Weitgehend erfolglose Bombardierungen
Die USA brauchen
Hilfe
Von Richard Anderegg, Washington
Unterschwellige amerikanische Reaktionen auf wichtige Geschehnisse findet
man in den USA oft an einem für Europa ungewohnten Platz in der Presse: in
den «Comics». Zwei Gestalten der altbekannten Folge «Doonesbury» kom-
mentieren Kosovo: «Ein so seltsamer Krieg. Eine Partei so brutal, dass sie bis
zum Genozid geht. Die andere so besorgt um Menschenleben, dass sie jedes
unbeabsichtigte Opfer meldet. Als ob wir zwei einander völlig fremde Kriege
führten, einen in der Luft, einen am Boden, jede Partei ignoriert die andere.
Irgendwie ist das kein fairer Kampf.» Und die trockene Antwort: «Unser erster
funktionsgestörter Krieg» - «our first dysfunctional war.» «Dysfunction»,
Funktionsstörung, ist seit einigen Jahren in Amerika zum Modewort gewor-
den. Eine vor dem Bruch stehende Beziehung ist «dysfunctional». Oder
einer
gerät so in Wut, dass er «dysfunctional» wird.
Der Begriff steht für viele Amerikaner für die Art,
wie die Nato in Kosovo Krieg führt.
Dazu gehören die unvermeidlichen Fehltreffer auf zivile Ziele, zu denen seit der Nacht
auf Samstag, den 8. Mai, die chinesische Botschaft Belgrads gehört.
Der folgenschwere Fehltreffer auf das chinesische Botschaftsgebäude ist eine
unver-
meidliche Konsequenz des Wettrennens zwischen denen, die mit blossem Beschuss
aus der Luft das Problem Kosovo lösen wollen, und der erstarkenden internationalen
Ansicht, die auch in Washington um sich greift, dass nur eine viel weitergehende
politische Aktion Erfolg haben kann. Da die Regierung Clinton sich auf eine reine
Bombardierung fixiert hat, wird sie durch jede Diskreditierung der «chirurgischen»,
Pilotenleben sparenden und filmisch so schön festhaltbaren Kampfweise herausge-
fordert.
Schwerer Irrtum
Das ist in steigendem Masse der Fall: Fachexperten aller Richtungen haben sich
grässlich geirrt, Jugoslawien funktioniert trotz schwerer Schäden an Brücken,
Was-
ser- und Stromversorgung, Krankenpflege und Transporten weiterhin, der
Verteidi-
gungswille ist ungebrochen, ja Milosevic hat sogar an Popularität im eigenen Land
gewonnen. Die Zweifler unter Militärs und Politikern im Pentagon, die von Anfang an
warnten, aber überstimmt wurden, regen sich. Die Bombardierer geraten zunehmend
in Zeitnot. Das bemerkte man schon vor zwei Wochen, als sie begannen, dichtere
Beschusspläne aufzustellen. Auf das Dokument der acht Grossen Industrienationen
(G 8), das den Luftkriegsgegnern nochmals Antrieb gibt, reagierte das Kommando in
Brüssel mit einem weiteren Andrehen der (nicht wirklich greifenden) Schraube, dem
intensivsten Luftangriff bisher. Dabei wurde die technisch unvermeidbare Zunahme
von Fehltreffern in Kauf genommen. Und da musste ausgerechnet die chinesische
Botschaft Opfer dieser Politik werden.
«Funktionsgestört» hatte schon vorher das Abgeordnetenhaus reagiert. Es hat
sich
letzte Woche in mehreren Abstimmungen, durch alle möglichen innenpolitischen
Über-
legungen beeinflusst, dagegen ausgesprochen, dass der Präsident ohne vorherige
Konsultierung des Kongresses Bodentruppen in Kosovo einsetze, ja es verweigerte
sogar der Nato-Luftaktion, die schon über einen Monat lief, seine Zustimmung,
bewil-
ligte aber, völlig unlogisch, mehr Geld fürs Pentagon, als Präsident Clinton verlangt
hatte. Auch das Abgeordnetenhaus war «dysfunctional» geworden.
Im Senat forderte der Republikaner McCain, der fünf Jahre lang als Marineflieger in
Vietnam Kriegsgefangener war, das Gegenteil: Sein Antrag, alle Mittel, inklusive
Bodentruppen, zum Sieg einsetzen zu können, hatte keine Chance. Beide, Senat
und Repräsentantenhaus, wollen nicht den Preis für einen klaren Sieg bezahlen.
Besonders nicht für Leichensäcke.
Und was heisst Sieg? Gedankliches Durcheinander auch hier: Spricht man von «Sieg
über Milosevic», so widerspricht einem die Exekutive, man wolle nur den Frieden in
Kosovo sichern und nicht Serbien besiegen. Wie das jetzt noch realisiert werden soll,
kann niemand sagen. Vom Wiederaufbau gar nicht zu reden.
Kein Sieg in Sicht
Eines ist klar: Von einem bevorstehenden Sieg von USA und Nato kann nicht die
Rede sein. Zwar wird die halbe serbische Infrastruktur zusammengeschlagen, aber
die Serben geben nicht klein bei. Serbische Emissäre gehen bei Saddam Hussein
ein und aus. Das bedeutet: Luftangriffe, denen keine Bodentruppen folgen, sind
über-
lebbar. Amerikas fraglose Dominanz erleidet täglich Karosserieschäden.
Die Entscheidungsorgane der USA, die vor wenigen Wochen noch stolz fünfzig Jahre
Nato planten und das Geburtstagskind in eine von der Uno unabhängige Truppe von
Übersee-Landsknechten verwandeln wollten, sind heute erheblich «funktionsgestört».
Zwar hört man noch: «Wir werden gewinnen, nur aus der Luft, ohne Bodentruppen.»
Aber schon vor dem Fehlschlag gegen die chinesische Botschaft liefen Kontakte zu
den Russen, zu den Griechen, zum deutschen Kanzler Schröder, zur Uno, zu den
Weltwährungshütern IWF und Weltbank und zu den G 8. Man wollte mit Milosevic
ohne Gesichtsverlust reden.
Die Acht bieten den Vorteil, dass die Russen mit dabei sind, die seit Beginn der
Luftoperationen unmissverständlich ihre Bindungen zu den slavischen Serben betont
haben. So kam es, mit deutscher Hilfe, zu einem ersten Dokument der acht Aussen-
minister für eine diplomatische Lösung der Kosovo-Krise.
Aufschlussreich ist, wie das Dokument am Freitag, gerade vor dem Beschuss der
chinesischen Botschaft in Belgrad, auf beiden Seiten des Atlantiks gesehen wurde.
Vorsichtig, jede Präzision vermeidend, tönt es aus Europa. Für die Zeit nach dem
Rückzug der serbischen Kräfte werden «wirksame internationale zivile und
Sicher-
heitspräsenzen, die von der Uno gebilligt sind» gefordert. Nach europäischer Lesart
legt das Dokument bloss den Boden für weitere mühsame Verhandlungen, auch für
ein Weiterziehen vor den Sicherheitsrat.
Ganz anders tönt es am amerikanischen Ufer: «Durchbruch, wir haben es geschafft!»
Orientiert man sich allein an amerikanischen Berichten, so sind es nicht die G 8, die
mit allen Kräften das erste multilaterale Dokument hinlegten. Es sei vielmehr, liest
man, die Regierung Clinton, die es fertigbrachte, Russland auf ihre Seite zu ziehen.
Sie habe strittige Punkte bewusst ausgelassen, wie das Wort Nato, um dadurch den
Russen ein Mitmachen zu erleichtern. Die Uno sei eingebunden worden. Kurz, nach
Lesart der US-Sprecher bei ihren Briefings hat Washington einmal mehr die westliche
Allianz gestrafft.
Das Dokument der Acht, auf Amerikas Betreiben zustande gekommen, zeigt unter
Einbezug Russlands die Einheit des Westens Serbien gegenüber. Jetzt, so die New
York Times in einer Analyse, ist Milosevic isoliert, was Washingtons Ziel war. Der
«Funktionsstörung» geht es, wie man sieht, gut. Die Frage ist jetzt bloss, ob die
Tref-
fer an der chinesischen Botschaft genügen werden, diese «dysfunction» in
Washing-
ton zu beheben. Wohl kaum. Es muss erst noch mehr Geschirr zerschlagen werden.
Richard Anderegg
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vom 14. Mai 1999** |