Nr. 12, 28. Mai 2004
Die EU und die demokratischen Rechte der Bürger
Wer muss das Volk fürchten?
Von Nationalrat
Prof. Dr. Christoph Mörgeli, Uerikon ZH
Am
1. Mai hat sich die Europäische Union um zehn Mitglieder vergrössert
- hauptsächlich um Staaten des ehemaligen Ostblocks. Dass ausgerechnet
der 1. Mai, ein sozialistischer Feiertag, am Anfang der Osterweiterung steht,
dürfte nicht nur in diesen Ländern ungute Erinnerungen wecken.
Wohin steuert
die Europäische Union? Wird die «Sowjetisierung» Europas
voranschreiten? Oder wird man sich auf die grosse Tradition der europäischen
Vielfalt besinnen und den Völkern ihre Selbstbestimmung belassen? Wer
glaubt, durch eine zentralistische Führung würde Europa stabiler
und
friedlicher werden, täuscht sich. Wer glaubt, man könne Iren und
Zyprioten, Balten und Deutsche, Spanier und Slowaken unter eine gemeinsame
Aussenpolitik zwingen, gefährdet letztlich eben diesen Frieden, den man
angeblich stärken will. Wenn Frankreich und Deutschland in ziemlich
durchsichtiger Weise eine Vormachtstellung anstreben - auf Kosten der Kleinstaaten,
auch auf Kosten der demokratischen Rechte aller Bürger -, dann führt
das ziemlich genau in die entgegengesetzte Richtung einer «europäischen
Familie», so süsslich man diese auch propagiert.
Europa der Bürokraten
Die EU entwickelt sich mehr und mehr zum Europa der Bürokraten und Institutionen.
Doch je zentralistischer sich die EU gestaltet, um so weniger föderalistisch
wird Europa werden. Und je weniger Föderalismus Platz hat, desto weniger
Freiheit bleibt den einzelnen Bürgern. Die Verlagerung von
Macht nach Brüssel geht einher mit schrittweiser Entmündigung der
Bürger.
Die Eurokraten wissen ganz genau, dass sie rechtliche Grundlagen schaffen
müssen, um «ihr» Europa der Institutionen ausbauen zu können.
Dazu gehört auch eine gemeinsame europäische Verfassung. In England
- traditionell europaskeptisch - hat Tony Blair immerhin ein Referendum über
die neue
Verfassung angekündigt. Die Bürgerinnen und Bürger, so Blair,
sollen entscheiden, ob sie mehr oder weniger Europa haben wollen. Sofort meldeten
sich Stimmen aus der politischen Elite: Diese Ankündigung einer Volksabstimmung
sei «ein Fehler». Was genau soll daran ein Fehler sein? Kann
ein demokratischer Akt in Form einer Volksabstimmung «ein Fehler»
sein? Wohl nur für jene, die das Volk fürchten! Wohl nur für
jene, die glauben, ein Volk sei nicht reif oder intelligent genug, über
seine eigene Zukunft zu befinden. Da stellt sich die ganz wesentliche Frage:
Wer hat eigentlich Grund, wem zu misstrauen? Die Politiker dem Volk - oder
das Volk den Politikern?
«Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus ...»
Wie sehr Politiker das Volk fürchten, zeigt der Weg Deutschlands nach
Europa. Durften die Deutschen über die Einführung des Euro abstimmen?
Nein! Durften die Deutschen über die Verträge von Amsterdam und
Nizza abstimmen? Verträge, die das Gesicht Europas entscheidend veränderten
(«Vergemeinschaftung» der Union und Machtkonzentration in Brüssel).
Nein! Durften die Deutschen etwas zur eben vollzogenen Osterweiterung sagen?
Nein! Die Politiker machten diesen fundamentalen Entscheid lieber unter sich
aus: Man wollte die Osterweiterung keinem «unnötigen Risiko»
aussetzen. Offenbar ist eine demokratische Abstimmung für gewisse Politiker
schon ein zu grosses Risiko.
Wird die Schröder-Regierung dieses «Risiko» wenigstens bei
der Frage um eine gemeinsame europäische Verfassung eingehen? Wenn wir
die vergangenen Entscheidungswege anschauen - wohl eher nicht.
Wie heisst es so schön im deutschen Grundgesetz: «Alle Staatsgewalt
geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen ... ausgeübt.»
Nur eine leere Phrase?
Warum soll eine sich immer stärker zentralistisch gebärdende EU
zu mehr Demokratie führen, wenn schon die Einzelstaaten das Volk lieber
umgehen? Wer misstraut wem? Auch die Abkommen von Schengen und Dublin wurden
in fast allen europäischen Staaten am Volk vorbeigeschmuggelt.
Schengen und die Schweiz
SP, FDP und CVP und eine Mehrheit im Bundesrat wollen den Schengen-Vertrag
unterzeichnen. Niemand hat etwas gegen mehr polizeiliche Zusammenarbeit zur
Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Aber Schengen bedeutet:
offene Grenzen, freie Bahn für Kriminelle. Wer einmal in den Schengen-Raum
eingedrungen ist - auch Kriminelle, Waffenschieber, organisierte Verbrecher,
Illegale, Schlepper, Asylmissbraucher oder ähnliche «Kunden»
-, der ist «drin». Er hat freie Fahrt über alle Binnengrenzen,
im Fall eines Schengen-Beitritts auch über unsere Landesgrenze.
Die Linken wollen Schengen, weil sie durch die Hintertür in die EU wollen.
Das gilt auch für viele Exponenten der Mitteparteien FDP und CVP. Bundesrätin
Calmy-Rey sagte im April 2003, die Bilateralen Verträge seien dazu da,
«den Boden zu bereiten» für einen raschen EU-Beitritt
(Pressekonferenz, 24. April 2003). Wenn unsere Aussenministerin so doppelzüngig
spricht und damit den schweizerischen Interessen schadet, ist sie keine Landesmutter,
dann ist sie eine Landesrabenmutter!
So unentwegt der deutsche Aussenminister Joschka Fischer behauptet, die Schweiz
sei eben nun einmal Aussengrenze des Schengen-Raums, so unentwegt plappert
ihm Frau Calmy-Rey diesen Unsinn nach. In Tat und Wahrheit liegt die Schweiz
mitten in Europa. Sie hat keine «Aussengrenzen», sie bildet mit
ihren Grenzkontrollen vielmehr eine Insel der Sicherheit. Würde die tatsächliche
Schengen-Aussengrenze auch nur halbwegs so vorbildlich betreut, hätte
das Schweizer Grenzwachtkorps im letzten Jahr nicht 101 219 Personen zurückweisen
und 34 063 Personen an die Polizei übergeben (also verhaften!)müssen.
Wäre die Schengen-Aussengrenze wirklich gut überwacht, dann könnteauf
dem Landweg kein einziger aussereuropäischer Krimineller einreisen. So
gesehen, waren die schikanösen deutschen Grenzkontrollen geradezu absurd.
Von Schengen-Aussengrenze kann auch darum keine Rede sein, weil die EU mit
der Schweiz ja Bilaterale Verträge über den freien Personenverkehr
abgeschlossen hat. Freier Personenverkehr und Schengen-Aussengrenze schliessen
sich gegenseitig aus. Und Schengen bleibt ein
Schönwetter-Projekt: Sobald die Lage gefährlich wird, führen
die EU-Länder die Grenzkontrollen wieder ein. So geschehen in Frankreich,
wo man den Aussengrenzen misstraut, und ab Mai in Portugal, da man dort während
der Fussball-Europameisterschaft terroristische Anschläge befürchtet.
Auch Praktiker dagegen
Der erste Staatsanwalt des Grenzkantons Basel-Stadt, Thomas Hug, lehnt den
Schengen-Vertrag ab. Gegenüber der «Weltwoche» äussert
der Praktiker seine Bedenken: «Sie müssen sehen, dass das Übereinkommen
nicht geschlossen wurde, um für mehr Sicherheit zu sorgen, sondern um
die Grenzen zwischen den Staaten der Europäischen Union zu öffnen.
Die Abschaffung der Grenzkontrollen ist der Sicherheit aber zwangsläufig
abträglich. Deshalb mussten die Schengen-Staaten ersatzweise flankierende
Massnahmen treffen, um die Sicherheit wieder zu erhöhen» («Die
Weltwoche», 15. April 2004).
Für den Praktiker sind Grenzkontrollen nach wie vor ein zeitgemässes
und wirksames Mittel bei der Bekämpfung von Kriminalität: «Die
Statistiken zeigen, wie viele Leute mit Diebesgut, Drogen oder Waffen sich
auch mit zurückhaltenden Kontrollen aufgreifen lassen. Trotz der durchlässigen
grünen
Grenze und der zeitweise unbedienten Grenzübergänge erzielen wir
bemerkenswerte Erfolge beim Feststellen von unerwünschten, illegalen
oder kriminellen Personen. Darauf dürfen wir meiner Meinung nach keinesfalls
verzichten. Das Bewusstsein, dass Kontrollen drohen, würde bei einer
Öffnung
der Grenzen völlig verschwinden.» Auch dem Abkommen von Dublin
begegnet Thomas Hug mit Skepsis. Was auf den ersten Blick gut ausschaut -
dass Asylbewerber nur noch in einem Land ein
Gesuch stellen können und eine Ablehnung überall Gültigkeit
hat -, erweist sich bei näherem Hinsehen als unbrauchbar. Nochmals Thomas
Hug: «Deutschland konnte gemäss den Statistiken, die uns vorliegen,
zwar eine grosse Zahl vonAsylbewerbern in das Land zurückschieben, in
dem sie den ersten Antraggestellt hatten. Aber eine noch grössere Zahl
von Asylsuchenden musste Deutschland als Erstasylland zurücknehmen. Die
Staaten betreiben mit einem riesigen administrativen Aufwand also letztlich
ein Nullsummenspiel, indem sie die Asylbewerber einfach herumschieben. Und
einige Länder gehen mitInformationen sehr zurückhaltend um. Ich
sehe deshalb die Gefahr, dass wir gründlichen und pflichtbewussten Schweizer
viel mehr Asylsuchende zurücknehmen müssten, als wir abschieben
könnten.»
Die Folgen
Ein Beitritt zu EU-Schengen hiesse: Abbau der Personenkontrollen und offene
Grenzen. Durch die Osterweiterung rückt die Schengener Aussengrenze an
Weissrussland und an die Ukraine. Dort herrschen schon heute unkontrollierbare
Verhältnisse. Schengen heisst nicht «mehr Sicherheit»,
Schengen heisst «Preisgabe einer souveränen Sicherheitspolitik».
Möchten wir offene Grenzen und damit eine verstärkte illegale Einwanderung
und noch mehr Kriminaltourismus?
Die EU und vor allem Deutschland machen Druck auf unser Bankkundengeheimnis.
Der Finanzplatz ist für die Schweiz enorm wichtig. Er garantiert uns
Privatsphäre und schafft hochqualifizierte Arbeit. Brüssel will
mit dem Schengen-Vertrag indirekt den Finanzplatz Schweiz knacken. Wollen
wir das
Bankgeheimnis verlieren und damit auch Zehntausende Arbeitsplätze vernichten?
Die schweizerische Neutralitätspolitik hat sich bewährt. Sie ist
auch angesichts der terroristischen Bedrohung wichtiger denn je. Der neue
Justizminister Christoph Blocher hat gesagt: «Neutralität schützt
den Kleinen, weil er sich nicht in die Machtkämpfe der Grossen einmischt»
(«NZZ am Sonntag», 11. April 2004). Die EU will eine gemeinsame
Aussenpolitik und eine eigene Armee bilden. Dieser neue militärische
Block ist keine Alternative für eine friedliche, aber verteidigungsbereite
Neutralität. Oder
soll die Schweiz künftig für Brüssel in den Krieg ziehen? Oder
den aussenpolitischen Ehrgeiz der Deutschen mittragen?
Christoph Mörgeli, Nationalrat
Auszug aus dem Referat vor der ordentlichen Generalversammlung der AUNS am 15. Mai 2004 in Bern.