Nr. 12, 12. Mai 2000
Verdummung
Gegen Niveauverlust beim TV sind selbst Beschwerden wirkungslos
«Das Fernsehen wird immer dümmer», liess sich DRS-Moderator Bernard Thurnheer im «Blick» zitieren. Thurnheer bezog sich im wesentlichen auf «Big Brother» bei RTL2, aber es ärgerte ihn auch die fixe Nachahmung unter anderm beim eigenen Sender DRS.
Bei «Big Brother» geht es um die voyeuristische Beobachtung einer im Wohncontainer isolierten Gruppe, aus der die Entdeckung eines neuen Medienstars resultierte: der schwäbisch-mazedonische arbeitslose Industriemechaniker Zlatko Trpkovski, den ein breites Publikum ins Herz geschlossen hat, weil er charmant bekannte, nie etwas von Shakespeare gehört zu haben und von Romeo und Julia auch nicht. Zlatko hat den Container inzwischen verlassen und ist - obgleich laut «Spiegel» von etlichen als «Dummbatz», «Proli» oder «Depp» apostrophiert - im Medienjargon zur «Kultfigur» geworden.
Thurnheer hat schon recht. Das Niveau sinkt und sinkt. Das Fernsehen, das einst eineneue Dimension versprach, wird zweidimensional, nämlich flach und flacher. Schattierungen gehen damit auch in der Information verloren. In diesem Bereich arbeiten die DRS-Medien zunehmend mit Schwarz/Weiss: Böse Zürcher SVP, gute Berner SVP oder böse Arbeitgeber, gute Streikende. Differenzierungen glaubt man dem Publikum vorenthalten zu dürfen (das erleichtert die Beeinflussung) oder zu müssen (weil die Quote leiden könnte).
Die Qualität der Radio- und TV-Information ist heute von zwei Seiten bedroht: einerseits vom alten Übel der linken Dominanz in den Redaktionen (heute wie eh und je werden ganze Serien von notorisch einseitig engagierten Journalisten produziert) und zusätzlich nun vom Quotendenken, welches das Stochern in plattgewalzten Vorurteilen verbietet und uniformierte «political correctness» erfordert. «Wir haben ein Produkt herzustellen, das sich verkauft. Mehr nicht.» sagte ein junger Journalist der «Sonn- tags-Zeitung» am 27. September 1998 zum Medien-Experten Iwan Rickenbacher in einem Gespräch über modernen Journalismus.
Die frühere Annahme, private Konkurrenz im sprachregionalen TV-Bereich werde dem Einfluss tenden- ziös getönter Information entgegenwirken, verflüchtigt sich. Der Sender TV3 der TA-Media hat seinen Informationsteil aus wirtschaftlichen Gründen praktisch gekappt, und nun könnte - wie aus einem Techtelmechtel zwischen TV3-Chef Wildberger und Tele 24-Boss Schawinski bei Viktor Giacobbo in dessen «Spätprogramm» herauszuhören war - ein Zusammenschluss von Tele 24 und TV3 erwogen werden. Das würde dann einen zugespitzten Konkurrenzkampf zwischen Privat und DRS mit sich bringen. Da aber die Grundhaltung der Journalisten hüben und drüben die gleiche ist, könnte es dabei nicht um Qualität der Information gehen, sondern höchstens um die Attraktivität der Formen.
Die Frage stellt sich wieder dringender, wie aus der Öffentlichkeit heraus den Mängeln der Medieninfor- mation begegnet werden kann. Zwar gibt es das Instrument der Programmbeschwerde. Beschwerden gegen Verdummung sind aber nicht möglich, so sehr sie sich ein Bernard Thurnheer wünschen mag. Auch ist es schwierig, parteiischen Kampagnenjournalismus nachzuweisen, etwa wenn die Bericht- erstattung über streikähnliche Aktionen von Pflegepersonal oder über den Streik in einem aargauischen Wäschereibetrieb wiederholt und in verschiedenen Sendegefässen mit unkritischen Reportagen von den betreffenden Arbeitsstätten angereichert wird. Immerhin kann man, um bei diesen Beispielen zu bleiben, mittels einer Beschwerde geltend machen, dass die Standpunkte der beidseitigen Interessenvertre- tungen nicht gleichberechtigt zur Geltung gebracht wurden. Am meisten Aussicht auf Erfolg hat eine Programmbeschwerde, wenn eine nicht sachgerechte Darstellung der Tatsachen beanstandet wird. Dann kann sich der Hürdenlauf über Ombudsstelle und gegebenenfalls Unabhängige Beschwerde- instanz sehr wohl lohnen.
Mit dem Vorwurf, Beschwerdeführer gegen Radio- oder TV-Sendungen betätigten sich als Zensoren, sind die Programmverantwortlichen allerdings schnell zur Hand. Insbesondere, wenn Einsprachen von bürgerlicher Seite kommen. Als gerade jetzt die gewerkschaftlichen Vertreter der Crossair-Piloten forderten, von ihnen zuvor genehmigte Filmsequenzen über den hängigen Arbeitskonflikt müssten aus dem Programm des Fernsehens genommen werden, lehnten das die DRS-Leute zwar ab, doch das schlimme Wort «Zensur» kam ihnen hier nicht über die Lippen.
Patrouilleur suisse