14061999


Quote
Das Schweizer Fernsehen zwischen Bildungsanspruch und Quotenjagd

Nicht höherer Eingebung, sondern administrativer Weisung folgend, melden sich die 
Telefonistinnen der SRG-Generaldirektion jetzt mit «SRG-SSR-idée suisse». Es tönt 
fast wie bei einer Sekte. Doch die Berufung auf die ideellen Werte einer wie auch 
immer definierten Schweiz ist nur eine Seite der SRG-Wirklichkeit. Die andere ist die 
Unterwerfung unter die Forderungen nach Zuschauerquote. Peter Studer, im Novem-
ber abtretender Chefredaktor des Deutschschweizer Fernsehens, gewinnt daraus 
durchaus auch lustvolles Empfinden: «Das gerade», schliesst er ein Interview im 
Berner «Bund» zur Gestaltung eines SRG-Programms, «macht das Wesen eines
Service-Public-Senders aus: der manchmal beschwerliche, manchmal lustvolle Mix 
von Information, Kultur, Unterhaltung und Sport, unser Spagat zwischen Qualität und 
Quote.» Im Interview hatte er am Fallbeispiel eines SF-1-Abendprogramms den Spa-
gat skizziert. Tagesschau («Lagerfeuer der Familie»), Krimi, «Kassensturz» («die 
etwas hämische Stimme und die persönlichen Geschichten gehören zum Erfolgskon-
zept»), dann «Voilà» und «10 vor 10» (dito «Lagerfeuer der Familie»). «Voilà», ein 
Beitrag aus dem Leben in der Westschweiz, erläutert Studer, ist «eine idée-suisse-
Sendung im Loch zwischen Kassensturz und 10 vor 10 mit lebhafter Unterstützung 
des SRG-Generaldirektors».
Womit von massgeblicher Macherseite das Nötige gesagt wäre: «idée suisse», von 
den SRG-Telefonistinnen so werbewirksam ins Ohr der Anrufer gehaucht, ist nur Be-
standteil einer materialistisch bestimmten Spagatübung, dargeboten im «Loch» zwi-
schen einem hämischen «Kassensturz» und dem Infotainment-Lagerfeuer, und wer 
den Ausblick in eine andere Sprachregion schätzt, muss dem SRG-Generaldirektor 
für seine lebhafte - und nachdrückliche - Unterstützung speziell dankbar sein.
Dabei führt das Schielen auf Quote zu immer höheren Ausgaben für Lifestyle-Produk-
tionen wie etwa «Night Moor» und zu Preissteigerungen auf dem Markt für Modera-
toren und Ereignisangebote, zum Beispiel Sport. Die SRG hat nun, nachdem sie 
diese höhern Gestehungskosten geltend gemacht hatte, eine Erhöhung der Radio- 
und TV-Empfangsgebühren um 5,5 Prozent auf 432 Franken pro Jahr zugestanden 
erhalten (dies nach dem bei diesen Gebühren üblichen Bazarritual - sie hatte 9,8 
Prozent beantragt, und ihr Generaldirektor demonstrierte zum Schluss den auch vom 
Bazar her vertrauten Gefühlsmix aus Enttäuschung und wohliger Zufriedenheit). In 
dieser Zeit auf fast Null stehender Teuerung nicht selbstverständlich und eben nur mit 
dem zu erwartenden, durch die Konkurrenzlage bedingten höhern Kostendruck auf
bestimmten Sendungen zu rechtfertigen. Die SRG solle, schreibt der Bundesrat, in 
der Lage sein, «ihre bisherigen programmlichen Leistungen weiterhin vollumfänglich 
zu erbringen». Wobei er kaum an das finanziell abenteuerliche «Night Moor» gedacht 
haben kann, das nun ausläuft (den Namen hat man bereits auf «Moor» reduziert, die 
Kosten nicht).
Die SRG ist nun wenigstens für die neue Marktsituation gerüstet, die ihr neben Roger 
Schawinskis Tele 24 das private Vollprogramm TV 3 des «Tages-Anzeigers» und 
das Schweizer Programmfenster von RTL und Pro Sieben als zusätzliche Konkurrenz 
bringt. Gerüstet auf Kosten der Gebührenzahler. Es ist aber sehr die Frage, ob die 
Vermehrung der Schweizer TV-Angebote dem Gebührenzahler für sich schon einen 
adäquaten Nutzen in Form optimaler Auswahl an Information bringen wird. Die Situa-
tion stellt sich in der deutschen Schweiz heute so dar, dass die DRS-Programme 
hinsichtlich politischer Information merklich verbessert worden sind (bei einem fort-
bestehenden Hang zu Kampagnenjournalismus und zu tendenziösen Nadelstichen in 
bestimmte Richtungen), dass Schawinski neben manchen Glanzlichtern ein eher 
dürftiges Informationspaket bietet und dass vom TA-Fernsehen kaum eine valable 
Alternative zum vorhandenen zu erwarten ist, welche die Lücken des SF-1- und SF-2-
Angebots wirklich schliessen würde.
Weder die bekannte Informationspolitik des Hauses «Tages-Anzeiger» noch die real 
existierenden Personalressourcen erlauben überschäumenden Optimismus. Wenn 
sich nun die - allgemein als «Hofer-Club» bekannte - Schweizerische Fernseh- und 
Radio-Vereinigung (SFRV) anschickt, ihre darniederliegende Tätigkeit neu auszu-
richten und zu beleben, wird sie sich bewusst sein müssen, dass sie es neben dem 
neuen Problem der Kommerzialisierung immer noch mit dem alten Problem des poli-
tischen Missbrauchs zu tun hat. Die Gefahr der Telekratie ist alles andere als gebannt, 
elektronische Medien setzen Themen, kanalisieren Meinungsströme und klammern 
evidente Fragen aus dem öffentlichen Diskurs aus. Sie definieren Prioritäten und 
mischen die Agenden von Politikern auf. Sie machen beliebt oder auch unsympa-
thisch. Das geht heute mit subtileren Mitteln vor sich als in den ersten Jahren der
SFRV, als man es in Radio- und TV-Programmen mit plumper Propaganda für poli-
tische, gewerkschaftliche und gesellschaftliche Anliegen zu tun hatte (was auch heute 
noch vorkommt, aber bei weitem nicht mehr mit der einstigen Unverfrorenheit).
Die SFRV kann selbstbewusst darauf hinweisen, dass sie mit ihrer Programmbeob-
achtung und -kritik in den Studios vieles bewirkte. Etliche Ehemalige aus dem Kader 
haben es bezeugt. Sie lancierte schon 1977 die Idee, das über die Sender ausge-
strahlte Programmangebot von verschiedenen Veranstaltern produzieren zu lassen, 
was heute mit den privaten Produktionen auf SF 2 längst Tatsache ist. Damals kom-
mentierte es ein Exponent der «Wirtschaftsförderung» - vom linken Publizisten Jürg
Frischknecht genussvoll zitiert - als «völligen Blindgänger». Zeugnis für die mehr als 
nur latente Feindseligkeit, die der SFRV in «liberalen» Kreisen von allem Anfang an 
entgegenstand und die sich die SRG-Politik routiniert zunutze machte. Die SFRV 
könnte es, wenn sie den Anspruch auf redliche und hochstehende Information konse-
quent verficht, auch nach einer Reaktivierung wieder mit der Zerstrittenheit im bürger-
lichen Kräftefeld zu tun bekommen und hat somit nur die Wahl, eigene Kraft zu ent-
wickeln und sie sachkundig und klug einzusetzen.

Patrouilleur suisse

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