Nr. 13, 23. Mai 2003
Deutsche Multi-Gewerkschaft
als Staat im Staate
Die Macht der Funktionäre
Von Gunnar Sohn, Bonn
Frank Bsirske, Chef der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), ist ein mächtiger Mann. Seine im März 2001 aus fünf Einzelgewerkschaften gegründete ver.di hat über 2,9 Millionen Mitglieder und ist damit die grösste Einzelgewerkschaft der Welt.
Mit rund 1000 Berufsgruppen ist ver.di eine Multi-Multibranchengewerkschaft ein Staat im Staate. Sie organisiert Müllmänner und Bankkaufleute, Oberstadtdirektoren und Busfahrer, Versicherungsmathematiker und Totengräber, Journalisten und Friseure, Schauspieler und Postboten, IT-Spezialisten und Zoowärter, Verkäuferinnen und Fluglehrer, Hafenarbeiter und Detektive. Zusammen mit der IG Metall stellt ver.di drei Viertel aller Mitglieder im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), siebzig Prozent der Delegierten der DGB-Bundeskongresse. Von fünf Tarifverträgen wird nur einer nicht von ihnen unterschrieben. Die Binnenverhältnisse im DGB haben sich damit in eine bipolare Ordnung verwandelt. Sind sich die beiden Grossen einig, gibt es keine Entscheidung gegen sie; sind sie sich uneinig, ist jede Entscheidung blockiert. Der DGB sitzt nur noch am Katzentisch und ist der Notar dieser Verhältnisse. Der Koloss ver.di ist der Ausdruck eines beispiellosen Konzentrationsprozesses zur Stärkung der zentralen Funktionärs-Apparate und zur Erzielung von Machtzuwachs für die Funktionärs-Organisation. ver.di ist eine Kopfgeburt von hauptamtlichen und abgesicherten Funktionären und nicht das Resultat des Mitgliederwillens.
Neuer Klassenkampf
Worum es wirklich geht, hat Frank Bsirske in seiner Grundsatzrede auf dem
Gründungskongress deutlich gemacht: «Wenn sich ver.di mit den Bürgerinnen
und Kunden zusammentut, dann wird es ganz spannend: Da kann ver.di Verbündete
von sozialen Bewegungen und soziale Bewegung selbst sein. Wir können
von Greenpeace eine Menge lernen», proklamierte Bsirske. Man wolle raus
aus den Gewerkschaftsghettos und rein ins Leben. Es geht dabei also nicht
nur um die berechtigten Interessen der Arbeitnehmer, es geht um mehr. Mit
ver.di wurde eine Organisation konstruiert, um einen knallharten Klassenkampf
neuen Typs zu inszenieren. Es ist nicht mehr die Konfrontation zwischen Arbeitern
und Kapital, sondern es haben sich zwei Lager gebildet, deren ökonomische
Interessen mindestens ebenso antagonistisch gegeneinander stehen: der produktive
Sektor und der öffentliche Dienst. Zum produktiven Sektor zählen
Arbeiter und Angestellte in der Privatwirtschaft, Unternehmer und Freiberufler.
Der öffentliche Dienst umfasst alle, die beim Bund und den Ländern
angestellt sind oder in staatsnahen Körperschaften nach öffentlich-rechtlichen
Tarifen besoldet werden.
Propaganda aus der
Mottenkiste
Auch die SPD ist schon lange nicht mehr die Partei der Fabrikarbeiter, sondern
die Partei des öffentlichen Dienstes, dessen Interessen sie unverhohlen
und entschieden vertritt. Und da läuft ohne den Segen von ver.di mittlerweile
fast nichts mehr im Willy-Brandt-Haus. Die Arbeiterschaft ist zu einer Minderheit
geschrumpft und die vielen im öffentlichen Dienst Beschäftigten
müssen politisch hofiert werden. Inklusive Familienangehörige und
Rentner stellt diese Gruppe etwa einen Viertel der deutschen Bevölkerung.
Im Bundestag sind die Beamten in grotesker Weise überrepräsentiert.
Der produktive Sektor kommt in der Volksvertretung kaum vor. Das Drittel der
Gesellschaft, an dem die Wertschöpfung hängt, ist vielen Volksvertretern
fremd und manchmal sogar suspekt geworden. Doch diese Gruppe kommt für
alle und alles auf: für die Renten, die Krankenkassen, die Bildung, für
Arbeitslosengeld und Sozialhilfe und natürlich auch für die
Besoldung des öffentlichen Dienstes. Der Kern des produktiven Sektors
und des bisherigen Wohlstandes in Deutschland sind die mittelständischen
Betriebe. Sie tätigen 45 Prozent aller steuerpflichtigen Umsätze,
beschäftigen 70 Prozent aller Arbeitnehmer, bilden 80 Prozent aller Lehrlinge
aus, tätigen 46 Prozent aller Investitionen und entwickeln 75 Prozent
aller Patente. Um weiterhin existieren zu können, brauchen sie dringend
niedrigere Steuern, niedrigere Lohnnebenkosten, einen flexibleren Arbeitsmarkt
und eine stabile Währung und im Sinne zukünftiger Generationen
einen Staat, der keine Schulden anhäuft.
Für den Oberfunktionär Frank Bsirske sind die Zwänge des produktiven Sektors böhmische Dörfer. Wie eine herrschende Klasse im Marxschen Sinne versuchen die Etatisten in unserem Land mit Hilfe immer höherer Steuern, eines starren Kündigungsschutzes und hoher Staatsschulden ihre Machtposition zu festigen und auszubauen. Bsirske und Co. führen einen Klassenkampf von oben und bedienen sich dabei der Propagandaklischees aus der marxistischen Mottenkiste. «Mancher Appell von ver.di, in dem es um nichts weiter geht als die Privilegien unkündbarer Gutbetuchter, liest sich, als werde um die Hungerlöhne peruanischer Minenarbeiter gefochten», so der sarkastische, aber treffende Kommentar des Publizisten Michael Miersch.
Tarifabschluss «de
luxe»
Kein Arbeiter oder Angestellter in Deutschland kann sich nach derzeitigem
Stand im Jahr 2003 über einen so üppigen tariflichen Zuschlag auf
der monatlichen Verdienstabrechnung freuen wie die ostdeutschen Beschäftigten
des Öffentlichen Dienstes nämlich 3,5 Prozent. Die Einmalzahlungen
eingerechnet, steigt das Einkommen der westdeutschen Staatsangestellten in
diesem Jahr um 2,9 Prozent, im Jahr 2004 gibt es noch einmal 1,3 Prozent mehr.
Für die Ostkollegen beträgt das Plus in diesem Jahr rund 4 Prozent
und im Jahr darauf knapp 3 Prozent.
Bundesfinanzminister Hans Eichel schätzt, dass der Tarifabschluss «de luxe» für Bund, Länder und Gemeinden in diesem Jahr mit 2,5 Milliarden Euro zu Buche schlägt, im kommenden Jahr fliessen 2,9 Milliarden Euro mehr aus dem Staatssäckel. Die Konsequenzen solcher Nehmer-Qualitäten liegen auf der Hand: Das Geld fehlt dem Staat an anderer Stelle, etwa für Strassen, Kindergärten oder Schulen alles Investitionen, die der regionalen Standortqualität zugute kämen. Statt dessen wird die öffentliche Hand gezwungen sein, höhere Gebühren für den Dienst am Bürger zu erheben und weitere Stellen abzubauen.
Mit seiner Bemerkung «Weniger für den privaten Konsum und dem Staat Geld geben, damit Bund, Länder und Gemeinden ihre Aufgaben erfüllen können» hat der Chef der SPD-Bundestagsfraktion Franz Müntefering die mentale Verfassung der Staatsapologeten deutlich zum Ausdruck gebracht. Besser hätte es auch Frank Bsirske nicht formulieren können. Der Staat soll noch mehr Geld von den Bürgern absaugen, um seine Funktionen weiter auszudehnen. Er nimmt die schon halb freie Wirtschaft umfassend unter seine Fittiche. Behandlung statt handeln. Da kann Kanzler Schröder herumrudern, wie er möchte. «Wenn sich in der politischen Auseinandersetzung eine Verschärfung ergibt, scheuen wir auch keinen Konflikt», konterte Bsirske selbst die halbherzigen Reformvorschläge der Bundesregierung, die vor gut einer Woche von Schröder im Bundestag vorgestellt wurden. Die alimentierten Apparatschicks lassen sich nicht so schnell von den Futtertrögen verdrängen. Mit Verve verteidigen sie die hohe Staatsquote. In einem «armen Staat» seien nur die Reichen reich. Die Gegenfrage, ob ein Staat, der seinen Bürgern immer neue Schröpfköpfe ansetzt, der Massenarbeitslosigkeit den Weg bereitet, beantworten sie nicht. Sie nehmen die üblen Folgen falscher Politik hin, denn ihr Post-Sozialismus beansprucht einen Persilschein: «die soziale Gerechtigkeit» oder «das Allgemeinwohl».
Sehnsucht nach mehr
Staat
In Wirklichkeit geht es den Funktionären wie Bsirske um die Wahrung ihrer
eigenen Besitzstände. Es geht nicht nur um die «Lufthoheit über
den Kinderbetten», sondern auch um die Hoheit über Brieftasche,
Verbrauchsverhalten, Lebensführung. Die Sehnsucht nach mehr Staat und
Regulierung, mehr Kommissionen und Räten, mehr Betreuern, Beratern und
Gremien gehört zu ihrem Lebenselixier. Die Synthese aus antikapitalistischem
Habitus und Machtanmassung der Funktionäre züchtet einen Drohnenstaat,
der zwar die Erträge des Kapitalismus fröhlich verprasst, andererseits
aber der Goldenen Gans stets den Kragen umdrehen will. Wirtschaft, gleich
in welcher Form, ist das erklärte Feindbild dieser politischen Elite.
Neues Unternehmertum, Gründeroffensive, Versuch und Irrtum im Wirtschaftsleben
oder Risikobereitschaft kommen im Vokabular von Bsirske nicht vor.
So ist auch sein Freiheitsbegriff sehr beschränkt: «Wenn wir Freiheit sagen, dann meinen wir nicht die Freiheit der Unternehmer von Pflichten, die Freiheit des Neoliberalismus, sondern wir meinen die Freiheit der Menschen,Rechte zu haben Teilhaberechte und soziale Schutzrechte. Wir sagen: Die Individualität des einzelnen braucht die Sicherheit der Gemeinschaft und lässt sich nur durch die Solidarität vieler sichern. Dafür brauchen wir die Kraft der Gewerkschaften», so das Credo von Bsirske. Sein Bildungs- und Lebensführungsideal bleibt Johann Wolfgang von Goethe, der als Mittzwanziger Beamter wurde, ein Leben lang damit haderte, aber unterm Strich ein gutes Auskommen hatte. Bemerkenswert daran ist im Grunde nur, dass dabei der Bock auch Gärtner ist: Wann immer es in Deutschland heute um eine Kurskorrektur zu mehr Selbstständigkeit geht, werden die wichtigsten Entscheidungen von einer Generation getroffen, die schon mit dem Begriff Selbstständigkeit und Unabhängigkeit nichts anzufangen weiss. Das ist einer der Hauptgründe, warum Selbstständigkeit in Deutschland als nicht erstrebenswert gilt.
Das hat der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek schon vor über zwei Jahrzehnten gesehen: «Die heute praktizierte Form der Demokratie ist zunehmend ein Synonym für den Prozess des Stimmenkaufs und für dasSchmieren und Belohnen von unlauteren Sonderinteressen, ein Auktionssystem, in dem alle paar Jahre die Macht der Gesetzgebung denen anvertraut wird, die ihren Gefolgsleuten die grössten Sondervorteile versprechen.»
Es sind Kumpaneien entstanden, die der gegenseitigen Absicherung bei Fehlverhalten dienen wer klüngelt, verteilt! Landtage und Bundestag haben sich zu Basaren und Umverteilungsagenturen gewandelt eine Börse von Gruppeninteressen auf Gegenseitigkeit. Der politische Wettbewerb zielt nicht mehr auf neue Ideen, um den Staatshaushalt und die Belastung der Bürger zu minimieren, er degeneriert zum Entdeckungsverfahren, um immer neue Gruppen und Nischen für zusätzliche Wohltaten zu finden. Man gibt anderer Leute Geld für andere aus und kommt sich dabei noch wie Robin Hood vor.
Mobbing der Gewerkschaften
Der genialste Schachzug im Klassenkampf von oben ist dabei die Eroberung der
geistigen Hegemonie durch die ökonomische Anbindung der kulturellen Eliten.
Da nahezu der gesamte Kulturbetrieb von Staatsgeldern abhängig und an
Staatsgelder gewöhnt ist, unterbleibt in diesem Bereich fast jegliche
Kritik an der herrschenden Klasse. Ökonomisch rundum versorgte Kultur-Mandarine
inszenieren den Klassenkampf von gestern, weil sie den von heute nicht begreifen
können. Auch hierfür liefert Marx eine schlüssige Erklärung:
Das Sein macht das Bewusstsein. Stadttheater, Kunstakademien und populäre
Fernsehkrimis simulieren kritisches Bewusstsein, indem sie unablässig
die alten Klischees aufwärmen. Der öffentliche Dienst applaudiert,
der produktive Sektor zahlt die Subventionen. Wo die Freiheitsmatrix von Bsirske
im Kampf um die geistige Hegemonie hinführt, bekommt man zu spüren,
wenn man es wagt, in der Öffentlichkeit an den Heiligtümern der
Cliquenwirtschaft des Gewerkschaftsstaates zu rütteln.
So berichtete das ARD-Magazin «Panorama» kritisch in zwei Sendungen über die «Blockadepolitik der Gewerkschaften» und über den «Filz im Arbeitsamt». Seitdem greifen die ver.di-Statthalter von Herrn Bsirske im NDR die Redakteure in internen E-Mails und Rundschreiben frontal an. «Das ist platte Arbeitgeberpropaganda», schimpfen die Funktionäre. Kollegen-Mobbing, um die Meinungshoheit nicht zu verlieren. Diese Geisteshaltung ist der Antriebsmotor des antifreiheitlichen Wohlfahrtsstaates, in dessen biedermeierartigen Gemütlichkeit und beamteter Vollversorgung Energien nahezu restlos aufgebraucht werden.
Karrieren mit Vollkasko-Mentalität
In diesem Biotop gedeihen nur Karrieren mit Beförderungssehnsüchten
gemäss Bundesangestellten-Tarifvertrag und Vollkas-ko-Mentalität.
Der schillerndste Repräsentant dieser Elite ist Frank Bsirske: Er machte
1971 Abitur, bis 1978 Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität
Berlin natürlich gefördert mit einem Hans-Böckler-Stipendium.
Danach bis 1987 Bildungssekretär im Bezirk Hannover der Sozialistischen
Jugend Deutschlands die Falken, bis 1990 zunächst Sekretär
in der Kreisverwaltung Hannover der Gewerkschaft Öffentliche Dienste,
Transport und Verkehr (ÖTV), dann stellvertretender Geschäftsführer.
Von 1991 bis 1997 stellvertretender Bezirksvorsitzender des ÖTV-Bezirks
Niedersachsen. Von 1987 bis 1989 Fraktionsmitarbeiter der Grünen Alternativen
Bürgerliste im Rat der Landeshauptstadt Hannover. 1997 Stadtrat, Personal-
und Organisationsdezernent von Hannover und Mitglied von Bündnis 90/Die
Grünen, seit November 2000 Vorsitzender der ÖTV und nunmehr Oberfunktionär
der Mega-Gewerkschaft ver.di. Der Lebenslauf und die bisherigen Lebensleistungen
von Frank Bsirske prädestinieren ihn für Spitzenfunktionen in derDeutschland
AG und für das «Gängelband des Jahres», das ihm kürzlich
vom Liberalen Netzwerk in Berlin verliehen wurde.