der Sappho tauschen, ein Dutzend Lichtblitze dieser wunderbar gefühl- und geistvollen Frau. Aber sie sind nun einmal verloren. «Der Verse schönsten nimmt er mit hinab!» heisst es gelegentlich auf dem Grabstein eines jung verstorbenen Dichters… Wie hätte sich aber solch ein «frühvollendeter» Autor weiterentwickelt, wenn er in die Jahre gekommen wäre? Mit sechzig hätte Büchner keinen «Woyzeck» mehr geschrieben! Wenn anderseits Goethe gleich nach seinen genialen, aufgewühlten Anfängen, dem «Werther» und der Gretchentragödie, gestorben wäre – dann hätte kein Mensch vermutet, derselbe Autor könnte im Alter ein so abgeklärtes, aber weitläufiges Buch wie «Wilhelm Meisters Wanderjahre› schreiben.
Meine Idee der «tausend Seiten» könnte viel zur Disziplinierung der Schriftsteller beitragen, aber sie bleibt doch fraglich. Sie mag angehen für Lyriker oder Dramatiker, bei denen oft, «in der Kürze die Würze» liegt. Aber wie steht es denn mit den fabulierfreudigen Epikern, diesen breiten Geschichtenerzählern, einem Balzac, Tolstoj oder Gotthelf? Die brauchen doch einfach Raum, viel Raum für die Entfaltung ihrer Romanfiguren, für die Verknäuelung und Entflechtung der menschlichen Beziehungen, die sie vor uns ausbreiten. Sie brauchen selber ein solides Sitzleder, um solche Werke zu verfassen. Und der Leser braucht mitunter ebensoviel Geduld, um «bei der Stange zu bleiben». Den Epikern müssten wir, meine ich, zehntausend Seiten zugestehen (aber sie wären wohl auch damit noch nicht zufrieden!).
Dergleichen phantasiere ich in meinem Lehnstuhl. Aber jetzt erhebt sich auf einmal ein Tumult in den Gestellen. Da haben sich nämlich im Lauf der Jahre einige ganz unliterarische Gestalten eingemietet, denen ich nicht gern kündigen möchte. «Wir sind auch noch da!» protestieren sie. «Warum schreibst du nur immer über die Bücher und nicht über uns?» Wirklich, ich hatte sie ganz vergessen! Ein grosser Löwe und ein Plüschbär thronen zuoberst auf einem der Büchergestelle, Nase an Nase. Und gleich daneben sitzen zwei Mädchenpuppen. Beide sind hübsch und verlangen meine Aufmerksamkeit. Ein Stoffkätzchen liegt eingerollt auf einem Bücherbord, nur scheinbar schlafend. Drei Spielzeugautos stehen auch noch da, weiss Gott woher sie kommen. Zwei hölzerne Elefanten schreiten stampfend vor den Klassikern Roms einher, im vollen Bewusstsein ihrer Wucht und Würde. Alle behaupten, sie seien mir viel nützlicher als die Bücher. Wenn ich mit ihnen spiele, sagen sie, bleibe ich jung; vom Studieren aber bekomme ich nur weisse Haare.
Arthur Häny