Nr. 13, 26. Mai 2000

Suchtbefriedigung statt Suchtbekämpfung
Wie eine Gesellschaft verdrogt wird

Angriff ist die beste Verteidigung. Vor allem, wenn es darum geht, von eigenen Defiziten abzulenken. Diese Devise ist auch im BAG, dem Bundesamt für Gesundheit, bekannt. Und es hat auch allen Grund nach dieser Vertuschungsstrategie zu handeln, häufen sich doch die Probleme bei der staatlichen Heroinabgabe, dem liebsten Kind der Gesundheitswächter in Bern.

Erreichen sollte die staatliche Heroinabgabe vor allem schwersüchtige Abhängige. Doch mittlerweile hat sich gezeigt, dass gerade diese Klientel nichts von der staatlichen Drogenwohlfahrt wissen will. In Zürich sind von 265 bewilligten Plätzen im Heroinprogramm nur 212 belegt, was einer Auslastung von lediglich 80 Prozent entspricht - und dies bei 5000 Drogenabhängigen in der Stadt, wovon 700 Verwahr- loste sind. Zahlen, die für sich sprechen und ein verheerendes Resultat zeigen: Sechs Jahre nach Einführung der staatlichen Heroinabgabe kommt diese für eine steigende Zahl von Süchtigen immer weniger in Betracht. Ursache für die Abstinenz ist die Tatsache, dass sich die meisten Drogensüchtigen nicht nur mit Heroin, sondern mit Cocktails aus Heroin und Kokain zudröhnen. Doch Kokain, dies das grosse Leidwesen, gibt es nicht - noch nicht - in den staatlichen Abgabestellen. Damit verfehlt die Heroinabgabe jedoch ihren Zweck. Das Kokainproblem stelle die Heroinabgabe zunehmend in Frage. Es stünde in der Logik des Prinzips der «Harm Reduction», der Schadensminderung und Überlebenshilfe, neben Heroin auch Kokain abzugeben, ist deshalb bereits als Forderung an den Staat aus einschlägi- gen Kreisen der Drogenlobby zu hören.

Scherbenhaufen Heroinabgabe
Das BAG steht vor einem Scherbenhaufen: Die Heroin-Kokain-Spirale zeigt, dass der vom Bundesrat gewählte Weg, das Drogenelend in unserem Land durch Suchtbefriedigung statt Suchtbekämpfung anzugehen, zu einer endlosen Ausweitung des Drogenproblems führt. Das Bundesamt für Gesundheit wäre jedoch nicht das Bundesamt für Gesundheit, wenn es zugeben würde, mit seiner Strategie zur Bekämpfung des Drogenproblems gescheitert zu sein.

Angriff ist die beste Verteidigung, lautet daher die Durchhalteparole. Doch noch sträuben sich die Drogen-Strategen im BAG, den Einflüsterungen der Drogenlobby zu folgen und Kokain von Staats wegen abzugeben, ist doch Kokain noch gefährlicher als Heroin. Es kann als Zellgift zu Gefässver- engungen und Herzproblemen führen. Zudem ist bekannt, dass Kokainsüchtige einen steigenden Kokainhunger entwickeln, so dass dauernde Dosissteigerungen unvermeidlich sind. Die BAG-Strategen wissen, dass die Bevölkerung für eine weitere Verdrogung der Gesellschaft noch nicht reif ist. Dies hat das knappe Abstimmungs-Ja zur Heroinabgabe gezeigt.

Deshalb setzt das BAG auf eine weitere Verwässerung des Sucht- und Rauschgiftbegriffs: Im Zusam- menhang mit der Revision des Betäubungsmittelgesetzes hat das Departement Dreifuss die unsinnige Diskussion lanciert, ob Nikotin und Alkohol künftig als Suchtmittel zu werten seien, gleich wie die illegalen Drogen Heroin und Kokain. Das Ziel, das hinter dieser absurden Idee steckt, liegt auf der Hand: Wenn alles zum Rauschgift gemacht wird, dann ist nichts mehr Rauschgift. Wenn eine ganze Bevöl- kerung zu Drogenkonsumenten gemacht wird, dann ist niemand mehr ein Drogenkonsument, weil der Begriff «Droge» sich durch die Verallgemeinerung verliert und nichtssagend wird. Geschieht dies, dann hat das BAG freie Hand, die nächsten Schritte zur Verdrogung unserer Gesellschaft einzuleiten. Nach der Einführung der staatlichen Kokain-Abgabe wird bald einmal die staatliche Abgabe von synthetischen Drogen und anderer, heute noch nicht bekannter Rauschgifte zur Diskussion stehen. Das BAG wird dabei dem Suchtverhalten der Süchtigen immer hinter herhinken, denn Sucht - dies ist ihr innerstes Wesen - wird immer neue Abhängigkeiten suchen und finden. Am Ende steht eine Gesellschaft, in der jedes Suchtverhalten staatlich sanktioniert ist. Die Raucher erhalten ein Raucherstübchen, Alkoholiker ein Alkoholstübchen. Suchtbefriedigung statt Suchtbekämpfung. Die Folge: Der Staat versorgt alle und regiert allein. Ist es das, was unsere Landesregierung mit ihrer Gesundheitspolitik anstrebt?

Hippokrates