Nr. 13, 11. Juni 2004
Wenn Leistungsträger bis zum Exzess geschröpft
werden
Wie kann der Mittelstand überleben?
Von Eike Hamer,
Hannover
Vortrag an der «Schweizerzeit»-Frühjahrstagung
am 19. Mai 2004 in Aarau Wenn wir von Mittelstand sprechen, meinen wir entweder
den gesellschaftlichen Mittelstand - alle Verantwortungsträger vom leitenden
Angestellten oder Beamten bis zum Unternehmer - oder den wirtschaftlichen
Mittelstand. Zum
wirtschaftlichen Mittelstand und zu den mittelständischen Unternehmen
werden alle von den Inhabern selbst geführten Unternehmen gezählt.
Erst wenn man versteht,
dass ein mittelständisches Unternehmen ein ganz anderer Unternehmenstyp
ist als Kapitalgesellschaften oder öffentliche Unternehmen, versteht
man, was mittelständische Unternehmen speziell benötigen, um überleben
zu können.
Der einzige Nettozahler
Weil der Mittelstand auch der mit Abstand grösste - bzw. der einzige
- Nettozahler für den Staat und seine Sozialsysteme ist, ist die Frage,
wie der Mittelstand überleben kann, auch eine Existenzfrage für
die Sozialsysteme und für den Staat. In Deutschland ist der Mittelstand
als Gruppe heute als einziger Nettozahler für den Staat und dessen Sozialsysteme
übrig geblieben. Denn die Arbeitnehmerschaft erhält heute mehr staatliche
Leistungen, als sie selbst an Steuern und Sozialabgaben beisteuert. Und die
Grossindustrie erhält mehr Subventionen, als sie selbst an Steuern aufbringt.
Weil diese Begünstigten staatlicher Leistungen - Grossindustrie einerseits,
gewerkschaftliches Arbeitnehmerkartell andererseits - zur Hauptsache über
die Gestaltung der Arbeits- und Sozialsysteme, also der Hauptbelastung für
den Mittelstand entscheiden, versuchen sie die Abgabensysteme so
auszugestalten, dass die Empfänger auf Kosten des Mittelstandes die Meistbegünstigten
sind. Weil die Politik glaubt, die Arbeitgeber sprächen nicht nur für
die Grossindustrie, sondern für die gesamte Wirtschaft, und die Gewerkschaften
würden nicht bloss im eigenen, sondern im Interesse aller
Arbeitnehmer auftreten, sieht sie sich selbst in der Rolle des «Vermittlers»
zwischen den beiden Interessenvertretern auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite.
Ein ausgleichendes Augenmass für den überhaupt nicht vertretenen
Mittelstand ist von der Politik dagegen kaum zu erwarten.
Folglich haben die Belastungen für den Mittelstand in vielen europäischen
Staaten bereits ein existenzbedrohendes Ausmass angenommen.
Von Eigenfinanzierung abhängig
Weil sich der Mittelstand nicht am Kapitalmarkt refinanzieren kann, ist er
auf Eigenfinanzierung aus dem Privatvermögen, aus dem nachversteuerten
Gewinn oder aus Erbschaften angewiesen. Er bekommt von der Bank nämlich
nur dann Fremdkapital, wenn er Eigenkapital vorweisen kann - obwohl die mittelständischen
Unternehmen die produktivsten Einheiten in unseren Volkswirtschaften stellen.
Der Mittelstand ist zum Überleben auf das Privatvermögen der Besitzer
angewiesen, dessen Bildung gerade den Mittelständlern heute schwerer
als je zuvor gemacht wird. Das zweite, zentrale Bedürfnis des Mittelstandes
ist seine Freiheit. Nur die Unternehmer, die auf der Grundlage ihrer persönlichen
Freiheit flexibel genug sein können, haben die Möglichkeit, sich
blitzschnell auf veränderte Bedingungen umzustellen und neu entstandene
Marktchancen schneller zu nutzen als ihre weniger freie Konkurrenz mit ihrer
Bürokratie. Diese Flexibilität geht verloren, wenn man nicht mehr
selbst Inhaber des Unternehmens ist, sondern Beteiligte hat, die man informieren
und um Erlaubnis bitten muss. Die von Banken und Beteiligungsgesellschaften
der Hochfinanz geforderte Öffnung für Beteiligungen im Mittelstand
ist daher eine existentielle Gefahr für den Mittelstand.
Die politische Fremdbestimmung des Mittelstandes durch seine Nutzniesser hat
zu vielfältiger Diskriminierung des Mittelstands geführt. So werden
in Deutschland Personalunternehmen fast doppelt so hoch besteuert wie Kapitalgesellschaften.
Situation heute
Gravierende Ereignisse, etwa der Aktiencrash seit 2001, haben insbesondere
den Mittelstand vor grosse Herausforderungen gestellt. Was mit den Kursstürzen
zwischen dreissig und neunzig Prozent an den Aktienmärkten eingeläutet
worden ist, ist möglicherweise die grösste Depression der Nachkriegsgeschichte.
Ich möchte Ihnen damit nicht Angst einjagen - für uns Ökonomen
gibt es nämlich bei jedem Risiko auch immer eine Chance.
Überdurchschnittliche Boomzeiten erfordern auch überdurchschnittliche
Korrekturphasen, weil sich Fehlentwicklungen einschleichen, die ungesund und
korrekturbedürftig sind. So hat sich die Umverteilung zu einem erstrangigen
Übel entwickelt; überhaupt hat sich der Staat auf Kosten des Mittelstands
ausgebreitet. Daraus entwickelte sich eine Normenflut, die insbesondere den
freiheitsbedürftigen Mittelstand dermassen gängelt, dass er einen
Grossteil seiner Dynamik gar nicht entfalten kann. Gleichzeitig wurde die
soziale Hängematte derart hoch gespannt, dass heute in Deutschland ein
von der Sozialfürsorge bezogenes Einkommen oft höher ist als z.
B. das eines
arbeitenden Feuerwehrmannes, Postboten oder anderen Niedrigentlöhnten
- nach Abzug aller Abgaben. Weil der Politiker davon nicht betroffen ist,
muss der Markt eine Änderung erzwingen.
Globalisierung
Mit der Globalisierung vollzog sich weitgehend unbemerkt eine der grössten
Konzentrationswellen weltweit. Unter dem Dach einer altehrwürdigen Bankerdynastie
entwickelte sich ein weltumspannender Konzern, der eine marktbeherrschende
Stellung in den Bereichen Rohstoffe, Medien und Finanzen
einnimmt. Mit Hilfe von Treuhändern, Banken und Fonds wurden ganze Märkte
- etwa der Eisen-, Diamanten-, auch der Informationsmarkt (Reuters, Bloomberg)
- für die Öffentlichkeit unbemerkt monopolisiert oder zumindest
weitgehend unter Kontrolle gebracht. Namen solcher als Firmen bekannter Teile
des Konglomerats sind AngloAmerican, RioTinto, DeBeers im Rohstoffbereich,
Reuters und Bloomberg, TimeWarner, die Murdoch-, Springer- und Saban-Gruppen
im Medienbereich sowie JP Morgan, Citygroup, Bank of America, S&P und
Moodys im Finanzsektor. Besondere Brisanz geht von diesem Finanzsektor deshalb
aus, als die vorgenannten Bankhäuser gleichzeitig die Mehrheitseigentümer
der Fed sind, die, anders als die Europäische Zentralbank oder die Bundesbank,
keine staatliche, sondern eine private Bank, allerdings unter besonderer staatlicher
Aufsicht ist. Ihr wurde lediglich das Noten-Emissionsmonopol übertragen,
wofür sie der Treasury eine Royalty von 0,52 US-Dollar für jeden
100 US-Dollar-Schein abgeben muss.
Der Mittelstand kann dieser Machtkonzentration nichts Nennenswertes entgegensetzen.
Er ist dieser Macht ausgeliefert - vergleichbar einem Spielball, der zwar
die Hauptleistung erarbeiten muss, der aber auf Entwicklungen nur reagieren
kann. Beruhigend dabei ist, dass Entwicklungen und Rahmenbedingungen für
die Zukunft abschätzbar bleiben, weil die Spielmacher ihre Strategien
kurzfristig nicht radikal ändern können. Auch im «grossen
Spiel» benötigen Entwicklungen eine langfristige Planung, eigene
Vorbereitungen und Eigenleistung. Dies kann genutzt werden.
Unsichere Zeiten
Zweifellos ist die Gefahr von Zusammenbrüchen selbst von Grossbanken
gegeben.
Das ist mehr als bedrohlich. Ein Bankencrash kann für den Einzelnen,
der nicht Kunde der konkursgefährdeten Bank ist, aber auch Chancen beinhalten.
Weil die Kunden der insolventen Bank kurzfristig an kein Geld kommen und langfristig
nur den Einlagensicherungsfonds-Betrag erwarten können, werden diejenigen,
die noch an ihr Geld herankommen, in der Lage sein, eine Reihe Schnäppchen
aufzukaufen. In zukünftigen Inflationszeiten bedeuten günstig erworbene
Realwerte ganz besondere Langfristgewinne. Und dann spielt in unsicheren Zeiten
das Gold als sicherer Hafen wieder eine ganz zentrale Rolle. Zum Stand des
Goldmarkts muss man wissen, dass riesige Leihgeschäfte von Notenbanken
und Internationalem Währungsfonds (IWF) nicht nur zu sehr tiefen Goldpreisen
führten. Zusätzlich bestehen Rückgabe-Verpflichtungen, die
kurzfristig nicht einzulösen sind. Wenn die Notenbanken Australiens,
Deutschlands, Norwegens, der Niederlande, die Fed, der IWF und andere der
Bevölkerung den Verlust des Volksgoldes als Folge von leichfertigem,
teils rechtswidrigem Handeln nicht eingestehen wollen, werden sie ihre Geschäftspartner
zur Rückgabe auffordern oder heimlich selbst Gold aufkaufen müssen.
Bei einer weltweiten Nachfrage, die mit über 4000 Tonnen (bei einer Minenproduktion
von 2500 Tonnen) über 1500 Tonnen höher liegt als das neu produzierte
Angebot, helfen selbst konzertierte Verbalattacken, begleitet von Goldverkäufen,
höchstens kurzfristig, eine Goldpreisexplosion aufzuschieben.
Nach dem Crash
Halten Sie also einen Bankencrash für möglich! Entwickeln Sie Defensiv-Strategien,
die es Ihnen ermöglichen, Ihr Vermögen über den Sturm zu retten,
um den anschliessenden Wiederaufschwung optimal nutzen zu können.
Der Wiederaufschwung
räumt zentraleuropäischen Staaten wie Deutschland, Österreich
und der Schweiz ganz besondere Chancen ein, weil davon auszugehen ist, das
die neu in die EU gekommenen Staaten einen Aufbauboom auslösen werden,
der uns in den nächsten zwanzig Jahren Beschäftigung bieten wird,
womit die sicheren zentraleuropäischen Staaten für Verwaltungs-Sitze
besondere Chancen erhalten.
Lassen Sie uns diese Krise auch gesellschaftlich und politisch als Chance
und Risiko für den Mittelstand begreifen. Die völlig überzogene,
zum Leistungsbremsklotz gewordene Umverteilung kann in normalen Zeiten politisch
nicht mehr auf ein vernünftiges Mass zurückgestutzt werden, weil
davon Mittlerweile so viele wahlberechtigte Nutzniesser betroffen sind, dass
deren verständlicher Zorn politisch zur Abwahl jeder Regierung führen
würde. Das Umverteilungssystem muss dennoch auf ein leistungsanreizendes
Niveau zurückgefahren werden, weil im Rahmen der Globalisierung nationalstaatlich
geschützte Wohlstandsinseln nicht mehr möglich sind. Der zur Ausbeutung
vorgesehene leistungstragende Mittelstand wird, soweit er es kann, die Chancen
der Globalisierung Nutzen und mit seiner Leistung dorthin auswandern, wo Lebensqualität
und Belastungen noch in ausgewogenem Verhältnis sind. Das wird jedes
Umverteilungs-System zwingen, sich selbst zurückzustutzen, so dass die
Leistenden wieder mehr verdienen, als Nicht-Leistende aus Sozialkassen bekommen
können.
Macht der Sozialfunktionäre brechen!
Eine zweite Notwendigkeit besteht darin, die Macht der Sozialfunktionäre
so weit zu beschneiden, dass diese wieder zu Helfern in der Not werden, anstatt
Herrschaft durch Betreuung ausüben zu können. Das Sozialherrschaftssystem,
in dem den Leistungsträgern zunächst einmal soviel wie möglich
abgezogen
wird, wonach ihnen - nach Abzug der administrativen Kosten - dann wieder ein
Teil als Sozialleistungen oder Subventionen zurückbezahlt wird, ist ineffizient,
freiheitsberaubend und ungerecht. Es hat sich als
Bereicherungssystem der beiden Randgruppen herauskristallisiert, mit dem diese
zusätzlich ihre Macht im Staat gegenüber den Leistungsträgern,
dem Mittelstand, zementieren.
Eike Hamer
Eike Hamer ist zusammen mit seinem Vater, Prof. Dr. Eberhard Hamer, Leiter des Deutschen Mittelstands-Instituts in Hannover.