Nr. 11, 20. April 2007
Anna
Politkovskajas Vermächtnis
Quo vadis, Russland?
Von
Friedrich-Wilhelm Schlomann, Königswinter/Deutschland
Ungeachtet aller Repressalien seitens der russischen
Behörden besuchte Anna Politkovskaja, die Sonderkorrespondentin der Moskauer
Zeitung "Nowaja Gaseta", immer wieder die vom Krieg verwüstete
Kaukasus-Republik. Ihr Buch "Tschetschenien, die Wahrheit über den
Krieg" erregte weltweit grosses Aufsehen. Am 7. Oktober 2006 indes wurde
die unerschrockene 48jährige im Eingang ihres Hauses in der Moskauer
Lesnaja-Strasse durch mehrere Schüsse ermordet.
Zweifellos war es die Tat eines Auftragskillers, der - erwartungsgemäss im heutigen Russland - niemals ermittelt wurde. Allgemein erachtet man Präsident Putin persönlich für den Auftraggeber... Zuvor konnte sie ihr jetzt erschienenes Tagebuch in der Zeitspanne von Ende 2003 bis Herbst 2005 verfassen. Sie erwähnt darin die ziemlich freien, zugleich aber ebenfalls chaotischen Jahre unter Präsident Jelzin. Es war dann Putin, der das Land aus der Lähmung führte. Doch hatte er vor seiner Wahl ein echtes Mehrparteiensystem für die Demokratie Russlands als unabdingbar beschworen, so existiert diese längst nicht mehr - höchstens auf dem Papier. Natürlich, schreibt die Autorin, werde niemand gezwungen, der Partei Putins "Einiges Russland" beizutreten. Aber wer Karriere machen möchte, sollte dort möglichst Mitglied werden. Der Parlamentarismus im Lande erlebte inzwischen sein Ende: Der Vorsitzende der Staatsduma wird nicht mehr gewählt, sondern vom Kreml ernannt. Die Gouverneurswahlen im Riesenland sind abgeschafft worden; die föderativen Regionen werden von Beamten verwaltet, die allein von der Moskauer Zentrale bestimmt werden. Recht plastisch erlebt der Leser, dass Wahlkommissionen sich skrupellos verschiedenster Machenschaften bedienen, um das gewünschte Wahlergebnis rechnerisch zu bekommen!
Keine Freiheit
Frau Politkovskaja schildert, wie sich russische Politiker, Wirtschaftsbosse und Journalisten in Anhänger Putins verwandeln: Haben sie noch bis gestern zum Freundeskreis von Andrej Sacharow und Jelena Bonner gehört und sich stolz gerühmt, Dissidenten zu sein - so kuschen sie heute vor dem Kreml-Herrscher. Die Macht hat sie umarmt: Manche herzt sie, Widerspenstigen wird bei der Umarmung so lange die Luft abgedrückt, bis der gewünschte Grad an Schweigsamkeit erreicht ist - etliche überleben sie gar nicht. Putin selber verspricht allen alles und wird dabei genau wissen, dass er seine Worte nie realisieren kann. Die Opposition verfügt über keinen Zugang mehr zu den Massenmedien, Sommer 2004 starb die letzte politische Talkshow im gesamten russischen Fernsehen. Die Presse ist als nahezu völlig gleichgeschaltet zu sehen. Die Redakteure üben Selbstzensur, um ihr hohes Gehalt nicht zu verlieren. Es ist eine bittere Feststellung der Autorin: Ihr Land ist absolut nicht auf dem versprochenen Wege zu Demokratie und Freiheit - im Gegenteil!
Erschütternd muss sie allerdings bei der russischen Bevölkerung registrieren, "niemand hat Widerstand geleistet, es gab keine Demonstrationen, keine Massenkundgebungen. Das Volk hat alles geschluckt." Apathie und Frustation griffen immer mehr um sich. Mit überaus vielen Details beschreibt die Journalistin, wie das alte Sowjetsystem zurückkehrt, wie Agenten der Nachfolge-Organisationen des berüchtigten KGB allmählich alle wichtigen Schlüsselpositionen in Staat und Wirtschaft besetzen und das öffentliche Leben gleichgeschaltet wird. Sie tut dies kenntnisreich und unerbittlich und doch distanziert von billiger Affekthascherei; immer wieder ist im Buch dabei ein deutlicher Unterton von Resignation zu spüren.
Innenpolitische Agonie
Die Autorin ist aber mehr
als eine fleissige Chronistin der innenpolitischen Agonie ihrer Heimat, sie
hat ebenso einen untrügerischen Blick für das Schicksal des Einzelnen.
Er gilt in erster Linie dem der Verschleppten und Ermordeten - all den vielen
Verschwundenen in ihrem Land während der letzten Jahre. Ausführlich
stellt sie das heutige Leben der russischen Veteranen des Tschetschenien-Krieges
vor: Lediglich zehn Prozent von ihnen konnten wieder Fuss fassen im Zivilleben,
die allermeisten sind verbraucht und völlig dem Alkohol verfallen. Ein
Schwerbeschädigter aus jenen Jahren erhält eine Monatsrente von
zweitausend Rubel (rund sechzig Euro), Hinterbliebene von Gefallenen circa
ein Drittel - für beide ist ein Zahnersatz unbezahlbar. Viele frühere
soziale Vergünstigungen für diese sind gestrichen worden... Das
heutige Russland, resümiert die Autorin, befindet sich in einem Klima
der Resignation, der Angst und der Rechtlosigkeit. Wohin läuft der Weg
der Zukunft? In "eine Sowjetunion nach neuer Fasson, ein bisschen angetüncht
und aufgehübscht, ein bisschen modernisiert, aber eben Sowjetunion. Mit
einem bürokratischen Kapitalismus, in dem die Diener der Staatsmacht
die obersten Oligarchen sind, unvergleichlich mächtiger und reicher als
Privateigentümer und Kapitalisten." Eine äusserst bedrückende
Lektüre.