Nr. 13, 26. Mai 2000
Die USA und ihr Raketen-Abwehrsystem
Washington verstimmt seine
Alliierten
Von Richard Anderegg, Washington
Vom 24. April bis zum 19. Mai 2000 diskutierten in New York Delegierte aus 187 Ländern über die Nichtweiterverbreitung von Nuklearwaffen. Festgestellt wurde dabei, dass Indien und Pakistan seit einiger Zeit Nuklearmächte sind. Irak und Nordkorea entwickeln offensichtlich Nuklearwaffen. Iran will solche beschaffen. Israel, höchstwahrscheinlich Nuklearwaffen-Besitzer, entzieht sich jeder Verpflichtung.
Besonderen Widerstand löste die in abgewandelter Form wiederbelebte US-Idee aus, ein im Weltraum zu stationierendes Raketenabwehrsystem mit Nuklearsprengköpfen zu schaffen. Für die meisten Staa- ten steht dieses Vorhaben im Widerspruch zum Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Nuklear- waffen. Auch innerhalb der Nato stossen diese US-Pläne auf mehr oder weniger offene Gegnerschaft.
Kritik
Das geplante US-Abwehrsystem richtet
sich nicht gegen eine Grossmacht, wie seinerzeit die «star war»-Konzepte von
Präsident Ronald Reagen. Heute sehen sich die USA bedroht von «Schurkenstaa-
ten», von nicht klar eingrenzbaren Terrorgruppen, die möglicherweise über
Raketen verfügen. Während Moskau selbst im Kalten Krieg noch ein kühler
Kopf attestiert wurde, werden Terroristen wie jene, welche amerikanische
Botschaften in Afrika in die Luft sprengten, als völlig unberechenbar beurteilt.
Damit rechtfertigen die USA ihre Pläne, die den Vertrag über die Nichtweiterverbreitung
von Atomwaffen zumindest ritzen.
Absetzbewegung
Die Beteuerungen der USA stossen auf
wenig Zustimmung. Die Kritik an Washington nimmt vielmehr zu: Weil die USA
bereits Abseitsstehen demonstrierten bei der Schaffung eines internationalen
Kriegs- verbrechergerichts (weil dieses ausserhalb der US-Grenzen eingesetzte
US-Soldaten einklagen könnte) und weil die USA beim angestrebten Verbot
von Landminen nicht mitmachen (weil Südkorea angeblich nur mit Landminen
verteidigt werden könne), nähren die neuen US-Vorhaben offensichtlich Zweifel,
ob das im Aufbau begriffene «kleine» Raketenabwehrsystem tatsächlich nur gegen
Terroristen-Lenkwaffen gerichtet sei. Der deutsche Aussenminister Joschka
Fischer betonte beispielsweise an einer Presse- konferenz am 8. Mai in Anwesenheit
von US-Aussenministerin Madeleine Albright, dass der US-Ent- scheid die Sicherheitsinteressen
aller Europäer tangiere. Japan und Russland markieren deutliche Ablehnung:
Das noch nicht vollendete weltweite Rüstungs-Kontrollsystem könne durch das
eigenmäch- tige Vorgehen der USA in Frage gestellt werden. Das Vertrauen
in den amerikanischen Willen zu wirksamer Rüstungskontrolle sowohl für nukleare
als auch für konventionelle Waffen ist offensichtlich angeschlagen. Die
uneingeschränkte Vorherrschaft der USA in rüstungstechnologischer Hinsicht
ist offenkundig. Aber traditionelle politische Allianzen und Freundschaften
beginnen zu bröckeln: zum Nachteil Washingtons.
Richard Anderegg