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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 16. Mai 2003
In
heller Panik
Fürs
G8-«Abenteuer» völlig unvorbereitet
Zunächst schwärmten sie, die Berner Sicherheitsplaner, von Kampfflugzeug-Luftbetankung «im Ernstfall». Dank Evian, wo die «grossen Acht» demnächst ihre monarchischen Allüren ausleben. Mit luftbetankten Kampfflugzeugen sei es freilich nicht getan. Zusätzlich sei der privaten Schifffahrt der Genfersee zu verbieten. Und Autobahnen sollen, wenn «VIPs» standesgemäss zu verschieben seien, stundenlang gesperrt werden. Als müsste den Untertanen klargemacht werden, was sie den Grossen dieser Welt schuldig sind.
Dass der zu solchen Gipfeln inszenierte masslose Prunk seit Jahren Heerscharen von Demonstranten Frau Calmy-Rey befürchtet einen Aufmarsch von 300 000 allein in Genf und zerstörungswütige Chaoten so magisch anzieht wie Kuhmist die Schmeissfliegen diese Gesetzmässigkeit massloser Inszenierung haben die nach internationalem Ruhm dürstenden Sicherheitsplaner zu Bern offenbar sträflich unterschätzt. Dafür geraten sie jetzt, drei Wochen vor Evian, plötzlich in helle Panik. Sie, die Evian immer gewollt haben, rennen vor die Medien und fordern dort totales Demonstrationsverbot. Sie erreichen in ihrem sträflichen Dilettantismus nur eines: Sie liefern jenen Funken, der die Mammutkundgebung in unkontrollierbaren Massenkrawall ausarten lassen könnte. Weil Chaoten nichts sehnlicher wünschen als ein Verbot. Damit sie sich als heldenhafte «Widerstandskämpfer», als «Robin Hoods» gegen die Machtbesessenen aufspielen können. Wie will denn der die Panikverbreiter anführende Generalstabschef jene Hunderttausende, die einfach über die Grenze fluten werden, stoppen? Etwa mit den fünftausend ihm unterstellten Soldaten, denen fahrlässigerweise erneut mit Kopie an alle Medien bereits im Einsatzbefehl jeglicher Direktkontakt mit Manifestanten strikte verboten worden ist...?
Sie, der öffnungsversessene Bundesrat und seine Sicherheitsplaner, wollten dieses Evian um jeden Preis. Sie haben es jetzt sie tragen auch die volle Verantwortung dafür. Auch wenn sich heute mit geradezu brutaler Klarheit die Schwäche unserer Armeeführung offenbart. Seit Jahren stürzt sie sich mitFeuereifer auf Organigramme, auf Kooperations-Konzepte, auf Planungsmodelle, auf theoretische Aufwuchs-Projekte und produziert dazu Tausende vielfarbiger Folien. Aber sie hat vergessen, dass schwierige Armee-Einsätze vorheriges Üben voraussetzen. Nicht an Computern, nicht in Planspielen. In der Realität, in Städten, mit Truppen. Erst da zeigt sich, wer Soldaten in schwierigem Einsatz führen kann und wer vor dieser Aufgabe versagt.
Unsere Armee wird
weil die Verantwortlichen sich vor realistischen Übungen in Städten
gedrückt haben weitgehend unvorbereitet ins «Abenteuer Evian»
befohlen. Die Öffentlichkeit kann im Blick auf diese Prestige-Übung
nur noch auf Glück hoffen. Panikverbreiter sind schlechte Einsatzleiter.
Ulrich Schlüer