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Nr. 11, 4. Mai 2001
Im Rückblick auf
die Holocaust-Krise mit den USA
Eine Frage von Ehre und Standhaftigkeit
Von alt Botschafter Carlo Jagmetti
Die zahlenmässig
überschaubare, aber einflussreichste Minderheit in den USA, der
Kongress und die Administration einschliesslich persönlicher Einflussnahme
des Prä-
sidenten und seiner Gattin betrieben und trugen die Aktion gegen die
Schweiz. Und
die Medien spielten eine ganz enorme Rolle mit einem gewaltigen Multiplikatoreffekt.
Sicher blieben viele
Amerikaner ihrer Wertschätzung für die Schweiz treu. Grosse Teile der
Be-
völkerung beschäftigten sich mit der ganzen Problematik überhaupt nie
oder blieben indifferent.
Die aktiven Kreise stellten die Schweiz indessen vor eine Herausforderung,
wie man dies seit
1946 nicht mehr erlebt hatte. Mehrere gut orientierte Gesprächspartner,
unter ihnen auch jüdi-
sche Freunde, ergingen sich in Warnungen. Und verschiedentlich musste
ich hören: «This is
war!»
Wo der Beginn der
Aktion gegen die Schweiz zeitlich genau zu situieren ist, bleibt zumindest
vorerst noch unbestimmt. Ein deutliches Anzeichen konnte man im Sommer
1995 wahrnehmen,
als im «Wall Street Journal» die erfolglosen Nachforschungen einer Holocaust-Überlebenden
nach Vermögenswerten in der Schweiz geschildert wurden. Im Herbst 1995
folgten weitere der-
artige Publikationen.
Der Beginn
Anfang 1996 trat die
Kampagne erstmals in ein akutes und heftiges Stadium, als sich der da-
malige Senator D¹Amato des Anliegens des World Jewish Congress annahm
und die Schweiz
angriff. Im Februar 1996 wurde der Senator derart aggressiv, dass ich
dies für nicht weiter tole-
rierbar hielt und den Kontakt mit ihm suchte. Am vereinbarten Datum liess
er sich allerdings
entschuldigen, und einige seiner Mitarbeiter empfingen mich mit meinen
Begleitern im Büro
des Senators. Die Konversation liess an Deutlichkeit nichts zu wünschen
übrig, und die Bot-
schaft berichtete darüber nach Bern mit dem insistenten Hinweis auf die
Explosivität der An-
gelegenheit und auf die lauernden Gefahren.
Bis zum Sommer 1996
gab es Verschärfungen und dann wieder für kurze Zeit Ruhepausen.
Die auf Kontakten mit jüdischen Kreisen, Behörden, Lobbyisten, Anwälten,
Medienvertretern
und andern relevanten Quellen basierende Berichterstattung der Botschaft
war regelmässig
und vollständig, und es wurde darin immer wieder unterstrichen, dass mit
einer gefährlichen
Eskalation zu rechnen sei und die Folgen unabsehbar seien. Immer wieder
wurde auf die Not-
wendigkeit einer Koordination der Lagebeurteilung mit allen interessierten
Kreisen in der
Schweiz hingewiesen und die Erarbeitung einer klaren Strategie zur Reaktion
auf die amerika-
nische Kampagne, die ja zeitweise von britischer Seite mit höchst unerfreulichen
Tönen unter-
malte Unterstützung erhielt, postuliert.
Die Banken
Nachdem die Banken
während langer Zeit die Behandlung der Angelegenheit der Bankierverei-
nigung überlassen hatten, ergriffen einige Bankiers endlich die Initiative:
Es kam zur Einset-
zung der sogenannten Volcker-Kommission, welche bei den schweizerischen
Banken Nach-
forschungen anstellen sollte. Die Vereinbarung erfolgte zwischen den Banken
und dem World
Jewish Congress, also in einem privaten Rahmen, und die schweizerischen
Behörden hielten
sich daraus heraus. Man wollte in der Schweiz von seiten der Behörden
nicht zugreifen, betrach-
tete die Kampagne als reine Banken-Angelegenheit, wollte die wahren Dimensionen
nicht wahr-
nehmen und keine Verantwortung übernehmen. Es gab keine Koordination,
und es war für die
Botschaft in Washington ausserordentlich schwierig und meist unmöglich,
in Bundesbern einen
Gesprächspartner zu finden, der zugepackt hätte. Auch der Aufenthalt des
Vorstehers des Fi-
nanzdepartements mit seiner Riesendelegation an der Frühlingstagung 1996
der Bretton Woods
Institutionen in Washington und andere Kontakte mit Bundesräten und hohen
Beamten änder-
ten nichts daran, dass die schweizerische Exekutive nach wie vor wenig
Interesse an einer ko-
ordinierten, entschiedenen und kraftvollen Reaktion gegenüber den Attacken
zeigte.
Das Fass läuft
über
Im Herbst 1996 wurde
die Situation in Washington unerträglich. Der World Jewish Congress,
Senator D¹Amato und seine missionarischen Gehilfen, die Presse und die
audiovisuellen Me-
dien polterten ungeschoren gegen die Schweiz. Das Fass überlief, und ich
veranstaltete eine
Medienkonferenz, um die Dinge ins richtige Licht zu rücken. Instruktionen
aus Bern gab es
keine, und auf die Frage, ob man mein Vorgehen in Bern für opportun halte,
kam die Standard-
Antwort: «Mached nume.»
An sich gelang das
Unternehmen gut und fand in den amerikanischen Medien Beachtung. Bei
der Beantwortung einer Journalistenfrage erwähnte ich einen konkreten
Fall von Nachforschun-
gen. An sich war das nicht gravierend, vor allem auch, weil die Tonlage
und die Wortwahl völlig
neutral waren. Doch die auf jede noch so unbedeutende Gelegenheit lauernden
Akkoliten des
streitbaren Senators aus New York der ja seine Wiederwahl vorzubereiten
versuchte, die ihm
aber dann bekanntlich misslang griffen diese Antwort auf und stilisierten
sie zu einem beleidi-
genden Angriff auf eine Holocaust-Überlebende.
Schweizer Medien:
Öl ins Feuer
Geflissentlich wurde
dies von den an solchen Übungen besonders interessierten Elementen der
schweizerischen Medienwelt aufgegriffen und breitgetreten. Die Zentrale
unterstützte mich nicht,
und es sollte nicht bei diesem einen Rückenschuss bleiben. Glücklicherweise
werden solche
schweizerische Medienerzeugnisse in den USA nicht wahrgenommen, doch darf
man davon
ausgehen, dass die amerikanische Botschaft in Bern ihre Arbeit macht und
entsprechend an
ihre Zentrale berichtet.
Was für ein Interesse
kann man in der Schweiz daran haben, den eigenen Botschafter in sei-
nem Residenzland anzuschwärzen? Wenn ein solches Bauernopfer etwas mithalf,
den Bun-
desrat zu sensibilisieren, so war diesem Manöver wenigstens ein kleiner
Nutzen nicht abzu-
sprechen. Langsam kam man in Bern endlich in Bewegung: Es wurde die gesetzliche
Grund-
lage für die Einsetzung einer Expertenkommission ausgearbeitet, und es
wurde eine «Task
Force» eingesetzt. Man merke: Dies geschah mehr als ein Jahr nach den
ersten ernsthaften
Anzeichen und acht Monate nach der Besprechung im Büro von Senator D¹Amato.
Erwacht Bern?
Dann berief der Chef
der Task Force eine Sitzung nach Bern ein, an der die Botschafter aus
allen irgendwie betroffenen Ländern berichten und bei der Formulierung
einer Strategie mithel-
fen sollten. Der Vorsteher des EDA (damals Bundesrat Flavio Cotti) wohnte
der Zusammenkunft
nur während ganz kurzer Zeit bei, obwohl es sich um eine erste und für
das weitere Vorgehen
bestimmende Sitzung handelte. Dass man die Leute mit einem Aufwand von
Zehntausenden
von Franken über Tausende von Kilometern anreisen lässt, ist ja schliesslich
noch kein Grund,
ihnen persönlich zuzuhören. Nach der Sitzung lud mich der Chef der Task
Force ein, meine
mündlichen Darlegungen schriftlich festzuhalten. Das tat ich nachher geflissentlich
und schick-
te den entsprechenden vertraulichen Bericht am 19. Dezember 1996 nach
Bern.
Interview Delamuraz
Dass es sich nicht
nur um ein Bankproblem handelte, sondern dass die Schweiz als Land und
als Staat herausgefordert war, dämmerte den meisten Leuten erst gegen
Ende 1996 auf. Mit
seinem Silvester-Interview, in dem Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz
von Erpressung
und Lösegeld sprach, redete er vielen Mitbürgern aus dem Herzen. Ob das
seiner Rolle ent-
sprach und angezeigt und angemessen war, steht hier nicht zur Diskussion.
Festzuhalten ist
hier aber die Tatsache, dass die Anschwärzungen im Inland mindestens so
heftig waren wie
diejenigen aus Amerika, dass der abgetretene Bundespräsident ein erniedrigendes
Entschuldi-
gungsschreiben nach New York schickte und dass eine der schweizerischen
Regierungspar-
teien seinen Rücktritt forderte. Einmal mehr: Rückenschüsse gegen die
exponierten Personen
und Ausnützung einer das ganze Land angehenden Begebenheit im Sinne von
Partikularinter-
essen. Dass der Bundesrat eines seiner Mitglieder gewissermassen zurückpfiff,
stärkte seine
Stellung selbstverständlich nicht. Diese Episode wurde in Amerika als
Zeichen der Desorientie-
rung, des Mangels an Koordination und grosser Schwäche der Schweiz wahrgenommen.
Als ob dies nicht
genügt hätte, musste es zum Zwischenfall mit dem Nachtwächter in einer
Zür-
cher Grossbank kommen. Die interessierten Kreise und die Medien spielten
auch diese Ange-
legenheit über alle Massen hoch. Aber offenbar galt auch hier: Nie zwei
ohne drei. In der Tat
kam es dann Ende Januar 1997 zur Publikation völlig aus dem Zusammenhang
gerissener Pas-
sagen meines vertraulichen Berichtes vom 19. Dezember 1996 an den Vorsteher
des EDA und
zu einer wüsten Polemik um meine Person.
Stiftungs-Idee
Ebenfalls im Januar
1997 sandte der Bundesrat ein wichtiges Signal aus: Nachdem er sich vor-
her entschieden gegen jedes Erbringen irgendwelcher materieller Leistungen
vor der Beendigung
der historischen Nachforschungen ausgesprochen hatte, machte er nach der
Lancierung der
Idee eines Fonds durch einen Bankier eine Wende von 180 Grad und unterstützte
die Aktion,
selbstverständlich nur mit Worten. Wenig später versuchte sich der Bundesrat
mit der improvi-
sierten und falsche Illusionen weckenden Idee einer Stiftung zu profilieren.
Sogleich forderten
die einschlägigen Kreise in Amerika ganz einfach die Überlassung der zur
Diskussion stehen-
den 7 Milliarden. Der von einigen Enthusiasten vielgepriesene «Befreiungsschlag»
war ein Ei-
gengoal, das der Glaubwürdigkeit unserer Regierung nicht eben förderlich
war.
Rücktritt
In eigener Sache habe
ich nur soviel zu sagen: Niemand zwang mich zum Rücktritt. Vom Bun-
desrat erhielt ich aber keine Unterstützung. Ein Sprecher des State Department
in Washing-
ton äusserte sich zum Vorfall ohne jede Sachkenntnis und lediglich auf
Grund der am gleichen
Sonntag eben zur Kenntnis genommenen schweizerischen Medienerzeugnisse
in einer für mich
negativen Weise. Die beiden Elemente, keine Stütze in Bern und nicht fundierte
Kritik in Wash-
ington, schufen für mich eine unhaltbare Situation. Die vom EDA verlangte
Korrektur durch eine
Entschuldigung meinerseits wofür denn eigentlich? kam für mich nicht
in Frage. So wurde
ich denn von den Umständen veranlasst wenn Sie so wollen, war dies in
der Tat ein Sach-
zwang , dem Bundesrat mein Gesuch um Pensionierung einzureichen. Ein
Verbleiben auf
meinem Posten wäre kaum sehr ehrenhaft gewesen, und dem Land war mit meinem
raschen
Abgang wohl am besten gedient.
Obwohl mir der Vorsteher
des EDA sogleich zu verstehen gab, dass man davon gewiss nichts
erwarten könne, beauftragte der Bundesrat die Bundesanwaltschaft mit einer
Untersuchung über
die sogenannte Indiskretion. Mich persönlich kontaktierte die Bundesanwaltschaft
in dieser Sa-
che zum erstenmal Anfang Juni 1997, also über fünf Monate nach der Publikation
in der «Sonn-
tagsZeitung», und ich fuhr dann zu einer Besprechung mit der Bundesanwältin
nach Bern. Die
Sache hatte damit ihr Bewenden, und die Untersuchung wurde später ergebnislos
eingestellt.
In dieser Angelegenheit
war also die Prognose des Departementsvorstehers richtig gewesen.
Man mag sich dazu so seine Gedanken machen. Ich habe natürlich Vermutungen,
die durch
Erfahrungen und Personenkenntnisse begründet sind, die ich aber nicht
beweisen kann. Auch
diese Bundesdarbietung kann man jedenfalls nur als schwach bezeichnen.
Gefahr vorüber?
Jedermann konnte in
den darauffolgenden Monaten und Jahren selber feststellen, wie virulent
und folgenschwer die Kampagne gegen die Schweiz weiterging. Ob sie beendet
ist, wage ich
nicht zu beantworten. Zwei Elemente sprechen dafür, nämlich die von den
Banken eingegan-
gene Verpflichtung zur Zahlung von 1,25 Milliarden Dollar und das Verschwinden
der Admini-
stration Clinton von der Bildfläche. Zwei Elemente sprechen dagegen, nämlich
dass bei der
Abwicklung der Vereinbarung Probleme entstehen und neue Begehrlichkeiten
geweckt werden
und dass eine schweizerische Selbstanschwärzung durch den Expertenbericht
Bergier und Re-
aktionslosigkeit des Bundesrates neue Forderungen zur Folge haben können.
Lassen Sie mich mit
einer optimistischen Note schliessen: Unsere internationale Zusammen-
arbeit muss an der Schweizergrenze beginnen, und das wichtigste für uns
ist unsere Stellung
in Europa. Unserem Verhältnis zur Supermacht kommt aber ebenfalls ganz
essentielle Bedeu-
tung zu, dies vor allem aus sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen
Gründen. Für die Repa-
raturarbeiten am gestörten Verhältnis ergibt sich jetzt die durch den
amerikanischen Wahlaus-
gang gebotene Chance eines Neubeginns.
Es gilt nun, diese
Chance in den kommenden vier Jahren so zu nutzen, dass bis 2005 das
schwesterliche Verhältnis derart wiederhergestellt wird, dass es sich
auch mit nachfolgenden
amerikanischen Administrationen aufrechterhalten lässt. Es bleibt zu hoffen,
dass in der
Schweiz das Volk der Souverän bleibt und dafür sorgen kann, dass unsere
Wertvorstellungen
den American Values gleichwertig sind, und uns über alle Grössenunterschiede
hinweg mit
den Vereinigten Staaten zumindest ideell auch in Zukunft verbinden.
Mit Realismus, aber
auch mit gesundem Selbstbewusstsein soll die Schweiz den Vereinigten
Staaten gegenübertreten. Amerika achtet Unterwürfigkeit und Schwächlinge
nicht. Eine kom-
petente und entschlossene Partnerin wird es aber achten, auch wenn es
sich um eine viel, viel
kleinere Schwester handelt.
Dr. Carlo Jagmetti,
alt Botschafter
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zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr. 11 vom 4. Mai 2001**
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