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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 19. Mai 2006

Vom Tauglichkeits-Ausweis für eine Bundesrats-Kandidatur
Urban

Preisfrage: Wo liegt das Zentrum schweizerischer Urbanität? Völlig richtig! Die Hochburg alles Urbanen liegt irgendwo im aargauischen Freiamt. In einem Dorf namens Merenschwand. Wo Töchter - das sei ihnen ausdrücklich gegönnt - wohl behütet aufwachsen, später unmittelbar neben ihren Eltern ein Häuschen bauen und fortan das regionale Scheidungs-Geschehen administrieren.

Der Sprung ins grössere politische Geschehen kann aus solch vorerst ländlicher Herkunft durchaus gelingen - zumal dann, wenn man einmal herzig zu lächeln, mitunter aber auch ernst-verantwortungsbewusst in die Welt zu schauen weiss, wenn Kameraführung solche Gewandtheit im Ausdruck erfordert. Anstelle persönlicher Standpunkte wird die persönliche Schuhsammlung vorgeführt. Denn für allerlei Homestories vorgespieltes Leben hat durchaus seinen Reiz: Man kann auf diese Weise unversehens Kandidatin werden selbst für allerhöchste Ämter.

Sollte zu den 135 Milliarden Bundesschulden, die der nächsten Generation zur Abtragung überlassen werden, kein tragender Gedanke sich einstellen wollen, so sind Medienleute auch mit unverbindlichen Sätzchen zufrieden, falls damit auch nur ein Mindestmass an "Problembewusstsein" zur Schau gestellt wird. Zunehmende Gewalt? Grassierender Missbrauch von Sozialwerken? Leistungsdefizite in den Volksschulen? Wer darin verschwommen "problematische Ausdrucksformen modernen Gesellschaftsdaseins" ortet, wird von Redaktionen durchaus als "in urbane Modernität eingebettet" anerkannt. Und so gelangt das Zentrum medial beschworener Urbanität plötzlich ins aargauische Merenschwand. Und medial attestierte "Urbanität" wird zum Reifezeugnis für Bundesrats-Tauglichkeit.

Allerdings: Mediale Urbanitäts-Atteste folgen zuweilen einer Logik, der nachzufolgen nicht immer leicht fällt: Ein gewisser Filippo Leutenegger, Stadtzürcher durch und durch, muss sich mangelnde urbane Ausstrahlung für ein Regierungsamt nachsagen lassen - nur weil seine politischen Standpunkte etwas zu klar sind. Weit urbaner als er sei die Exponentin - ausgerechnet des Goldküsten-Freisinns. Sagen Medienleute. Und freisinnige Würdenträger plappern's so unreflektiert wie munter nach.

Offenbar kaum realisierend, dass in solchen Urbanitäts-Attesten doch so etwas wie eine Strategie sichtbar wird. Oder soll es purlauterer Zufall sein, dass der für hohe Ämter tauglich erklärende Attest "urbaner Modernität" immer ausschliesslich den linkeren der zur Verfügung stehenden Kandidaten zugebilligt wird?

Ulrich Schlüer

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