Quote
Das Schweizer Fernsehen
zwischen Bildungsanspruch und Quotenjagd
Nicht höherer Eingebung, sondern administrativer Weisung folgend, melden sich die
Telefonistinnen der SRG-Generaldirektion jetzt mit «SRG-SSR-idée suisse». Es tönt
fast wie bei einer Sekte. Doch die Berufung auf die ideellen Werte einer wie auch
immer definierten Schweiz ist nur eine Seite der SRG-Wirklichkeit. Die andere ist die
Unterwerfung unter die Forderungen nach Zuschauerquote. Peter Studer, im Novem-
ber abtretender Chefredaktor des Deutschschweizer Fernsehens, gewinnt daraus
durchaus auch lustvolles Empfinden: «Das gerade», schliesst er ein Interview im
Berner «Bund» zur Gestaltung eines SRG-Programms, «macht das Wesen eines
Service-Public-Senders aus: der manchmal beschwerliche, manchmal lustvolle Mix
von Information, Kultur, Unterhaltung und Sport, unser Spagat zwischen Qualität und
Quote.» Im Interview hatte er am Fallbeispiel eines SF-1-Abendprogramms den
Spa-
gat skizziert. Tagesschau («Lagerfeuer der Familie»), Krimi, «Kassensturz» («die
etwas hämische Stimme und die persönlichen Geschichten gehören zum Erfolgskon-
zept»), dann «Voilà» und «10 vor 10» (dito «Lagerfeuer der Familie»). «Voilà», ein
Beitrag aus dem Leben in der Westschweiz, erläutert Studer, ist «eine
idée-suisse-
Sendung im Loch zwischen Kassensturz und 10 vor 10 mit lebhafter Unterstützung
des SRG-Generaldirektors».
Womit von massgeblicher Macherseite das Nötige gesagt wäre: «idée suisse»,
von
den SRG-Telefonistinnen so werbewirksam ins Ohr der Anrufer gehaucht, ist nur
Be-
standteil einer materialistisch bestimmten Spagatübung, dargeboten im «Loch»
zwi-
schen einem hämischen «Kassensturz» und dem Infotainment-Lagerfeuer, und wer
den Ausblick in eine andere Sprachregion schätzt, muss dem SRG-Generaldirektor
für seine lebhafte - und nachdrückliche - Unterstützung speziell dankbar sein.
Dabei führt das Schielen auf Quote zu immer höheren Ausgaben für
Lifestyle-Produk-
tionen wie etwa «Night Moor» und zu Preissteigerungen auf dem Markt für
Modera-
toren und Ereignisangebote, zum Beispiel Sport. Die SRG hat nun, nachdem sie
diese höhern Gestehungskosten geltend gemacht hatte, eine Erhöhung der Radio-
und TV-Empfangsgebühren um 5,5 Prozent auf 432 Franken pro Jahr zugestanden
erhalten (dies nach dem bei diesen Gebühren üblichen Bazarritual - sie hatte 9,8
Prozent beantragt, und ihr Generaldirektor demonstrierte zum Schluss den auch vom
Bazar her vertrauten Gefühlsmix aus Enttäuschung und wohliger Zufriedenheit). In
dieser Zeit auf fast Null stehender Teuerung nicht selbstverständlich und eben nur mit
dem zu erwartenden, durch die Konkurrenzlage bedingten höhern Kostendruck auf
bestimmten Sendungen zu rechtfertigen. Die SRG solle, schreibt der Bundesrat, in
der Lage sein, «ihre bisherigen programmlichen Leistungen weiterhin vollumfänglich
zu erbringen». Wobei er kaum an das finanziell abenteuerliche «Night Moor» gedacht
haben kann, das nun ausläuft (den Namen hat man bereits auf «Moor» reduziert, die
Kosten nicht).
Die SRG ist nun wenigstens für die neue Marktsituation gerüstet, die ihr neben Roger
Schawinskis Tele 24 das private Vollprogramm TV 3 des «Tages-Anzeigers» und
das Schweizer Programmfenster von RTL und Pro Sieben als zusätzliche Konkurrenz
bringt. Gerüstet auf Kosten der Gebührenzahler. Es ist aber sehr die Frage, ob die
Vermehrung der Schweizer TV-Angebote dem Gebührenzahler für sich schon einen
adäquaten Nutzen in Form optimaler Auswahl an Information bringen wird. Die
Situa-
tion stellt sich in der deutschen Schweiz heute so dar, dass die DRS-Programme
hinsichtlich politischer Information merklich verbessert worden sind (bei einem
fort-
bestehenden Hang zu Kampagnenjournalismus und zu tendenziösen Nadelstichen in
bestimmte Richtungen), dass Schawinski neben manchen Glanzlichtern ein eher
dürftiges Informationspaket bietet und dass vom TA-Fernsehen kaum eine valable
Alternative zum vorhandenen zu erwarten ist, welche die Lücken des SF-1- und
SF-2-
Angebots wirklich schliessen würde.
Weder die bekannte Informationspolitik des Hauses «Tages-Anzeiger» noch die
real
existierenden Personalressourcen erlauben überschäumenden Optimismus. Wenn
sich nun die - allgemein als «Hofer-Club» bekannte - Schweizerische Fernseh- und
Radio-Vereinigung (SFRV) anschickt, ihre darniederliegende Tätigkeit neu auszu-
richten und zu beleben, wird sie sich bewusst sein müssen, dass sie es neben dem
neuen Problem der Kommerzialisierung immer noch mit dem alten Problem des poli-
tischen Missbrauchs zu tun hat. Die Gefahr der Telekratie ist alles andere als gebannt,
elektronische Medien setzen Themen, kanalisieren Meinungsströme und klammern
evidente Fragen aus dem öffentlichen Diskurs aus. Sie definieren Prioritäten und
mischen die Agenden von Politikern auf. Sie machen beliebt oder auch unsympa-
thisch. Das geht heute mit subtileren Mitteln vor sich als in den ersten Jahren der
SFRV, als man es in Radio- und TV-Programmen mit plumper Propaganda für
poli-
tische, gewerkschaftliche und gesellschaftliche Anliegen zu tun hatte (was auch heute
noch vorkommt, aber bei weitem nicht mehr mit der einstigen Unverfrorenheit).
Die SFRV kann selbstbewusst darauf hinweisen, dass sie mit ihrer Programmbeob-
achtung und -kritik in den Studios vieles bewirkte. Etliche Ehemalige aus dem Kader
haben es bezeugt. Sie lancierte schon 1977 die Idee, das über die Sender ausge-
strahlte Programmangebot von verschiedenen Veranstaltern produzieren zu lassen,
was heute mit den privaten Produktionen auf SF 2 längst Tatsache ist. Damals
kom-
mentierte es ein Exponent der «Wirtschaftsförderung» - vom linken Publizisten Jürg
Frischknecht genussvoll zitiert - als «völligen Blindgänger». Zeugnis für
die mehr als
nur latente Feindseligkeit, die der SFRV in «liberalen» Kreisen von allem Anfang an
entgegenstand und die sich die SRG-Politik routiniert zunutze machte. Die SFRV
könnte es, wenn sie den Anspruch auf redliche und hochstehende Information
konse-
quent verficht, auch nach einer Reaktivierung wieder mit der Zerstrittenheit im
bürger-
lichen Kräftefeld zu tun bekommen und hat somit nur die Wahl, eigene Kraft zu
ent-
wickeln und sie sachkundig und klug einzusetzen.
Patrouilleur suisse
**Zurück zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr. 10
vom 14. Mai 1999**
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