4. Juni 1999

Drogenkontrollrat: Heroinabgabe wissenschaftlich nicht anerkannt
Klartext der Uno zur Schweizer Drogenpolitik
Von Alexander Segert, Zürich

Aufgrund der skandalösen Umdeutungen, mit denen Bundespräsidentin 
Ruth Dreifuss und BAG-Direktor Thomas Zeltner versucht haben, die harsche 
Kritik eines WHO-Expertenberichts über die Heroinabgabe zu beschönigen, 
hat sich nun der Internationale Drogenkontrollrat der Uno (INCB) an seiner 
jüngsten Sitzung dazu gezwungen gesehen, mit aller Deutlichkeit darauf 
hinzuweisen, dass die Heroinprojekte jeglichen Beweis schuldig geblieben 
sind, dass sie bei der Behandlung von Heroinabhängigen nützlich sein 
könnten.


Die Fakten sind bekannt: Damit die wissenschaftliche Auswertung der hiesigen He-
roinprojekte auf seriösen Füssen steht und nicht zu vorformulierten Wunsch-Resulta-
ten führt, hat der Internationale Drogenkontrollrat der Uno (INCB) dem Bundesrat 
sowie dem zuständigen Bundesamt für Gesundheit (BAG) 1994 empfohlen, die Welt-
gesundheitsbehörde um eine unabhängige Beurteilung der Heroinabgabe zu ersu-
chen. Um den Kritikern an der staatlichen Heroinabgabe den Wind aus den Segeln 
zu nehmen und die Stimmbürger zu beruhigen, ist das BAG nach dem Motto: 
«Schaut her, bei uns geht alles mit rechten Dingen zu, wir legen alle Fakten auf den 
Tisch» dieser Empfehlung nachgekommen. Doch nun, da die Ergebnisse dieser
Beurteilung vorliegen, setzen sich die Verantwortlichen im BAG und die Departe-
mentsvorsteherin Ruth Dreifuss keineswegs offen mit dem Bericht auseinander, 
sondern verstricken sich in immer haarsträubendere Vertuschungsaktionen.

Frage der Interpretation?

So erklärten sowohl die Bundespräsidentin als auch BAG-Direktor Thomas Zeltner 
anlässlich der Pressekonferenz vom 16. April, an der der Abstimmungskampf gegen 
das Referendum «Nein zur Heroinabgabe» lanciert wurde, der im Auftrag der WHO 
verfasste Bericht über die Heroinabgabe käme - nebst den «üblichen Kritiken» bei 
der Bewertung von Projekten - zu einer positiven Bewertung. Die anwesenden Jour-
nalisten schluckten diese plumpe Desinformation brav. Dass Fehlinterpretationen 
kurze Beine haben, hat nun der Internationale Drogenkontrollrat ans Tageslicht ge-
bracht. An seiner Mitte dieses Monats abgehaltenen Tagung in Wien hielt der Kon-
trollrat unzweideutig fest, dass die Heroinabgabe keine Alternative zur Behandlung 
von Heroinsüchtigen ist und verwies dabei auf zwei Punkte, die bereits von den 
WHO-Beauftragten in ihrem Expertenbericht hervorgehoben wurden.
Erstens: Die Schweizer Heroinabgabe konnte nicht beweisen, dass gesundheitliche 
Verbesserungen der Versuchsteilnehmer auf die Verschreibung von Heroin oder auf 
die umfassende psychosoziale Betreuung zurückzuführen sind. Und zweitens: Die 
Schweizer Auswertung der Heroinversuche bleibe den Beweis schuldig, dass selbst 
für Patienten, bei denen eine Methadontherapie versagt hat, die Heroinverschreibung 
zu Verbesserungen führt, die mit einer Methadonbehandlung nicht erreicht werden 
konnten.

Kritik an Heroinabgabe

Des weiteren zitiert der INCB in seiner Presseerklärung aus einem Brief der General-
direktion der Weltgesundheitsbehörde an den Drogenkontrollrat, in dem die WHO-
Spitze ebenfalls eine mehr als deutliche Sprache anschlägt: Die Heroinprojekte, so 
die WHO, «gaben keinen klaren Aufschluss über die Vorteile einer Heroinbehandlung 
gegenüber anderen Ersatzmitteln.» Und: Die Heroinprojekte bewiesen «keine kausa-
le Verbindung zwischen der Verschreibung von Heroin und der Verbesserung des 
Gesundheitsstatus»
Daher, so die WHO-Direktion weiter, «ist es schwer, daraus zu schliessen, dass die 
vorhandenen Ergebnisse dieser Schweizer Studie irgendeinem anderen Land dien-
lich sein könnten» Angesichts dieser Faktenlage kommt der Internationale Drogen-
kontrollrat zu dem Schuss, dass kein Grund dafür besteht, seine bereits zu einem 
früheren Zeitpunkt geäusserte Besorgnis bezüglich der Schweizer Heroinprojekte zu 
verringern, da die Heroinabgabe nicht auf wissenschaftlich und medizinisch aner-
kannten Ergebnissen beruht.
Für den kommenden 13. Juni, an dem das Referendum gegen die Heroinabgabe zur 
Abstimmung kommt, lassen die beschriebenen Umstände wenig Gutes erwarten, 
denn die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben sich nun ein weiteres Mal mit 
einem drogenpolitischen Entscheid auseinanderzusetzen, für den sie von seiten der 
zuständigen Bundesbehörden sowie der Medien mit Desinformation, Verdrehungen 
und Täuschungen präpariert wurden.

Alexander Segert

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