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Der
aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 5.
Mai 2006
Zum
Rücktritt von Bundesrat Joseph Deiss
Abserviert
Mag ja sein,
dass Joseph Deiss wenigstens noch den Tag seines Rücktritts selber wählen
durfte. Doch längst war klar: Wenn die CVP ernsthaft die Rückeroberung
des zweiten Sitzes im Bundesrat anstrebt, dann wird sie nicht mit Deiss in
den Wahlkampf ziehen. Die Aussicht, dass Strahle-Doris dann einfach auf Kosten
des Glanz- und Erfolglosen ins Amt gelangen würde, war allzu greifbar.
Deiss musste also gehen, weil ihn seine Partei, die CVP, abserviert haben
wollte - was immer an "Überraschung" zur Besänftigung
vermeintlich naiven Publikums auch kommuniziert wurde. Das Kalkül der
CVP ist: Das Parlament wird jenes Regierungsmitglied, das erst ein Jahr zuvor
ins Amt gehoben worden ist, nicht wenige Monate später anlässlich
der Gesamterneuerung bereits wieder in die Wüste schicken. Mit der Ersetzung
von Deiss konsolidiert die CVP ihre Ausgangslage für den Angriff auf
den zweiten Sitz.
Damit ist jetzt die FDP am Zug. Will sie ihre Chancen für den Hauptwahlkampf 2007 verbessern, dann dürfte nach der Bundesratswahl vom kommenden 14. Juni ein zweiter Rücktritt Tatsache werden. Wobei nur schon die Antwort auf die Frage, ob solche FDP-Parteistrategie gegen den anvisierten Couchepin durchgesetzt werden kann, ein interessanter Gradmesser zu Kampfkraft und Durchsetzungsvermögen dieser angeschlagenen Partei ist. - Zur SP stellt sich bloss die Frage, ob Leuenberger, der Partei-Order gemäss, tatsächlich noch bis Ende 2007 durchhält.
Somit steht die hochbejubelte Doris Leuthard heute tatsächlich vor einer für sie äusserst schwierigen Entscheidung. Die dämlichen Klagen über angeblich "schlechte Stimmung" im heutigen Bundesrat sind dabei bloss Nebelgranaten für Naive. Denn Leuthard will unbedingt Bundesrätin werden. So muss sie entscheiden: Will sie sich jetzt, im Sommer 2006, schlank und problemlos ins angestrebte Amt wählen lassen? Oder stellt sie sich als hochgejubelter Medienstar erst nächstes Jahr, wenn die CVP den zweiten Sitz erobern will, gleichsam als Schlachtross zur Verfügung? Dann könnte sie - falls Couchepin der FDP-Strategie folgt und vorzeitig zurücktritt - allerdings plötzlich einem andern, weit härteren direkten Gegner gegenüberstehen. Schliesslich begehren auch die Medien noch einer Hauptrolle - und sie wollen den Kampf Leuthard gegen Blocher, Strahle-Frau gegen den Meistgeschmähten. Attraktiveres als solchen Zweikampf kann sich der schlagzeilengeile "Blick" gar nicht wünschen.
Es stünde dann allerdings
auch die augenklimpernd Unverbindliche gegen den als Macher und Durchsetzer
selbst bei Gegnern Respektierten. Bloss mediengepäppelte Strahle-Frau
zu sein, könnte dannzumal vielleicht doch nicht genügen.
Ulrich Schlüer