Drogenkontrollrat: Heroinabgabe
wissenschaftlich nicht anerkannt
Klartext der Uno zur Schweizer Drogenpolitik
Von Alexander Segert, Zürich
Aufgrund der skandalösen Umdeutungen, mit denen Bundespräsidentin
Ruth Dreifuss und BAG-Direktor Thomas Zeltner versucht haben, die harsche
Kritik eines WHO-Expertenberichts über die Heroinabgabe zu beschönigen,
hat sich nun der Internationale Drogenkontrollrat der Uno (INCB) an seiner
jüngsten Sitzung dazu gezwungen gesehen, mit aller Deutlichkeit darauf
hinzuweisen, dass die Heroinprojekte jeglichen Beweis schuldig geblieben
sind, dass sie bei der Behandlung von Heroinabhängigen nützlich sein
könnten.
Die Fakten sind bekannt: Damit die wissenschaftliche Auswertung der hiesigen
He-
roinprojekte auf seriösen Füssen steht und nicht zu vorformulierten
Wunsch-Resulta-
ten führt, hat der Internationale Drogenkontrollrat der Uno (INCB) dem Bundesrat
sowie dem zuständigen Bundesamt für Gesundheit (BAG) 1994 empfohlen, die Welt-
gesundheitsbehörde um eine unabhängige Beurteilung der Heroinabgabe zu
ersu-
chen. Um den Kritikern an der staatlichen Heroinabgabe den Wind aus den Segeln
zu nehmen und die Stimmbürger zu beruhigen, ist das BAG nach dem Motto:
«Schaut her, bei uns geht alles mit rechten Dingen zu, wir legen alle Fakten auf den
Tisch» dieser Empfehlung nachgekommen. Doch nun, da die Ergebnisse dieser
Beurteilung vorliegen, setzen sich die Verantwortlichen im BAG und die
Departe-
mentsvorsteherin Ruth Dreifuss keineswegs offen mit dem Bericht auseinander,
sondern verstricken sich in immer haarsträubendere Vertuschungsaktionen.
Frage der Interpretation?
So erklärten sowohl die Bundespräsidentin als auch BAG-Direktor Thomas Zeltner
anlässlich der Pressekonferenz vom 16. April, an der der Abstimmungskampf gegen
das Referendum «Nein zur Heroinabgabe» lanciert wurde, der im Auftrag der WHO
verfasste Bericht über die Heroinabgabe käme - nebst den «üblichen Kritiken» bei
der Bewertung von Projekten - zu einer positiven Bewertung. Die anwesenden Jour-
nalisten schluckten diese plumpe Desinformation brav. Dass Fehlinterpretationen
kurze Beine haben, hat nun der Internationale Drogenkontrollrat ans Tageslicht
ge-
bracht. An seiner Mitte dieses Monats abgehaltenen Tagung in Wien hielt der
Kon-
trollrat unzweideutig fest, dass die Heroinabgabe keine Alternative zur Behandlung
von Heroinsüchtigen ist und verwies dabei auf zwei Punkte, die bereits von
den
WHO-Beauftragten in ihrem Expertenbericht hervorgehoben wurden.
Erstens: Die Schweizer Heroinabgabe konnte nicht beweisen, dass gesundheitliche
Verbesserungen der Versuchsteilnehmer auf die Verschreibung von Heroin oder auf
die umfassende psychosoziale Betreuung zurückzuführen sind. Und zweitens: Die
Schweizer Auswertung der Heroinversuche bleibe den Beweis schuldig, dass selbst
für Patienten, bei denen eine Methadontherapie versagt hat, die Heroinverschreibung
zu Verbesserungen führt, die mit einer Methadonbehandlung nicht erreicht werden
konnten.
Kritik an Heroinabgabe
Des weiteren zitiert der INCB in seiner Presseerklärung aus einem Brief der
General-
direktion der Weltgesundheitsbehörde an den Drogenkontrollrat, in dem die
WHO-
Spitze ebenfalls eine mehr als deutliche Sprache anschlägt: Die Heroinprojekte, so
die WHO, «gaben keinen klaren Aufschluss über die Vorteile einer Heroinbehandlung
gegenüber anderen Ersatzmitteln.» Und: Die Heroinprojekte bewiesen «keine
kausa-
le Verbindung zwischen der Verschreibung von Heroin und der Verbesserung des
Gesundheitsstatus»
Daher, so die WHO-Direktion weiter, «ist es schwer, daraus zu schliessen, dass die
vorhandenen Ergebnisse dieser Schweizer Studie irgendeinem anderen Land dien-
lich sein könnten» Angesichts dieser Faktenlage kommt der Internationale
Drogen-
kontrollrat zu dem Schuss, dass kein Grund dafür besteht, seine bereits zu einem
früheren Zeitpunkt geäusserte Besorgnis bezüglich der Schweizer Heroinprojekte zu
verringern, da die Heroinabgabe nicht auf wissenschaftlich und medizinisch aner-
kannten Ergebnissen beruht.
Für den kommenden 13. Juni, an dem das Referendum gegen die Heroinabgabe zur
Abstimmung kommt, lassen die beschriebenen Umstände wenig Gutes erwarten,
denn die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben sich nun ein weiteres Mal mit
einem drogenpolitischen Entscheid auseinanderzusetzen, für den sie von seiten der
zuständigen Bundesbehörden sowie der Medien mit Desinformation, Verdrehungen
und Täuschungen präpariert wurden.
Alexander Segert
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