Nr. 11, 20. April 2007

AKZENT
Keckeis-Kumpanei: Wie lange noch…?

Ulrich Schlüer

Der Flug, wiegelt Bern ab, sei im Rahmen "üblicher, alltäglicher Routine" erfolgt, nichts Besonderes. Bedauerlich natürlich, dass es zum Absturz gekommen sei - im Rahmen einer blossen Routine-Mission. Nur für Aussenstehende sei es allenfalls ungewöhnlich, dass der abgestürzte Tornado deutsche Hoheitszeichen trug. Doch Tiefflug-Trainingseinsätze von Nato-Kampfflugzeugen im Berner Oberland: Reine Routine für die Schweizer Armee-Spitze.

Bloss Routine?

Obwohl solch angebliche Routine nicht bloss der Öffentlichkeit, sondern auch dem Schweizer Parlament und dessen Sicherheitskommissionen bisher tunlichst verschwiegen worden ist. Für Flieger-General Christophe Keckeis ist Kumpanei mit Nato-Fliegerkommandos offenbar so umfassend Routine, dass er längst "vergessen" hat, auch der übrigen Schweiz irgend etwas von seinen eigenmächtigen Techtelmechteln zu verraten…

Doch selbstverständlich, wurde von Seiten Berns eifrig beteuert, würde deutschen Kampfpiloten, die in den Schweizer Alpen Gebirgsflug-Einsätze in Afghanistan trainieren, "in der Regel" Sicherheitsvorschriften auferlegt, die zwingend einzuhalten seien. Das sorgfältig betonte "In der Regel" verriet freilich: Dem deutschen Absturz-Piloten wurden keinerlei verbindliche Auflagen mitgegeben. Bloss "Ratschläge", wie unter Fliegerkameraden üblich. Ratschläge, die der waghalsige Kampfpilot allerdings in den Wind geschlagen zu haben scheint, als er das Lauterbrunnental dreihundert Meter über Boden bis zur Schmerzgrenze belärmte - bevor seine durch ihn offenbar nicht mehr beherrschbare Maschine an der Felswand zerschellte. Routine eben, verharmlost der verantwortliche Sprecher der Schweizer Armee - mögen noch so viele Lauterbrunnental-Bewohner durch das verantwortungslose Tiefflug-Training in Angst und Schrecken versetzt worden sein.

Untersuchung - im Ausland

Doch, beschwichtigte Bern unverzüglich weiter: Die Unfallursache werde selbstverständlich genauestens eruiert. Der Flugschreiber, der Aufschluss geben würde, wurde auch rasch gefunden. Und sofort nach Deutschland abgeliefert. Obwohl - nach international geltender Festlegung - Flugunfälle immer von jenem Staat untersucht und abgeklärt werden, wo der Unfall eingetreten ist. Für den Tornado-Absturz gilt das nicht. Die Schweiz, die Schweizer, das Schweizer Parlament und dessen Sicherheitskommissionen werden bloss erfahren, was Deutschland allenfalls als Untersuchungs-Ergebnis mitzuteilen geruht. Die Keckeis-Kumpanei mit Nato-Stellen geht geltenden Bestimmungen vor. Was wird da der Schweiz verborgen?

Und die Neutralität?

Dass Deutschland seine Tornados - mit für den Gebirgseinsatz offenbar ungenügend ausgebildeten Piloten - demnächst nach Afghanistan entsendet: Darüber fällt Berns Routine-Beschwörern auch nicht ein einziges Wort ein. Dass Kampfpiloten, vorgesehen für politisch hoch brisanten Einsatz in einem äusserst gefährlichen internationalen Konflikt, in der neutralen Schweiz trainieren - das ist für Herrn Keckeis offensichtlich quantité negligeable. Neutralität? Unwert, darüber von hoher Armee-Warte noch Worte zu verlieren. Man erinnert sich: Schon vor Jahren wurde von der Armee-Spitze die Ansicht verbreitet, Neutralität sei etwas, das man getrost stillem Absterben überlassen könne. Im Lauterbrunnental demonstrierte der Armee-Chef, wie solches Absterben-Lassen gefördert wird.

Auch um politische Zusammenhänge foutiert sich die Armee-Spitze zu Bern demonstrativ: Da schikaniert Deutschland mit dem Thema Fluglärm seit Jahren penetrant, kleinlich und rechtswidrig den Flughafen Zürich-Kloten. Und die Armee-Spitze gibt den Deutschen das Lauterbrunnental frei für Maximal-Lärmbelastung, wie sie aus Tiefflug-Einsätzen von Kampfflugzeugen nun mal resultiert. Das, was Hohentengen im Süd-Schwarzwald als angeblich unerträglichen Lärm lamentiert, ist sanftes Säuseln im Vergleich zu dem, wie deutsche Kampfflieger ein Bergtal belärmen. Ein politischer Zusammenhang, den zu übersehen nicht einmal mit notorischer Denkfaulheit hinreichend begründet werden kann.

Die Kernfrage

So drängt sich schliesslich die Frage auf: Wieviel arrogante Überheblichkeit, wieviel offensichtliche Nato-Kumpanei, wieviel politische Unfähigkeit will Bundesrat Samuel Schmid als VBS-Chef von Seiten des Armee-Chefs eigentlich noch hinnehmen, bis er endlich erkennt, was da an Glaubwürdigkeit für die Armee, für unsere Schweizer Armee, für unsere Neutralität verspielt wird. Lässt sich der VBS-Chef weiterhin mit Routine-Gefasel eines arrogant Unfähigen abspeisen, dann wird allmählich der Chef selbst in seinem Amt unhaltbar.