4. Juni 1999

Ist der Staat wirklich «sozial»?
Der Markt und seine Wirkung
Von Dr. Gerd Habermann, Bonn

Über kein anderes Thema ist so viel Konfuses zu hören und zu lesen wie 
über die Frage einer Ethik der Wirtschaft und speziell des Unternehmers. 
Dies beginnt mit der entsetzlichen Verwirrung, die der Ausdruck «sozial» in 
die Debatten gebracht hat.


Es wird gefragt, ob eine Marktwirtschaft, deren Haupterfolg in den letzten Jahrhunder-
ten die Ausrottung der Armut war, überhaupt «sozial» sei. Solches wird nach dem 
«glänzenden Scheitern» des sozialistischen Experiments im Sowjetbereich sogar 
immer noch gefragt. Desgleichen zum Unternehmer: Ist er nicht im Grunde ein Raub-
tier, dessen primärer Instinkt die Ausbeutung der «Schwächeren» ist, ein Tier, das 
sich nach Prinzipien des sozialen Darwinismus erhält?

Eigentum

Die Kernwerte unternehmerischer Philosophie sind: Vertragsfreiheit, Eigentum und 
Wettbewerb. Aus dem Eigentumsgedanken ergeben sich die wichtigsten morali-
schen Regeln: Jeder hat das Recht auf seinen Körper, auf den Ertrag seiner Arbeit 
und auf das, was ihm andere gesetzmässig übertragen haben.
Das Ethos des Wirtschaftslebens in einer freien Gesellschaft lautet: Mach etwas aus 
deiner Begabung, deinen Talenten, deinem Eigentum! Dies im Wettbewerb mit an-
deren, die das gleiche wollen und müssen. In einer freien Gesellschaft wird auch noch 
der stärkste Unternehmer den Märkten, seinen Kunden und ihren Bedürfnissen 
dienstbar. Er kann nur etwas aus sich machen, nur wachsen, indem er anderen nütz-
liche Dienste erweist. Service als Dienst am Nächsten! Wer am besten «dient», 
macht die grössten Profite. Was ist daran moralisch anstössig?

Wettbewerb

Der politische Wettbewerb ist häufig ruinös und endet gelegentlich in Kriegen. Der 
ökonomische Wettbewerb um die Gunst der Kunden dagegen führt zu freundlicher 
Servicementalität.
Marktwirtschaft und Wettbewerb erzeugen auf diese Weise einen Zivilisierungspro-
zess. So hat die Zurückdrängung staatlicher Dienstleistungsmonopole immer auch 
zivilisierende Wirkungen in Hinsicht auf den Umgang miteinander. In früher staatsmo-
nopolistischen Bereichen wie Post, Telekommunikation, Bahn oder Rundfunk gibt es 
in jüngster Zeit reichlich Anschauungsmaterial für diesen Zivilisierungsprozess. 
Monopole haben immer dezivilisierende Wirkungen, wie jeder weiss, der erlebt hat,
wie die Bedienung in einem der wenigen «volkseigenen» Restaurants der früheren 
DDR ablief: nämlich als Gnadenakt des Personals! Der Sozialismus, der an urtümli-
che Teilungsinstinkte der Horde appelliert, kann es bis heute nicht begreifen, dass 
die List der Marktwirtschaft darin besteht, dass nur derjenige sich vorwärtsbringen 
kann, der anderen dient und insoweit er anderen dient. Der kategorische Imperativ 
des selbständigen Unternehmers lautet: Setze dein Eigentum so ein, dass es deinen 
Kunden und damit letztlich auch dir selbst maximalen Nutzen bietet. Es ist seine Auf-
gabe, durch das Angebot von nachgefragten Gütern und Diensten Leiden zu vermin-
dern und Freude zu vermehren - und so sich selber zu erhalten. Wo soll hier ein mora-
lisches Problem liegen?

Gerechtigkeit

Die Ethik der Solidarität und des Teilens der Schwester Teresa und des Heiligen 
Martin und fast aller Moralphilosophen und Propheten ist auf eine erweitere Markt-
ordnung nicht anwendbar. Es gibt eben zwei Typen von Ethik: für die kleine Gruppe 
mit ihren Beziehungen von Angesicht zu Angesicht und für die weltweite Ordnung des 
Marktes. Wir alle müssen in zwei ethischen Welten leben. Die Ethik der Liebe und 
des Teilens gilt in der kleinen Gruppe, in der anderen gelten nur formale Regeln ge-
rechten Handelns. Die eine Welt mag man die der «sozialen Gerechtigkeit», die aufs 
Teilen aus ist, nennen, die andere die der Tausch- oder Verfahrensgerechtigkeit.
Ich möchte Ihnen den Unterschied zwischen Marktethik und der Distributionsethik der 
kleinen Gruppen einmal in einem Bild verdeutlichen. Sie alle kennen die Geschichte 
vom Heiligen Martin, der als stolzer Ritter einen am Rande frierenden Bettler begeg-
nete. Martin nahm sein Schwert und teilte mit ihm seinen Mantel. Damit gab es zwar 
einen Heiligen mehr, aber keinen Armen weniger. Vielmehr hatten jetzt beide zuwe-
nig. Bei der nächsten Teilung wird jeder nur noch einen Mantelviertel haben usw. - bis
schliesslich alle frieren.

Unternehmergeist

Der Unternehmer mag als Privatmann so handeln wie der Heilige Martin. Als Unter-
nehmer wird er darüber hinausgehen: er wird eine Mantelfabrik bauen, dem Bettler 
dort einen Arbeitsplatz verschaffen, so dass dieser sich einen Mantel kaufen kann 
statt zu betteln. Nun frage ich Sie: Wer hat mehr Nutzen gestiftet, wer hat mehr zur 
Überwindung der Armut getan: der, der sie nur verwaltet durch Teilen, oder der, der 
sie überwindet durch Vermehren der Güter dieser Erde? Je grösser das Sozialpro-
dukt ist, desto mehr fällt auch immer für den «Schwachen» ab, auch wenn die Por-
tionen sehr ungleich sein mögen und die Einkommens- und Vermögensspreizung so 
weit geht wie in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Leider muss man sich immer wieder mit dem Einwand auseinandersetzen, der Wett-
bewerb benachteilige die «Schwächeren» oder zumindest die «Hilflosen». In Wirk-
lichkeit setzt er jedoch Kräfte frei, von denen alle profitieren und die jeden im Such-
verfahren von trial and error auf den nützlichsten Platz im Rahmen der Arbeitsteilung 
verweisen, wenn es auch kein besonders respektabler Platz sein mag. Monopole 
verschlechtern die Lebensverhältnisse aller - von der demütigenden Abhängigkeit 
und Verformung der Mentalität ganz abgesehen.

Barmherzigkeit?

Aufzuräumen ist mit der Ansicht, der Sozialstaat habe etwas mit christlicher Barm-
herzigkeit zu schaffen. Ich denke, das Christentum fordert vom Reichen, aus freiem 
Antrieb zu geben, aber es postuliert nicht das Recht des Armen (oder gar der Politi-
ker mit ihrem Robin-Hood-Komplex), beliebig bei «Besserverdienenden» zuzugrei-
fen. Christus hat sich nicht zum Anwalt des Raubes, auch nicht eines staatlich lega-
lisierten Raubes gemacht, sondern die Nächstenliebe gepredigt. Ich kann nicht ver-
stehen, dass die Kirchen immer noch im Sinne christlicher Werte zu handeln glauben, 
wenn sie den Ausbau des Wohlfahrtsstaates unterstützen. Es ist dies geradezu
instinktlos: Der Wohlfahrtsstaat macht schliesslich die soziale Funktion der Kirchen 
überflüssig!

Der Staat

Der Staat ist die Verkörperung der Ethik des Teilens. Die Güter, die er hervorbringt, 
zumindest innere und äussere Sicherheit, muss er durch eine Steuer genannte 
Zwangsumlage fnanzieren. Was gegenwärtig in den meisten westlichen Gesell-
schaften vor sich geht: Der Staat auf mehr als die Hälfte des Volkseinkommens 
zugreift und insoweit die private Einkommensverwendung sozialisiert, ist für mich 
nicht nur ökonomisch unzweckmässig, sondern auch im hohen Grade moralisch 
fragwürdig und jedenfalls wohlfahrtsvernichtend. Wenn der Staat die Menschen, die
eigentlich zur Eigenvorsorge fähig wären, durch Steuern und Sozialabgaben schröpft 
und von sozialen Transfers abhängig macht, ihnen Sicherheit oder ein Glück vorgau-
kelnd, das nur mit der Vernichtung individuell gestalteten, selbstverantwortlichen Le-
bens zu erkaufen ist, so gehört dies für mich in das Kapitel Unmoral - besonders 
nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts.
Ein Staat, der immer mehr soziale Sicherheit verspricht, wird desto mehr Unsicher-
heit verbreiten. Wir sehen gegenwärtig, dass der Staat sich übernommen hat und 
nicht einmal mehr in seinem Kernbereich für Sicherheit, Recht und Ordnung ausrei-
chend sorgen kann.

Gerd Habermann

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