Nr. 13, 31. Mai 2002
100 Tage Einheitswährung
Euro ist Teuro
Mit Skepsis erwartet, dann euphorisch begrüsst und nun wegen offener und verdeckter Preis- erhöhungen heftig verwünscht: Das ist vor allem in Deutschland die Bilanz nach hundert Tagen Euro.
Nur die Umstellung auf den Euro klappte reibungslos. Die Verbraucher gewöhnten sich schnell an die neuen Scheine und Münzen, die vielfach beschworenen und befürchteten Betrügereien blieben aus. Daraus schöpfte die Wirtschaft Hoffnung, dass die neue Währung die Konsumnachfrage puschen würde.
Abgezockt
Doch daraus wurde nichts, weil sich der Euro schnell als Teuro entpuppte.
Alle im Vorfeld der Bargeld- einführung geäusserten Befürchtungen
bewahrheiteten sich: Die Unternehmen langten bei den Preisen ungeniert zu.
Nur: Der Verbraucher spielte nicht mit. Der Preisschock sitzt inzwischen so
tief, dass beim deutschen Einzelhandel in manchen Branchen die Umsätze
bis zu zwanzig Prozent eingebrochen sind. Bei den Verbraucherzentralen häufen
sich die Beschwerden, und immer mehr Bundesbürger gelangen zur Einsicht,
dass sie mit dem Euro abgezockt werden sollen.
Obwohl eine reine Währungsumstellung die Produkte des täglichen Bedarfs nicht verteuern darf, stellen die Konsumenten das genaue Gegenteil fest: Allerorten und flächendeckend zogen die Preise kräftig an. Die von den Politikern im Vorfeld der Bargeldeinführung verteilten Vorschusslorbeeren, die EU-weit bessere Vergleichbarkeit der Produkte führe zu höherer Transparenz und damit zu sinkenden Preisen, sind rascher verwelkt, als ihnen lieb sein kann.
Für die Differenz zwischen den Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes, das in den ersten Mona- ten mit der neuen Währung keine heftigen Preiserhöhungen auf breiter Front ermittelte die offizielle Inflationsrate lag im Durchschnitt der ersten zwei Monate bei «moderaten» zwei Prozent , und den «gefühlten Preisen» durch die Verbraucher gibt es eine einfache Erklärung: Der mit 750 Produkten gefüllte Warenkorb, den die Statistiker zur Berechnung der monatlichen Inflationsrate heranziehen, ist nicht mehr zeitgemäss. In ihm befinden sich zu wenig Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs, aber genau diese Produkte des täglichen Bedarfs sind überproportional teurer geworden. Der tatsächliche Preisauftrieb hierzulande liegt denn auch deutlich höher, als es die Statistik hergibt. Eine Drei vor dem Komma wäre keine Überraschung.
Schröder
verschleiert
An der Darstellung der wahren Verhältnisse, die im Fahrwasser der Euro-Bargeldeinführung,
gepaart mit höherer Öko-, Versicherungs- und Tabaksteuer, gestiegenen
Krankenkassenbeiträgen und Kommunal- abgaben sowie Energiekosten, entstanden
sind, hat die Regierung Schröder überhaupt kein Interesse. Dadurch
würde nur die ohnehin angespannte Diskussion in der laufenden Tarifrunde
um höhere Löhne unnötig angeheizt und die Forderungen der Arbeitnehmer
in einem anderen Licht erscheinen lassen.
Der Unmut der Bundesbürger ist also verständlich. Das ist fürwahr ein schlechter Auftakt des Euro, denn lange kann man die wahren Begleiterscheinungen der jungen Währung nicht unter der Decke hal- ten. Für Euro-Land und speziell für Deutschland gilt: Politik und Währung müssen sich die Akzeptanz der Märkte und Bürger erst noch verdienen die stellt sich nicht von allein ein. Vorerst jedenfalls ist das Vertrauen in den Euro und in die Politik (wieder einmal) dahin.
NID