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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 28. Mai 2004

Bilaterale II: Bundesrat hält wichtigste Informationen zurück

Trampel bevorzugt

Selbst zwei Wochen nach dem lauthals gefeierten «Durchbruch von Brüssel» weiss praktisch niemand, zu was genau der Bundesrat mit seiner Unterschrift unter ein EU-Dokument die Schweiz wirklich verpflichtet hat. Wo und wie genau die - fürs Bankkundengeheimnis äusserst brisante - Abgrenzung zwischen Nicht-Meldepflicht bei direkten und Meldepflicht bei indirekten Steuern gezogen wird. Was ein ausländischer Steuerfahnder, künftig zu Nachforschungen in der Schweiz bei Verdacht auf interziehung von indirekten Steuern zugelassen, mit «zufällig» gewonnenen Erkenntnissen über der Meldepflicht entzogenen (weil neu der Zinsbesteuerung unterworfenen) Vermögensanlagen von EU-Ausländern auf Schweizer Banken zu unternehmen berechtigt ist - mit (wie gesagt wird) zwar «vorhandenem», juristisch aber «nicht verwertbarem» Wissen. Und ebenso wenig klar ist, wie das vom Schengen-Vertrag diktierte Verbot «verdachtsunabhängiger Personenkontrollen» an der Landesgrenze abzugrenzen ist von noch erlaubter, jedoch von «hinreichendem Anfangsverdacht» abhängig gemachter Personenkontrolle bei der
Schleierfahndung im Landesinnern.

Äusserst heikle, äusserst brisante Fragen - wozu der Bundesrat jede präzise Information verweigert. Sowohl der Text des Unterschriebenen als auch vorhandene Gutachten werden rigoros unter Verschluss gehalten: Die Untertanen sollen applaudieren, zur Sache aber schweigen! So will es Bern. Und schon werfen sich die Linken scharenweise vor den Brüssel-Wallfahrern platt auf den Bauch. Was die sogenannten «aussenpolitischen Sprecher» der Mitte-Parteien CVP und FDP umgehendst zum Imitieren veranlasst: Begeistert und kritiklos wird ein «bundesrätlicher Erfolg» gefeiert - von dem buchstäblich niemand weiss, wie genau er denn aussieht.

Nur eines scheint den Blindfahrern beim Ausverkauf schweizerischer Interessen wirklich wichtig: Dass Christoph Blocher den Brüssel-Pilgern stumpf hinterherzutrotten habe. Die Brüssel-Anhimmler bevorzugen als Bundesräte offenbar die Hinterher-Trampler. Keinen, der nachfragt. Keinen, der
kritisiert. Gefragt ist der «EU-harmonisierte Trampel», der Gehirn und eigenständiges Denken ein für allemal bei Frank August Meyers Ringier-Propagandazentrale deponiert hat. Oberflächliche Hochglanzpolierer bundesrätlicher Hingebung an Brüssel wollen den sie so faszinierenden vermeintlichen Glanz Brüssels von niemandem hinterfragen lassen.

Armes Land, dessen Brüssel-geblendete «Aussenpolitiker» um des blossen Dabei-Seins willen jeden Einsatz für vitale Eigeninteressen verachten. Reiches Land, das wenigstens einen Bundesrat besitzt, der solchen Ausverkäufern unbarmherzig den Spiegel vorhält und die Stirne bietet.


Ulrich Schlüer


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