Ist der Staat wirklich «sozial»?
Der Markt und seine Wirkung
Von Dr. Gerd Habermann, Bonn
Über kein anderes Thema ist so viel Konfuses zu hören und zu lesen wie
über die Frage einer Ethik der Wirtschaft und speziell des Unternehmers.
Dies beginnt mit der entsetzlichen Verwirrung, die der Ausdruck «sozial» in
die Debatten gebracht hat.
Es wird gefragt, ob eine Marktwirtschaft, deren Haupterfolg in den letzten
Jahrhunder-
ten die Ausrottung der Armut war, überhaupt «sozial» sei. Solches wird nach dem
«glänzenden Scheitern» des sozialistischen Experiments im Sowjetbereich sogar
immer noch gefragt. Desgleichen zum Unternehmer: Ist er nicht im Grunde ein
Raub-
tier, dessen primärer Instinkt die Ausbeutung der «Schwächeren» ist, ein Tier, das
sich nach Prinzipien des sozialen Darwinismus erhält?
Eigentum
Die Kernwerte unternehmerischer Philosophie sind: Vertragsfreiheit, Eigentum und
Wettbewerb. Aus dem Eigentumsgedanken ergeben sich die wichtigsten morali-
schen Regeln: Jeder hat das Recht auf seinen Körper, auf den Ertrag seiner Arbeit
und auf das, was ihm andere gesetzmässig übertragen haben.
Das Ethos des Wirtschaftslebens in einer freien Gesellschaft lautet: Mach etwas aus
deiner Begabung, deinen Talenten, deinem Eigentum! Dies im Wettbewerb mit an-
deren, die das gleiche wollen und müssen. In einer freien Gesellschaft wird auch noch
der stärkste Unternehmer den Märkten, seinen Kunden und ihren Bedürfnissen
dienstbar. Er kann nur etwas aus sich machen, nur wachsen, indem er anderen
nütz-
liche Dienste erweist. Service als Dienst am Nächsten! Wer am besten «dient»,
macht die grössten Profite. Was ist daran moralisch anstössig?
Wettbewerb
Der politische Wettbewerb ist häufig ruinös und endet gelegentlich in Kriegen. Der
ökonomische Wettbewerb um die Gunst der Kunden dagegen führt zu freundlicher
Servicementalität.
Marktwirtschaft und Wettbewerb erzeugen auf diese Weise einen
Zivilisierungspro-
zess. So hat die Zurückdrängung staatlicher Dienstleistungsmonopole immer auch
zivilisierende Wirkungen in Hinsicht auf den Umgang miteinander. In früher
staatsmo-
nopolistischen Bereichen wie Post, Telekommunikation, Bahn oder Rundfunk gibt es
in jüngster Zeit reichlich Anschauungsmaterial für diesen Zivilisierungsprozess.
Monopole haben immer dezivilisierende Wirkungen, wie jeder weiss, der erlebt hat,
wie die Bedienung in einem der wenigen «volkseigenen» Restaurants der früheren
DDR ablief: nämlich als Gnadenakt des Personals! Der Sozialismus, der an
urtümli-
che Teilungsinstinkte der Horde appelliert, kann es bis heute nicht begreifen, dass
die List der Marktwirtschaft darin besteht, dass nur derjenige sich vorwärtsbringen
kann, der anderen dient und insoweit er anderen dient. Der kategorische Imperativ
des selbständigen Unternehmers lautet: Setze dein Eigentum so ein, dass es deinen
Kunden und damit letztlich auch dir selbst maximalen Nutzen bietet. Es ist seine
Auf-
gabe, durch das Angebot von nachgefragten Gütern und Diensten Leiden zu
vermin-
dern und Freude zu vermehren - und so sich selber zu erhalten. Wo soll hier ein
mora-
lisches Problem liegen?
Gerechtigkeit
Die Ethik der Solidarität und des Teilens der Schwester Teresa und des Heiligen
Martin und fast aller Moralphilosophen und Propheten ist auf eine erweitere
Markt-
ordnung nicht anwendbar. Es gibt eben zwei Typen von Ethik: für die kleine Gruppe
mit ihren Beziehungen von Angesicht zu Angesicht und für die weltweite Ordnung des
Marktes. Wir alle müssen in zwei ethischen Welten leben. Die Ethik der Liebe und
des Teilens gilt in der kleinen Gruppe, in der anderen gelten nur formale Regeln
ge-
rechten Handelns. Die eine Welt mag man die der «sozialen Gerechtigkeit», die aufs
Teilen aus ist, nennen, die andere die der Tausch- oder Verfahrensgerechtigkeit.
Ich möchte Ihnen den Unterschied zwischen Marktethik und der Distributionsethik der
kleinen Gruppen einmal in einem Bild verdeutlichen. Sie alle kennen die Geschichte
vom Heiligen Martin, der als stolzer Ritter einen am Rande frierenden Bettler
begeg-
nete. Martin nahm sein Schwert und teilte mit ihm seinen Mantel. Damit gab es zwar
einen Heiligen mehr, aber keinen Armen weniger. Vielmehr hatten jetzt beide
zuwe-
nig. Bei der nächsten Teilung wird jeder nur noch einen Mantelviertel haben usw. - bis
schliesslich alle frieren.
Unternehmergeist
Der Unternehmer mag als Privatmann so handeln wie der Heilige Martin. Als
Unter-
nehmer wird er darüber hinausgehen: er wird eine Mantelfabrik bauen, dem Bettler
dort einen Arbeitsplatz verschaffen, so dass dieser sich einen Mantel kaufen kann
statt zu betteln. Nun frage ich Sie: Wer hat mehr Nutzen gestiftet, wer hat mehr zur
Überwindung der Armut getan: der, der sie nur verwaltet durch Teilen, oder der, der
sie überwindet durch Vermehren der Güter dieser Erde? Je grösser das
Sozialpro-
dukt ist, desto mehr fällt auch immer für den «Schwachen» ab, auch wenn die
Por-
tionen sehr ungleich sein mögen und die Einkommens- und Vermögensspreizung so
weit geht wie in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Leider muss man sich immer wieder mit dem Einwand auseinandersetzen, der
Wett-
bewerb benachteilige die «Schwächeren» oder zumindest die «Hilflosen».
In Wirk-
lichkeit setzt er jedoch Kräfte frei, von denen alle profitieren und die jeden im
Such-
verfahren von trial and error auf den nützlichsten Platz im Rahmen der Arbeitsteilung
verweisen, wenn es auch kein besonders respektabler Platz sein mag. Monopole
verschlechtern die Lebensverhältnisse aller - von der demütigenden Abhängigkeit
und Verformung der Mentalität ganz abgesehen.
Barmherzigkeit?
Aufzuräumen ist mit der Ansicht, der Sozialstaat habe etwas mit christlicher
Barm-
herzigkeit zu schaffen. Ich denke, das Christentum fordert vom Reichen, aus freiem
Antrieb zu geben, aber es postuliert nicht das Recht des Armen (oder gar der
Politi-
ker mit ihrem Robin-Hood-Komplex), beliebig bei «Besserverdienenden»
zuzugrei-
fen. Christus hat sich nicht zum Anwalt des Raubes, auch nicht eines staatlich
lega-
lisierten Raubes gemacht, sondern die Nächstenliebe gepredigt. Ich kann nicht
ver-
stehen, dass die Kirchen immer noch im Sinne christlicher Werte zu handeln glauben,
wenn sie den Ausbau des Wohlfahrtsstaates unterstützen. Es ist dies geradezu
instinktlos: Der Wohlfahrtsstaat macht schliesslich die soziale Funktion der Kirchen
überflüssig!
Der Staat
Der Staat ist die Verkörperung der Ethik des Teilens. Die Güter, die er hervorbringt,
zumindest innere und äussere Sicherheit, muss er durch eine Steuer genannte
Zwangsumlage fnanzieren. Was gegenwärtig in den meisten westlichen Gesell-
schaften vor sich geht: Der Staat auf mehr als die Hälfte des Volkseinkommens
zugreift und insoweit die private Einkommensverwendung sozialisiert, ist für mich
nicht nur ökonomisch unzweckmässig, sondern auch im hohen Grade moralisch
fragwürdig und jedenfalls wohlfahrtsvernichtend. Wenn der Staat die Menschen, die
eigentlich zur Eigenvorsorge fähig wären, durch Steuern und Sozialabgaben schröpft
und von sozialen Transfers abhängig macht, ihnen Sicherheit oder ein Glück
vorgau-
kelnd, das nur mit der Vernichtung individuell gestalteten, selbstverantwortlichen
Le-
bens zu erkaufen ist, so gehört dies für mich in das Kapitel Unmoral - besonders
nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts.
Ein Staat, der immer mehr soziale Sicherheit verspricht, wird desto mehr
Unsicher-
heit verbreiten. Wir sehen gegenwärtig, dass der Staat sich übernommen hat und
nicht einmal mehr in seinem Kernbereich für Sicherheit, Recht und Ordnung
ausrei-
chend sorgen kann.
Gerd Habermann
**Zurück zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr.12 vom 4. Juni 1999**
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