HIPPOKRATES
Erfüllungsgehilfen am Werk
Fakten zur Heroinabstimmung vom 13. Juni
Seit 1994 wird in unserem Land von Staates wegen Rauschgift an Süchtige
abgegeben. Am kommenden 13. Juni haben nun Volk und Stände darüber zu
entscheiden, ob die staatliche Heroinabgabe weitergeführt werden soll oder
nicht. Ein politisches Sachgeschäft wie jedes andere, eine Abstimmung unter
vielen könnte man meinen. Doch dem ist nicht so, denn bei drogenpolitischen
Fragen und Entscheiden scheinen andere Regeln zu gelten als bei allen übri-
gen politischen Geschäften.
Zwar ist sich der Stimmbürger - vor allem wenn es sich um politische Geschäfte aus
dem Hause Dreifuss handelt - gewohnt, dass Zusagen, Versprechen und erklärte
Ziele einer Verfallszeit unterliegen, die rascher abgelaufen ist, als unsere
Landesmut-
ter sprechen kann. Doch in der Drogenpolitik kommt hinzu, dass die sich sonst so
kritisch gebärdenden Medien zu willfährigen Erfüllungsjournalisten mutieren, die alles
unbesehen und kritiklos portieren, was ihnen Bundesrätin Dreifuss und ihr Adlat
Thomas Zeltner, Direktor des Bundesamtes für Gesundheit, in die Feder diktieren.
Überraschungen
So wurde dem Volk die staatliche Heroinabgabe seinerzeit als «wissenschaftlicher
Versuch» schmackhaft gemacht, dessen «oberstes Ziel» es sei, zu prüfen, inwieweit
eine Heroinabgabe zu einem drogenfreien Leben verhelfen könnte. Zudem wurde
betont, die Heroinabgabe bleibe strikt limitiert, und über ihre definitive Fortführung
werde erst entschieden, wenn der Auswertungsbericht der Weltgesundheitsbehörde
(WHO) vorliege. Von all diesen Versprechungen ist heute nicht mehr viel
übriggeblie-
ben: Der Bundesbeschluss über die ärztliche Verschreibung von Heroin enthält keine
Begrenzung der Teilnehmerzahl für die Heroinabgabe mehr und kommt einem
Blan-
kocheck für die Verteilung von Rauschgift gleich. Vom Ziel der Drogenfreiheit wird
ebenfalls nicht mehr gesprochen. Statt dessen wurde das ursprüngliche Ziel der
He-
roinprojekte nach Gutdünken der BAG-Verantwortlichen kurzerhand verändert, so
dass jetzt eine sogenannte «Haltequote» hochgejubelt werden kann. Die Aussage-
kraft dieser «Haltequote» besteht jedoch einzig und allein darin, dass Süchtige -
wel-
che Überraschung - nicht abgeneigt sind, sich ihr Gift vom Staat zu günstigen
Kondi-
tionen und unter «gepflegten» Bedingungen verabreichen zu lassen. In den Medien
ist von diesen Manipulationen jedoch nichts zu lesen, genausowenig wie über
die
Tatsache, dass der Bundesbeschluss, der die Heroinabgabe vom Versuchsstadium
zu einer definitiven Institution im Dreifussschen Sozialapparat machen möchte, noch
vor dem Auswertungsbericht der WHO lanciert wurde.
Übertroffen wird die journalistische Willfährigkeit in der eidgenössischen
Drogenpoli-
tik jedoch durch die Berichterstattung der hiesigen Medien über einen internationalen
Expertenbericht, der im Auftrag der Weltgesundheitsbehörde die Heroinprojekte unter
die Lupe genommen hat.
Dieser vor kurzem der Öffentlichkeit vorgestellte Bericht stellt eine vernichtende Kritik
für die Heroinabgabe dar und wurde von der internationalen Presse mit der
Schlag-
zeile «Heroinabgabe wissenschaftlich gescheitert» kommentiert. Ergänzt wurde der
Bericht durch ein Begleitschreiben der WHO, dessen Kernaussage darin besteht,
dass die Heroinabgabe nicht als alternative Therapie für Heroinabhängige geeignet
ist. Von der amtierenden Bundespräsidentin und Vorsteherin des Eidgenössischen
Departements des Innern und vom BAG-Direktor wurde dieser Bericht jedoch mit
den Worten kommentiert, die internationalen Experten kämen zu einer positiven
Be-
wertung der Heroinabgabe! Und von der Existenz eines Begleitschreibens der
Welt-
gesundheitsbehörde wollten die beiden Gesundheitspolitiker schon gar nichts wissen.
Was nicht sein darf...
Dreister geht es nicht mehr, ist man versucht zu sagen. Doch für viele Medien sind die
Verdrehungen und Dementis aus magistralem Mund unantastbar, und in nacheilen-
dem Gehorsam schrieben sie in ihren Redaktionsstübchen flugs, die Heroinabgabe
werde von internationalen Experten «positiv» bewertet. Auch die
WHO-Stellungnah-
me mit dem entscheidenden Satz, dass die Heroinabgabe nicht als alternative
Thera-
pie für Heroinabhängige geeignet ist, wird getreu der magistralen Vorgabe gar nicht
erwähnt, da sie - getreu dem Motto: Was nicht sein darf, kann nicht sein - nicht zu
existieren hat.
Und dies, obwohl an der Pressekonferenz, an der der WHO-Bericht vorgestellt wurde,
Kopien dieses Schreibens unter den Journalisten zirkulierten. Übertroffen wird diese
Willfährigkeit der Medien von der «Neuen Zürcher Zeitung», die - diesmal in
voraus-
eilendem Gehorsam - versucht, das Dokument in einem Artikel mit dem Titel
«Ver-
wirrspiel um die Heroinabgabe» in die Ecke einer Täuschung zu stellen. Dabei hätten
ein paar Nachforschungen ergeben, dass es sich bei dem Dokument mit dem ver-
nichtenden Urteil um ein offizielles WHO-Papier handelt, das mehrere Organisationen
der Uno sowie verschiedene Ländermissionen bei der Uno in Genf erhalten haben.
Solche Nachforschungen hätten jedoch zu der Frage geführt, wieso denn gerade
un-
sere Regierung als Hauptadressat des Expertenberichtes diesen Begleitbrief nicht
erhalten haben will? Und daran anschliessend hätte sich den Journalisten die Frage
stellen können, wieso denn unsere Landesregierung versucht, der Bevölkerung die
Kernaussage der Beurteilung einer internationalen und unabhängigen Kontrollinstanz
vorzuenthalten, an dessen Bewertung man die Fortführung der Heroinabgabe ur-
sprünglich gebunden hatte. Am Ende dieser Fragen wäre vielleicht sogar die NZZ
zur Erkenntnis gekommen, dass die Heroinabgabe eines dringenden Marschhaltes
bedarf, bis alle Fragen und Ungereimtheiten seriös geklärt sind, zumal es sich bei
der Heroinabgabe - und dies sollte nie vergessen werden - nicht um die Abgabe von
Traubenzucker handelt, sondern um die Institutionalisierung der Verschreibung einer
Substanz, die weltweit als Gift geächtet und verboten ist.
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Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr.11 vom 28. Mai 1999** |