Nr. 10, 5. April 2007

Glossen von Arthur Häny
Achtsamkeit


Letzthin fuhren meine Frau und ich wieder einmal über den Rhein. Ein herrlicher Strom, den wir lieben! Wie er so breit und gelassen einherfliesst zwischen Siedlungen, Wäldern und Wiesen! Nicht zu Unrecht hat man ihn "Vater Rhein" genannt, ihn, der die Länder mehr verbindet als trennt! Auch Waldshut da drüben ist, trotz der politischen Wolken, die über der Gegend hängen, ein reizendes Städtchen - mit seinem schmucken Rathaus und all den Läden an der "Kaiserstrasse", die den Kaiser schon so lange überlebt hat! Die Einwohner sind freundlich - wohl nicht nur deshalb, weil sich so viele kauflustige Schweizer in den Strassen tummeln. Ist es tadelnswert, jenseits der Grenze einzukaufen? Sicher ist es logisch im Sinne der sonst so hochgeschätzten "Gesetze des Marktes". Auch wir hatten einiges eingekauft, und dann kehrten wir zum Bahnhof zurück, um heimzufahren nach Zürich.

Ausnahmsweise nahm mir meine Frau das rote Einkaufswägelchen ab, das ich sonst immer selber zu ziehen pflegte. Sie ging damit voraus zum Zug, der weit vorn auf dem Perron stand. Ich blieb zurück bei der Zollabfertigung, um die Formalitäten zu erledigen. Einen Augenblick bemerkte ich dicht neben mir - ein Einkaufswägelchen, das mir etwas zu blau und zu dunkel vorkam… Nur ganz flüchtig, halb unbewusst, streifte mich der Gedanke, das gehört ja nicht zu mir…

Als dann der Zollbeamte meine Identitätskarte gesehen und meinen Warenschein gestempelt hatte - es dauerte nicht mehr lange bis zur Abfahrt des Zuges - wollte ich meiner Frau nacheilen. Und ohne viel zu denken, ganz gewohnheitsmässig, ergriff ich das Wägelchen neben mir und eilte damit auf den Bahnsteig hinaus, immer nach vorne, dem Zug entgegen… Einmal hörte ich einen Ruf hinter mir; ich zögerte einen Augenblick, dachte dann, das gilt ja bestimmt nicht mir, und ging weiter. Jetzt kam eine Frau wütend auf mich zugerannt. Endlich erkannte ich meinen Irrtum, liess das falsche Wägelchen fahren und konnte nur noch sagen: "Es tut mir furchtbar leid!" Sie aber warf mir einen hasserfüllten Blick zu, würdigte mich keines Wortes und bemächtigte sich ihres Eigentums. - Ich schämte mich wirklich.

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Es war eine fatale Fehlleistung, geboren aus der Unachtsamkeit eines einzigen Augenblicks. Ich war abwesend gewesen. Erst viel später fragte ich mich: warum hatte die Frau das Ding so dicht neben mich gestellt? Und warum hatte sie nicht gleich protestiert, als ich es irrtümlicherweise ergriff? War am Ende auch sie abwesend gewesen?

Ach ja, man sollte nur immer anwesend sein, ganz und gar in der Gegenwart leben! Ich aber hatte mich wieder einmal verträumt. Und ich dachte: welch ein Meisterstreich ist das von dir, der du Bücher liest über das ZEN!

Diese östliche Philosophie fordert nämlich vom Menschen die unbedingte Achtsamkeit. Man müsse ganz aufgehen im Augenblick, mit offenen Augen und Ohren da sein, sich nie in Träume verlieren; weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft denken - sich auf das einzig Wirkliche, die Gegenwart, konzentrieren! - Aber wer kann das schon? Oft gleiten wir ab in Gedanken, bedauern, dass das oder jenes sich einst so und nicht anders ereignet hat! Wie wäre es denn gewesen, wenn… Oder wir erträumen uns eine sonnige Zukunft… und leben so in lauter nebelhaften Möglichkeiten statt in der handfesten Wirklichkeit.

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Noch konnte ich mein Missgeschick am Bahnhof nicht verwinden. Ich fragte mich: Wo warst du eigentlich in jenem Moment, als du das falsche Wägelchen ergriffst? Abwesend, gewiss! Aber auch als Abwesender "west" man, das heisst, man ist, man lebt irgendwo - aber wo? Wenn ich mich verträume, entgleite ich weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft, sondern in eine sammetweiche Dämmerung, in der ich mich von der schroffen Wirklichkeit erhole.

Die Zen-Meister haben gute Gründe, uns so streng auf das Jetzt und Hier zu verweisen und alle abschweifenden Gedanken und Gefühle zu verdammen. Merkwürdigerweise halten sie aber - im Sinne Buddhas - diese materielle Wirklichkeit, die uns so bedrängend umgibt, gar nicht für wirklich in einem tieferen Sinne, sondern für eine lebenslange Illusion! Zen lehrt, dass man durch diese Illusion durchdringen muss zu dem einen, reinen, göttlichen Licht - aber ohne sich zu verkrampfen, indem man nur ganz bewusst alles Grübeln, Hoffen und Bangen loslässt.

Das ist leichter gesagt als getan!

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Ich gehe nicht ganz einig mit diesen gestrengen Meistern. Ich meine, wir Menschen dürfen zuweilen auch träumen. Unsere Klassiker erträumten sich eine ideale Antike, die Romantiker dagegen ein ideales Mittelalter. Solchen Träumen verdanken wir Goethes "Braut von Korinth", Hölderlins "Archipelagus", Mörikes "Schöne Lau" und Heines goldblonde "Loreley"…

Unser industrielles Zeitalter mit seiner totalen Rationalisierung und Kommerzialisierung aller Lebensbereiche ist kalt und öd geworden. Es drängt die Menschen fast gewaltsam ab ins Irrationale. Aber die Flucht in den Rausch und die Drogen, in die Massenveranstaltungen der Stadien und der "Events" - das ist der falsche Ausweg! Wir dürfen zwar träumen, dürfen uns dem Gefühl hingeben; aber das kann in aller Stille geschehen, ohne hysterische Ekstasen, ohne Lichtgewitter und ohrenbetäubende Beschallung. Wir müssen uns dieser kalten Wirklichkeit stellen. Aber wir sollten uns stärken im Glauben, dass wir ursprünglich zu einer Welt der Wärme und des Lichts gehören. Wenn wir es zustande brächten, uns ganz zu entspannen und unsere Probleme loszulassen, dann könnte sich der verschüttete Zugang zu unserem Innersten wieder öffnen. Und dann bräuchten wir nicht mehr zu träumen; wir wären von selber "ganz Auge und Ohr" - wären angelangt in der Gegend unseres Herzens.

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