Der Balkan brennt
Von Prof. Dr. Albert A. Stahel, Wädenswil ZH
Nach dem Scheitern von Rambouillet hat die Nato ihre Drohung, Airpower
gegen Jugoslawien einzusetzen, wahr gemacht. Tag und Nacht sind feste
Ziele in Serbien und
Montenegro durch luft- und seegestützte Marschflug-
körper und durch GPS- und
lasergelenkte Bomben zerstört worden.
Entsprechend der Lehre des früheren US Air
Force-Colonel John A. Warden III (The
Air Campaign, Planning for Combat), werden die Fliegereinsatzführung, die
Kampf-
flugzeuge, Flugplätze, Boden-Luft-Raketenstellungen, Kommunikationsverbindungen
und die Logistik Jugoslawiens zerstört. Es ist dies die Umsetzung der strategischen
und operativen Phase des Luftkrieges. Das Ziel ist die Erlangung der totalen
Luft-
überlegenheit. Dabei müssen entgegen den ursprünglichen Aussagen der Nato nicht
nur rein militärische Ziele, sondern auch zivile Ziele, die die Grundlage der
Kriegfüh-
rung sind, angegriffen werden.
Der moderne Luftkrieg
Der nächste Schritt, der entsprechend dieser Konzeption auszuführen ist, ist die
Zer-
schlagung von Truppenkonzentrationen und Flab-Raketenstellungen im
Operations-
gebiet. Dieser Schwerpunkt des Luftkrieges dient als Vorbereitung des
Gefechtsfel-
des und des Einsatzes von Landstreitkräften. Die Umsetzung dieser Angriffe
ent-
spricht der ominösen Phase 2 der Nato. Die Konzeption von Warden wurde in Desert
Storm weitgehend durchgesetzt.
Aufgrund der Auswertung des Einsatzes der Airpower im Golfkrieg, so vor allem
ent-
sprechend dem Bericht von Thomas A.Keaney und Eliot A. Cohen (Revolution in
Warfare? Air Power in the Persian Gulf), ist festgestellt worden, dass die strategische
Phase mit den sogenannten chirurgischen Luftangriffen wenig erbracht hat. Der Krieg
ist
durch die Bombardierung der irakischen Divisionen im Kriegstheater Kuwait und
durch den
Angriff der Bodenstreitkräfte entschieden worden. Wie Desert Storm und
die Geschichte des
Luftkrieges aufzeigen, kann durch Luftangriffe das Militärpotential
des Gegners
zerstört, nicht aber sein Wille zur Fortsetzung des Krieges gebrochen
werden.
Trotz dieser Erkenntnisse beschränkte sich der Luftschlag Desert Fox vom Dezember
1998 wiederum auf diese chirurgischen Angriffe. Das Ergebnis war vorauszusehen:
Saddam Hussein ist immer noch eine militärische Bedrohung für seine
Nachbarstaa-
ten. Warum beschränken sich die USA seit dem Ende des Golfkriegs zunehmend auf
diese sogenannt strategische Phase des Luftkriegs?
Eine Erklärung hierfür ist sicher die gescheiterte Operation in Somalia und die Angst
vor toten US-Soldaten. Die amerikanische Öffentlichkeit reagiert auf unnötige
Verlu-
ste sehr empfindlich, und zwar vor allem dann, wenn ihre politische Führung die
Inter-
essen der USA nicht plausibel darlegen kann.
Eine zweite Erklärung für diese falsche Umsetzung von Airpower ist sicher in der
Per-
sönlichkeit von Clinton begründet. Er verfügt über keine eigenen Erfahrungen in der
Kriegführung und im Einsatz von Streitkräften, da er sich seiner militärischen
Dienst-
pflicht während des Vietnamkriegs entzogen hat.
Der dritte Grund dürfte darin zu suchen sein, dass die Aussenpolitik der westlichen
Staaten zunehmend den Einsatz von Streitkräften für ihre Zwecke missbraucht. Mrs.
Albright ist hierfür ein Beispiel. Ohne klare Zielsetzungen wird der Einsatz von
Air-
power pervertiert. Auch hier ist fehlende Erfahrung in der Kriegführung
mitverantwort-
lich. Die Amerikaner und die Europäer werden zunehmend durch Politiker geführt,
die keine Erfahrung und kein Wissen über Streitkräfte und ihren Einsatz aufweisen.
Ergebnisse
Bisher sind verschiedene Ergebnisse erkennbar. Zunächst einmal dürfte Serbien als
Machtfaktor auf dem Balkan für die Zukunft ausgeschaltet sein. Dies mag aus der
Sicht von Washington und gewisser Nato-Generäle zu begrüssen sein. Langfristig
wird dies aber zu einem Machtvakuum auf dem Balkan führen und zur weiteren De-
stabilisierung der Region beitragen. Die Auswirkungen auf Mazedonien werden
frü-
her oder später verheerend sein. Irgendwann einmal wird die Nato die Stationierung
weiterer Bodentruppen in Erwägung ziehen müssen.
Die Zerstörung der Infrastruktur Serbiens wird dieses Land auf Jahre hinaus
wirt-
schaftlich zurückwerfen. In diesem Bereich wird sich die EU eine Strategie
ausden-
ken müssen. Politisch wird Serbien durch einen aggressiven Nationalismus bestimmt
sein. Dieser wird auch nach einem allfälligen politischen Ableben von Milosevic das
Land beherrschen.
Kosovo und Albanien werden in der Zukunft nicht nur Armenhäuser, sondern auch
Sorgenkinder bleiben. Die albanische Bevölkerung des Kosovo wird nur teilweise
zurückkehren. Ihre Vertreibung durch die Serben ist in der Tradition der Kriegführung
auf dem Balkan begründet. Die SS und die Wehrmacht sowie ihre kroatischen
Alliier-
ten haben im Zweiten Weltkrieg mit den gleichen Methoden gewütet. Dies trifft
übri-
gens auch für die Herrschaft der Osmanen zu.
Einige Kosovo-Albaner werden früher oder später ihre Lager - Afghanistan ist ein
Beispiel hiefür - verlassen und sich nach Mitteleuropa und nach Übersee begeben.
Es müsste übrigens auch langsam die Erkenntnis reifen, dass die UCK keine
Orga-
nisation von Waisenknaben darstellt. Ein Teil ihrer Waffen ist vermutlich mit Hilfe
ob-
skurer Quellen finanziert worden.
Die Leidtragenden einer verbrecherischen Herrschaft in Belgrad und einer verfehlten
Strategie der USA und der Nato sind die Menschen im Kosovo.
Die Folgen für Europa
Mittelfristig hat die Nato ihre Glaubwürdigkeit als stabilisierende Organisation im
Nahbereich Europas verloren. Sie hat zu einer kriegführenden Organisation mutiert,
die nicht einmal sehr erfolgreich operiert hat. Durch diffuse politische Ziele bestimmt,
hat sie sich zu einem Einsatz verleiten lassen, der eher dem unglücklichen
Vietnam-
Abenteuer entspricht als einem klug geplanten Feldzug. Sämtliche Lehren, die
auf-
grund der Kriege seit 1945 abgeleitet worden sind, sind verletzt worden. Der
politi-
sche Schaden für Europa wird enorm sein. Die Europäer waren bisher im Glauben,
dass sie unter dem Schutz der Nato ihre politische und wirtschaftliche Union und
Entwicklung vorantreiben könnten. Vermutlich bleibt nur eine Hoffnung übrig.
Des weiteren werden die europäischen Staaten auf lange Zeit mit dem Problem
der
albanischen Flüchtlinge aus dem Kosovo konfrontiert sein. Weder Deutschland noch
Italien werden den USA hiefür dankbar sein. Die Deutschen werden auch erkennen,
dass sie durch ihren grossen Alliierten im Rahmen einer falsch geplanten
Militärak-
tion eingesetzt worden sind.
Die Schweiz und ihre Sicherheit
Unser Land ist unmittelbar durch die Auswirkungen auf dem Balkan betroffen. Auf
Jahrzehnte hinaus wird die Schweiz mit der Integration der Kosovo-Albaner
konfron-
tiert sein. Die Lösung dieses Problems dürfte ausserordentlich schwierig sein. Dazu
kommen noch Probleme der inneren Sicherheit, die die Folge der Konfrontation
zwischen den Serben und den Kosovo-Albanern in unserem Lande sein werden.
Dies ist der Preis einer falsch verstandenen Wirtschafts- und Einwanderungspolitik,
die auf den Zuzug von billigen Arbeitskräften aus dem Balkan gerichtet war. Die
Ero-
sion der inneren Sicherheit der Schweiz wird weiter zunehmen. Vielleicht wird
die
Erkenntnis wachsen, dass die innere nicht von der äusseren Sicherheit zu trennen ist
und dass Polizei und Armee die Aufgaben der inneren Sicherheit gemeinsam zu
lösen haben.
Es bleibt die Hoffnung übrig, dass die Nato-Euphorie, die in den letzten Jahren die
si-
cherheitspolitische Diskussion in unserem Lande beherrschte, vorbei ist. Wir
müssen
uns wieder auf unsere ursprünglichen Werte und Fähigkeiten und damit auf uns selbst
besinnen. Unsere Stärke liegt in der humanitären Hilfe - das Beispiel des Internatio-
nalen Komitees vom Roten Kreuz sollte wegweisend sein - und nicht in militärischen
Einsätzen in Kriegsgebieten. Die Schweiz von 1999 ist nicht mehr die alte
Eidgenos-
senschaft von 1515.
Was unsere Armee betrifft, so müssen wir die schwerwiegenden Fehler des
Reform-
projekts Armee 95 beseitigen und die Armee zu einem glaubwürdigen Instrument für
die Aufrechterhaltung unserer Sicherheit zurückführen. Die Nato ist kein Garant für
die Sicherheit der Schweiz. Seit dem Wiener Kongress sind wir der Garant unserer
Sicherheit und nicht Drittstaaten.
Prof. Dr. Albert A. Stahel
(Erstabdruck in ASMZ, Nr. 5/1999)
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vom 14. Mai 1999**
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