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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 12. Mai 2000
Realitätsferne Armeeplaner
Vorne-Verteidigung
Es löst Beklemmung aus, wie rasch das Fundament unserer Armee zu bröckeln beginnt, wenn die Armee-Planer das für das ganze Land Notwendige - die Landesverteidigung - preiszuge- ben bereit scheinen für etwas, was einigen Wenigen attraktiv erscheint - die Auslandeinsätze.
Von seiten dieser Armee-Planer gehen Vorhaben aus, die immer unglaublicher anmuten. Neuerdings die Idee der «Vorne-Verteidigung»: Offensichtlich glaubt man zu Bern, dem eigenen Volk sei - im Falle eines gewalttätigen Angriffs auf unser Land - die Last bewaffneten Widerstands zur Rettung des Landes nicht mehr zuzumuten. Weil wir jetzt aber die Kooperation mit Armeen anderer Länder suchten, könnten wir einen uns durch einen Angreifer aufgezwungenen Krieg künftig kurzerhand ins Ausland verlegen, auf das Territorium eines «Kooperations-Partners». Damit wäre unser Volk, wenn Krieg drohe, fein raus...
Dass in Ländern, zu denen wir militärische Kooperation aufzubauen suchen, gleiche Schlaumeier am Werk sein könnten, die hinter wortreich beschworener Kooperation ebenfalls den Hintergedanken verbergen, gegebenenfalls einfach «ihren Krieg» auf unser Territorium zu verlegen - zu solch eigentlich lapidarer Schlussfolgerung sind die Planer zu Bern offenbar noch nicht durchgedrungen.
Und wenn der Gegner, falls je ein Konflikt in offenen Waffengang eskalieren sollte, im Ernstfall bereits in unserem Land drin wäre - in der Form einer wohlorganisierten, gewaltbereiten Zelle als Ableger einer feindlichen Macht? Hiesige Sorglosigkeit solchen Möglichkeiten gegenüber bescherte uns bereits mehrfach böse Überraschungen:
Zum Beispiel, als Ableger der kurdischen PKK mit einem generalstabsmässig geplanten Schlag gleich- zeitig mehrere Botschaften, Konsulate und Reisebüros in mehreren Schweizer (und weiteren europäi- schen) Städten besetzten. Oder als die kosovarische UCK aus der Schweiz heraus den Krieg gegen die Serben organisierte. Glaubt man, falls je ein Ernstfall eintreten sollte, solchen ausländischen, in unse- rem Land operierenden Zellen gegebenenfalls einfach eine Einladung übermitteln zu können, einen als unvermeidlich eingestuften Waffengang zwecks Schonung der eigenen Bevölkerung doch lieber irgendwo im Ausland abzuhalten?
Wann endlich findet Bern zurück zu vorbehaltloser Orientierung am klaren, gegebenen Auftrag, die Sicherheit für Land und Volk zu gewährleisten? Dies hiesse allerdings Abschied zu nehmen von Träu- mereien über scheinbar attraktive Kooperationsmodelle für scheinbar attraktive Auslandeinsätze, begleitet von vermeintlich glänzenden Auftritten auf grossen Konferenzen. Höchste Zeit, dass sich Bern auf seinen Auftrag besinnt. Die Armee nimmt bereits sichtbar Schaden.
Ulrich Schlüer