Nr. 12, 11. Juni 2010

Am Himmel über dem Jura: Juni 1940 bis Juni 2010
70 Jahre schweizerische Selbstbehauptung

Von Dr. Jürg Stüssi-Lauterburg, Historiker, Windisch AG

Seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war es immer häufiger zu Fliegergrenzverletzungen gekommen, seit dem Beginn des deutschen Feldzugs gegen Frankreich am 10. Mai 1940 stieg die Zahl ins Unerträgliche.

«L’histoire nous a faits: comme elle nous a faits, nous devons la faire. Pour cela, nous devons la prendre intégralement, et n’en rien rejeter. … Il faut que nous nous sentions sur ses racines si nous ne voulons pas être renversés et, si nous voulons vivre, il faut que nous apprenions d’elle à mourir».

Zur Geschichte stehen

Gonzague de Reynold gab mit diesen Worten der Stimmung eines ganzen Volkes Ausdruck. Sie erschienen in Paul de Vallières denkwürdigem Buch «Honneur et Fidélité», der Geschichte der Schweizer in Fremden Diensten. Das war im Mai 1940. Das war das Programm: Zur Geschichte stehen, leben wollen, aus der Geschichte lernen, sterben zu können! Es kam der Juni 1940 und damit, für die Flieger, die Bewährung in der Wirklichkeit!

Am 2. Juni 1940, wurde über dem französischen Bourg en Bresse eine deutsche Heinkel 111 – ein vier- bis fünfsitziger Bomber – der Fliegerstaffel 8 des Kampfgeschwaders «Greif 55» durch einen französischen Fliegerangriff vom Rest ihrer Staffel getrennt und versuchte nun, über die Schweiz nach Deutschland zurückzukehren. Hauptmann Werner Lindecker und Leutnant Erwin Aschwanden von der Fliegerkompanie 15 ahndeten die Verletzung der schweizerischen Neutralität durch Beschuss, eine Notlandung bei Ursins war die Folge. Von der Besatzung starb ein Mann danach im Spital, der Bordschütze Hans Lindner.

Zahlreiche Grenzverletzungen

Seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war es immer häufiger zu Fliegergrenzverletzungen gekommen, seit dem Beginn des deutschen Feldzugs gegen Frankreich am 10. Mai stieg die Zahl ins Unerträgliche. In den Monaten Mai und Juni 1940 waren es insgesamt 246 Verletzungen mit bekannten Urhebern. Dreimal war es Frankreich, zehnmal Italien und 233 mal Deutschland! Das konnte ein unabhängiger Staat nicht hinnehmen und so wurde denn bis zum 8. Juni mehrmals gekämpft. Die deutschen Flugzeuge waren, neben der Heinkel 111, die zweisitzige Messerschmitt 110 und der drei- bis viersitzige Bomber/Aufklärer Dornier 17. Die Schweizer Flugwaffe hatte, nicht zuletzt dank der Beharrlichkeit ihres Kommandanten Hans Bandi, an modernen Maschinen 88 Jäger, 109 Messerschmitt und 36 Morane D-3800. Die Fliegerabwehr verfügte über 20 mm- und 7.5 cm-Kanonen.

Die Kämpfe hatten ihre dramatische Dimension, von  der wir nur mit einigen dürren Worten eine Vorstellung zu vermitteln versuchen wollen: Die Besatzung der Heinkel 111, welche nach Beschuss durch die Flab und die Schweizer Messerschmitt der Oberleutnants Viktor Streiff und Richard Kisling bei Illnau abstürzte, versuchte zu Fuss nach Deutschland durchzukommen, wurde aber von der Polizei verhaftet. Am 1. Juni wurden, mit schweren Folgen, deutsche Heinkel 111 über Les Rangiers beschossen. Die Deutschen waren irrtümlich der Meinung, die Schweizer hätten sie über Frankreich beschossen und provozierten deshalb am 4. Juni mit dem Zerstörergeschwader 1 (28 Messerschmitt 110 und eine Heinkel 111) die bis dahin schwersten Luftkämpfe im Luftraum Le Locle – Saint Ursanne aus bis zu 5000 Meter Höhe. Die dreizehn Messerschmitt 109 und Morane D-3800 der Schweizer schossen eine deutsche Messerschmitt 110 ab, eine zweite musste notlanden. Der Schweizer Leutnant Rudolf Rickenbacher kam beim Absturz seiner Messerschmitt 109 ums Leben. Am 8. Juni hatte das selbe deutsche Zerstörergeschwader 1 «freie Jagd im Raum über dem Jura».

Die Schlacht begann gegen 11.30 Uhr mit dem Angriff von sechs deutschen Messerschmitt 110 auf ein schweizerisches Aufklärungsflugzeug C-35 über Pruntrut. Die C-35 stürzte bei Alle ab, Leutnant Rodolfo Meuli und Oberleutnant Emilio Gürtler von der Fliegerkompanie 10 kamen ums Leben. Die Deutschen schufen mit ihren 28 Messerschmitt 110 drei Abwehrkreise, einen auf 2000, einen auf 4000 und einen auf 6000 Meter Höhe. Dagegen traten 15 Messerschmitt 109 der Kompanien 6, 15 und 21 an, worauf im Raum Saignelégier-Oensingen-St. Ursanne ein heftiger Luftkampf tobte. Oberleutnant Rudolf Homberger ging verletzt – Schüsse im Rücken, in der Lunge – in Bözingen (Boujean) nieder. Ein deutscher Zerstörer landete schwer beschädigt in Réchésy, ein anderer wurde bis Triengen verfolgt und dort abgeschossen. Die Besatzung kam ums Leben. Bei Oberkirch landete eine Messerschmitt 110, welche vom Flabdetachement 80 in Laufen beschossen worden war. Die Besatzung wurde im Kiental interniert. Später schickte sozusagen als Nachbereitung der zukünftige Reichsmarschall Hermann Göring Saboteure in die Schweiz. Die in Zivilkleidern auftretenden Saboteure sollten die Schweizer Maschinen am Boden zerstören, aber sie wurden erwischt und gerichtlich verurteilt.

Gewiss, gemessen an den gesamten Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges war die Bilanz der Fliegerzwischenfälle von Mai und Juni 1940 gering. Immerhin standen elf deutschen Flugzeugverlusten nur drei schweizerische gegenüber. Zentral aber war, dass die Schweiz unmissverständlich genau jenen Willen zur korrekt gehandhabten Neutralität an den Tag gelegt hatte, den sie am Boden seit 1815 stets demonstriert hatte, nun aber, der veränderten Zeit entsprechend, auch in der Luft.

Widerstandswille

Das hatte deutliche positive Wirkungen im Innern: Aktivdienstveteranen haben mir immer wieder voller Stolz von den Leistungen unserer Piloten erzählt, Männer, welche den Widerstandswillen verkörperten. Einige wenige erzählen immer noch davon, viele haben sich jedoch, leider, bereits zur Grossen Armee abgemeldet.
Die Luftkämpfe hatte aber auch positive Wirkungen gegen aussen: Die Schweiz erschien glaubwürdig und im Rahmen des Zumutbaren bemüht, ihre Neutralität auch in der Luft zu wahren.

Andererseits hat niemand Freude, wenn er abgeschossen wird, und die Schwierigkeiten im Umgang mit dem nach dem Zusammenbruch Frankreichs vorübergehend auf dem Kontinent vorherrschenden Deutschland liessen sich nur mühsam bewältigen. Dazu kam die Sorge, so gleichsam Stück um Stück unersetzliche Flugzeuge zu verlieren und dann in der zu erwartenden Hauptschlacht um die eigene Existenz um so viel weniger zu haben. Dies dürfte der Hauptgrund für General Henri Guisans Entscheid gewesen sein, vom 20. Juni 1940 an keine Luftkämpfe über der Schweiz mehr zuzulassen, das heisst die Verteidigung des schweizerischen Luftraums der Fliegerabwehr zu überlassen, ein Entscheid, auf den der General erst im November 1943 zurückkommen sollte, als sich die Kriegslage fundamental geändert hatte.

Was bleibt? Ich denke, das Zentrale sei der Respekt vor den Opfern, vor allen Piloten und Besatzungsangehörigen beider Seiten, welche ihre Pflicht mit ihrem Leben oder ihrer Gesundheit bezahlt haben. Noch zwei weitere Aspekte sind in meinen Augen von erstrangiger Bedeutung, der Lebenswille der neutralen und demokratischen Schweiz im Zweiten Weltkrieg und die Existenz einer zeitgemässen Flugwaffe – ich brauche das damalige Wort – als Grundvoraussetzung  unserer unabhängigen politischen Existenz.

Operation «Tannenbaum»

Warum die Schweiz den Zweiten Weltkrieg in Unabhängigkeit und Freiheit überlebt hat, hat viele Gründe: Da ist zunächst die geographische Lage und die darauf gestützten wenigen, aber effektvollen und richtigen Strategieentscheide Guisans, welche die deutschen Planer immer wieder zur Verschiebung der Operation «Tannenbaum», des Angriffs auf die Schweiz, und ihrer Varianten bewog. Der wichtigste Strategieentscheid Guisans war, in den Jahren 1940 bis 1944 die Alpentransversalen zu besetzen und zu drohen, diese zuerst zu verteidigen und danach zu zerstören und so Hitlers Kohle- und Stahllieferungen nach dem verbündeten Italien so stark zu beeinträchtigen, dass Mussolinis Staat unmittelbar vom Zusammenbruch bedroht wurde. Zentral aber war der Wille eines ganzen Volkes, Nein zu sagen zur Schande der Herrschaft  des Antichrist, wie der Theologe Karl Barth sagte, und wie damals, von ganz weit rechts bis sehr weit links hierzulande fast jedermann empfand. Und genau diesen Widerstandswillen praktisch, ohne Appell an die Rhetorik, unter dem Einsatz ihres Lebens, unter Beweis gestellt zu haben, das ist das unauslöschliche Verdienst der Schweizer Flieger von 1940.

Militärflieger sind eine Voraussetzung unserer unabhängigen politischen Existenz; so hat es das Volk in diesem Lande seit jeher gesehen. Es war das vom Volk gesammelte Geld, welches den Grundstein legte für die helvetische Militäraviatik vor dem Ersten Weltkrieg. Und es war das Volk, das den Propagandisten der freiwilligen Selbstentwaffnung in der Luft nach dem Kalten Krieg eine Absage an der Urne erteilte. Es muss, und davon bin ich überzeugt, es wird auch in Zukunft so sein: Mit dreizehnjährigen Dewoitine 27 liess sich kein Staat mehr machen 1940, aber die weitsichtig beschafften neuen Messerschmitt und Morane erlaubten dem Land, anzutreten.

Das Leben ist ein Auftrag

Auf dem Fliegerdenkmal auf dem St. Gotthard ist der Satz zu lesen, der 1928 im Dienste des Vaterlandes abgestürzte Pilot, Adrien Guex, habe uns gelehrt,
«CHE LA VITA E MISSIONE»
Diese Lehre, dass das Leben ein Auftrag ist, ist unauslöschlich. So blicken wir dankbar hinauf, wo vor 70 Jahren die dramatischen Kämpfe sich abspielten und dann auch um uns, wo wir die Freude haben, das Ideal Gottfried Kellers bestätigt zu sehen, das da lautet:

«Die Freundschaft in der Freiheit.»

Jürg Stüssi-Lauterburg