Nr. 10, 24. April 2009

Glossen von Arthur Häny
Die Wiederherstellung

So ein Laptop hat seine Tücken! Es ist mir schon passiert, dass er einfach ausstieg, schlagartig, ohne jeden ersichtlichen Grund. Schwarz starrte mich dann der Bildschirm an; nur ein schmächtiges Lichtlein blinkte noch schwach in einer Ecke, das war alles. Der Computer schien im Sterben begriffen. Sein Blinken erinnerte mich an Gottfried Kellers «Abendlied», wo die Seele eines Sterbenden nichts mehr wahrnimmt als zwei glimmende «Fünklein»:

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn,

Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn,

Bis sie schwanken und dann auch vergehn,

Wie von eines Falters Flügelwehn.

Auch wenn das eine, schmächtige Lichtlein am Bildschirm immerfort weiterblinkt – man sitzt wie erschlagen da vor dem erstarrten Instrument. Und dann versucht man es lange mit allerlei Kniffen ins Leben zurückzulocken. Oft ist das vergebliche Liebesmüh’. Wenn es aber wider Erwarten doch noch gelingt, dann ist die Erleichterung riesig: all die vertrauten Ordner mit ihren Texten, Bildern und Spielen sind wieder da, unversehrt aus der Versenkung heraufgetaucht…

Letzthin aber ist der Computer meiner Frau ausgestiegen. Wir riefen den zuständigen Server um Hilfe an, und anderntags erschien in der Tat ein junger Mann, der sich an ihrem – und leider auch an meinem – Computer zu schaffen machte. Denn beide sind miteinander vernetzt. Der Mann scheute sich nicht, am Boden zu kauern und das ganze Gewirre der Kästchen und Kabel zu inspizieren, dann wieder probierte er mancherlei an den Tastaturen – mit dem Resultat, dass am Ende gleich beide Laptops nicht mehr funktionierten! Der junge Mann versprach, bald wiederzukommen… Doch an dem vereinbarten Tag – es war im Februar – schneite es stark und blies so bissig, dass wir unser Wiedersehen vertagen mussten.

*

Nach diesen Manipulationen war der Laptop meiner Frau völlig blockiert, und an meinem Apparat funktionierte das E-mail nicht mehr. Alle gesendeten oder empfangenen Mails waren weg, und an ihrer Stelle starrte mich eine sinnlose weisse Fläche an. Ich redete meinem Computer zu. Das konnte ja gar nicht sein, dass er all diese Briefe auf einmal verschlungen hatte! Ich versuchte noch dieses und jenes. Schliesslich sagte ich mir: noch lange an dem Ding herumzudoktern, bringt überhaupt nichts! Man müsste den Kerl mit einem Schlag wiederherstellen können!

Da fiel mir plötzlich das Rettende ein. Wiederherstellen – das war ja das Zauberwort! Es gab in der Tat, neben unzähligen anderen Einstellungen, eine Systemwiederherstellung, die den Computer auf geheimnisvolle Art in einen früheren Zustand zurückversetzte. Ich hatte diese Funktion schon lange nicht mehr gebraucht, aber mit Hilfe eines Handbuchs orientierte ich mich wieder. Man erreichte das Ziel über die Positionen Start – Alle Programme – Zubehör – Systemprogramme – Systemwiederherstellung. Bei der letzteren konnte man verschiedene Zeitpunkte wählen, in die der Computer zurückzuversetzen war. Ich entschloss mich zum letzten möglichen Termin, dem Datum wenige Tage vor dem Missgeschick meiner Frau. Und wunderbar – bald tauchte das E-mail mit all seinen empfangenen und gesendeten Briefen wieder herauf aus dem Nichts. Ich empfand darob eine tiefe Erleichterung – und sogar eine lebhafte Dankbarkeit. Und ich hatte die Freude, dass es anderntags auch meiner Frau ohne fremde Hilfe gelang, die peinliche Blockade ihres Laptops mit einem gezielten, langen Knopfdruck aufzuheben.

*

Der Vorgang regte mich zu wunderlichen Gedanken an. Wie wäre es eigentlich, dachte ich, wenn ich mich selbst in eine frühere Epoche zurückversetzen könnte? Welchen Zeitpunkt würde ich wählen? Wollte ich als siebenjähriger Junge noch einmal den ersten Schultag erleben? Oder als Zwanzigjähriger mich an der Vorlesung eines berühmten Dozenten begeistern? Wollte ich meiner Frau wieder zum allerersten Mal begegnen? Oder noch einmal auf die Kanarischen Inseln fliegen? An der Hochzeit einer Tochter die Tischrede halten? Oder wollte ich dem Hauswart des Gymnasiums die Schlüssel abgeben und jene vertraute Betonburg der Bildung mit einem lachenden und einem weinenden Auge für immer verlassen?

Das alles hätte seinen Reiz, dachte ich, aber es wäre doch auch bedenklich. Denn vergangene Zeiten sind wirklich vergangen, für immer vorbei und abgetan, so golden sie einem gelegentlich in der Erinnerung auch aufleuchten mögen. Nein, du bist keine tote Maschine, sagte ich mir, du bist ein lebendiger Mensch! Eine Wiederherstellung früherer Zustände ist dir versagt. Das Leben lebt nur in der Gegenwart.

*

Und ich spann meine Phantasiegespinste noch weiter aus. Der jetzige Zustand der Menschheit, dachte ich, scheint wirklich bedenklich. Wie wäre es, wenn man auch sie in einen früheren Zeitpunkt zurückversetzen könnte? In eine jener «guten alten Zeiten», von denen die Nostalgiker schwärmen? Ich dachte an die scheinbar so sichere, komfortable bürgerliche Epoche um 1900 (kurz vor dem Ersten Weltkrieg) – oder an die gefühlsselige Zeit der Romantik (und politischen Reaktion) – an die hochgelobte Goethezeit (in der die Kriege Napoleons tobten) – oder an die Blütezeit der alten Griechen (die sich im Peloponnesischen Krieg ja selber zerfleischten). Überall begegneten mir, neben dem Glanz und Gepränge der Mächtigen, die schmächtigen Schemen derer, die auf der Schattenseite des Lebens wohnten: Die Unterworfenen, Entrechteten, Leidenden, Armen. Die hat es nämlich zu jeder Zeit in Fülle gegeben… Nein, sagte ich mir, so bedenklich die Gegenwart auch sein mag, wir können uns in keine andere Zeit versetzen. Wir müssen die unsere bestehen. Wir müssen uns behaupten im Jetzt und Hier.