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Wenn der heutige Bundesrat damals hätte entscheiden müssen ... 

 

Cotti oder Minger

 

Eine Fiktion – ausgedacht von Richard Anderegg, Washington

 

In langen Stunden des Wartens auf Einzelheiten zu einem erneuten, unmittelbar bevorstehenden Treffen der Schweizer Grossbanken mit US-Unterstaatssekretär Stuart Eizenstat und dem Jüdischen Weltkongress zwecks Präzisierung der erzwungenen «Globallösung» sind die Gedanken unseres Washingtoner Korrespondenten etwas abgeschweift – bis eine Fiktion die Blätter von Richard Andereggs Journalistenblock füllte. Eine fiktive Geschichte, die Tatsächliches mit bloss Möglichem derart vermischt, dass des Lesers Beklemmung von Zeile zu Zeile zunimmt.

Wie ich in die Bar geraten war, weiss ich nicht mehr. Am Fernsehschirm war ein Riesenstau in New York, Verkehrsampeln versagten, Zusammenbruch der Computer im Jahr 2000. Mein bärtiger Nachbar funkelte mich durch dicke Brillengläser an und brummte, seine Zeitverstellmaschine sei eben die Lösung. Nach dem dritten Whisky waren wir tief im Gespräch. Seine Visitenkarte lag vor mir: Zbigoslav Djrbucuc, Ph. D., President & CEO, TIME WARP SCENARIOS. Er habe soeben seine neueste Realitätsverwandlungs-Elektronik im Weissen Haus den Rekonstrukteuren der Monica-Lewinsky-Szenarien vorgeführt. Monica wird in die Vergangenheit zurückprojiziert, und Bill kann alles neu gestalten.

Könnten wir in der Schweiz brauchen – und ich erzählte von dem Bundesrat, den wir nicht loswerden können, weil wir im Parlament keine Vertrauensfrage kennen.

«Wie lange habt Ihr diese Verfassung?» fragte er. «150 Jahre.»

«Und es kam nie zu einer Gesamtablösung?»

«Nein, aber ich glaube nicht, dass wir je einen solchen Höselerverein beisammen hatten. Ich kann mir nicht vorstellen, was passiert wäre, hätten wir diese Regierung in vergangenen Krisen gehabt.»

«Interessant», sagte er. «Ich bin sicher, ich kann auf meiner Maschine sehen, wie sich Ihre heutige Exekutive in der Vergangenheit bewährt hätte. Vielleicht ist sie nicht so schlimm, wie Sie meinen.» «So 1935–1945?»

«Ohne weiteres. Ich bin im Hotel, hab’ heute nichts vor, wir werden das in meinem Zimmer aufladen und durchspielen, how’s that?»

*

So sassen wir vor dem Koffer, der wie ein Computer surrte, zwischen drei grünlichen Bildschirmen. Er hatte die Jahre 1933–45 auf einem Dutzend Kassetten als Info-Basis gespeichert. Wo er die hervorgezaubert hatte, weiss ich um so weniger, als eine neue Whiskyflasche schon auf dem Sofatisch stand. Er klavierte auf und ab und erklärte: «Auf dem linken Schirm erscheint der reelle Geschichtsablauf, rechts sehen Sie die Aktionen des heutigen Bundesrates, falls er damals im Amt gewesen wäre, und in der Mitte läuft das, was sich nach seinen Aktionen abgespielt hätte.

«1936, da fehlt was», sagte er. Links standen alte Presseausschnitte: Eine Wehranleihe von 235 Mio. Fr. ist geplant, erste Tranche 100 Mio. Fr., wurde vor Ende Frist mit Fr. 335 Millionen überzeichnet; es folgten Titel in- und ausländischer Zeitungen, die den Wehrwillen der Schweiz hervorhoben. So ist’s gewesen, ich weiss es noch. Aber die beiden andern Bildschirme flimmerten grau und leer. Dann erschien ein Kommentar, in Fraktur, die alte NZZ: «In seiner gestrigen Sitzung hat der Bundesrat den Vorschlag einer Wehranleihe abgelehnt. Die Beziehungen mit dem Deutschen Reich seien herzlich und Rüstungsvorschläge würden in erster Linie provokativ wirken.» Bundesrat Delamuraz, stand weiter im Text, habe vor waadtländischen Parteifreunden seine Enttäuschung ausgedrückt.

*

Es kamen links Wochenschaubilder von Kriegsbeginn, Mobilmachung und Rationierung, die «drôle de guerre» und die Niederlage der Alliierten in Frankreich, ungefähr wie gehabt. Bis so Mitte Juni 1940. Rechts kam die fiktive Schweizer Filmwochenschau. Da stand einer, verängstigt und beschwörend: «Frankreich und England haben für unsere Generation, und vielleicht darüber hinaus, ihren Platz als europäische Grossmächte verloren. Es ist in Europa eine neue Lage entstanden. Der Bundesrat, eingedenk seiner Mission, die Eidgenossenschaft heil durch die Umwälzung der Geschichte zu bringen, hat, mit Einwilligung des Parlaments, beschlossen, dem deutschen Führer und Reichskanzler Adolf Hitler zu beantragen, die Schweiz als autonomes und seine eigene innere Sicherheit gewährleistendes, nichtkriegführendes Land für die restliche Kriegszeit unter den Schutz des Deutschen Reichs zu nehmen.» Auf dem mittleren Bildschirm waren Schlagzeilen der deutschen Presse: SCHWEIZ WIRD PROTEKTORAT.

Es folgten Streifen der Filmwochenschauen: Erntedankfest mit hohem Besuch aus dem Reich. Schweizer Freiwillige an der Ostfront, mit Waffenbrüdern der spanischen Legion Condor. Heimatfront 1943: Bombardierte Schweizer Industrien und Transportunternehmen. Schweizer Bergkurorte voll deutscher Verwundeter und Rekonvaleszenter. Interview einer Hausfrau: «Ja wüssed Si, die erschte zwöi Jahr, das waren die friedlichsten Jahre meines Lebens. Dann sind natürlich die Bombardierungen gekommen ...» Genau dasselbe las ich kürzlich von einem Slowaken, der sich an die Jahre des Protektorats nach März 1939 erinnerte ...

*

Aber mein bärtiger Gastherr hatte eine neue Kassette eingesetzt. «Passen Sie auf, das ist die andere Seite.» Auf dem mittleren Bildschirm erschien ein Farbrahmen mit dem Text «Wochenschau, Archiv», fiktive Filmstreifen aus London: Leute in britischer Uniform, einer hält ein Alphorn und ein Plakat: «First Swiss Volunteer Battalion». Dann Reportage aus New York, lächelnde Girls hinter paketbeladenen Tischen. «Swiss girls collect Christmas packages for Swiss volunteers in Pacific.» Dann wieder Schweizer Militärgerichte, durchsetzt mit Wehrmachtsuniformen juristischer «Berater», die in absentia Todes- und Zuchthausstrafen für Dienst in fremden Heeren gegen unseren Schirmherrn, das Deutsche Reich, aussprechen. Eine Studienkommission, die im «Palace» in St. Moritz Erfahrungsaustausch mit einer Delegation aus dem Protektorat Böhmen und Mähren pflegt.

«Hier wird’s hochinteressant», sagte Djrbucuc, und seine Gläser funkelten. «1944, Filmwochenschau, von der Zensur verboten, schwarz überall gezeigt. Erstes Schweizerbataillon in britischem Verband wird an der Spitze der Alliierten bei Pruntrut in die Schweiz einmarschieren.» Am Tag danach, diesmal Wochenschau unzensiert, weil die Zensoren nicht mehr zur Arbeit erschienen: Deutsche Verbände in Eisenbahnwagen fahren nach Norden durch verwüstete Grenzbahnhöfe. Dann ein kurzer Streifen. Bern-Bundeshaus, eine Menge von Beamten, Polizei, wenige alte Schweizer Uniformen, alle ohne das Hakenkreuz-Armband des Protektorats, und im Gedränge der Bundesrat, Hüte im Gesicht, mit der Hand die Kameras abwehrend, in Autos verschwindend.

Und plötzlich stand mein Gastherr vor mir und brüllte: «Komm, gib mir ne ‹high five›. Hier ist die Situation rekonstruiert: Ganzer Bundesrat ersetzt!»

Alle sieben. Auf einen Chlapf! Zu einem Preis allerdings, der eine Wiederholung des Experiments in der Realität kaum empfiehlt ...

Bart-und-Brille streckte mir eine behaarte Pfote entgegen. «What’s your name – Richard? I’m Zbigoslav. Aber warte, das ist nicht alles.» Er sass wieder an seiner Tastatur. «Guck Dir das an», und es erschien ein Festakt vor einem Tunneleingang. Einweihung des Gotthard-Basistunnels. «Sind wir jetzt in die Zukunft gerast?» fragte ich. «Nein, das ist 1955. Gotthard und Lötschberg waren an beiden Enden zerbombt, da hat der Marshallplan gleich das Flicken gestoppt und 1949 mit den Basistunnels begonnen. Auch die Alpen-Autobahnen sind sechsspurig, für 50-Tönner. Und die ganze Hotellerie, die war nach Einquartierungen der Deutschen ausgelaugt. Anfang fünfziger Jahre wurde das alles neu gebaut. Alles Marshallplan.»

«Aber Moment mal, wir waren doch wohl feindhöriges Protektorat?» «I wo, schau Dir das an. Er fand die Kassette, Bilder zuckten im Schnellgang, dann kam es: April 1945. Der Schweizer Bundesrat, alles frische Gesichter, flankiert von Leuten in amerikanischen und britischem Feldtenue mit einem Schweizer Kreuz am Arm, tauscht Handshakes mit anderen Herren. Die Schweiz hat noch für einen Monat dem Dritten Reich den Krieg erklärt.

*

«Nur jetzt habt Ihr Krach mit Washington. Komisch», meinte mein neuer Freund Zbigoslav, «Frau Albright will Euren Botschafter heimschicken, aber Euer Präsident, ein Rudolf Minger, hat ihr ...» Ich unterbrach. «Das kann nicht sein, Minger war vor 1940 Bundesrat.» «Oh doch. Was wir hier haben, ist ein Nullsummenspiel. Ich nehme hier Leute raus und setze sie in andere Zeiten ein, dann muss ich dort Leute herausnehmen und in die Löcher einsetzen, die ich hier gemacht habe. Im Spiel ist Euer jetziger Bundesrat Mitte dreissiger Jahre bis Kriegsende. Dafür sind die Leute von damals heute drinnen.»

«Und was hat unser Ruedi Minger getan?» – «Er hat ihr die Kappe gewaschen. Passiert ist folgendes. Ein gewisser Stucki, Euer Botschafter hier, hat Frau Albrights Liebling, ihren Hans-Dampf-in-allen Gassen, einen dünnen Wurf namens Stu Eizenstat, ausser Gefecht gesetzt. Er liegt mit einem kompletten Zusammenbruch in einer Nervenheilanstalt.» «Was ist passiert?»

«Das weiss ich nicht genau. Hier sehe ich, dass er von Botschafter Stucki etwas wollte und unangenehm wurde. Darauf hat ihn der Stucki, ein baumlanger Kerl, mit einem Schweizer Militärmesser bedroht, und Eizenstat wurde schreiend in eine Ambulanz verpackt. Man hat ihn seither nicht mehr gesehen.»

*

Er schaute auf die Uhr. «Es ist soweit. Ich muss in meine Zeit zurück.» Komische Art, Gutnacht zu sagen, dachte ich, als ich in ein Taxi stieg, der mir sagte, ich hätte Glück, ihn in diesem gottverlassenen Quartier zu finden. Es war tatsächlich ein Bauplatz. Da stand kein Hotel. Zbigoslavs Karte habe ich nie wiedergefunden. Und anstelle der Bar, wo wir uns trafen, ist ein Abbruchhaus hinter Bretterverschlag. Eine unheimliche Geschichte. Aber die Erinnerung an den ganzen Bundesrat, der bei der Befreiung der Schweiz in den Amtsautos verschwindet, will nicht verblassen.

   

Richard Anderegg, Washington


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