Nr. 10, 28. April 2006
Der
deutsche Botschafter und die Schweizer Demokratie
Die Schweiz ist der EU keine Milliarde schuldig
Eben erst hat er seinen Posten in Bern bezogen. Und schon ist
er in Konflikt mit der direkten Demokratie seines Gastlandes.
Die Rede ist vom neuen deutschen Botschafter in Bern, Andreas von Stechow. Dieser meinte die Schweiz warnen zu müssen, weil Bürgerinnen und Bürger unseres Landes das selbstverständliche demokratische Recht für sich in Anspruch nehmen, die sogenannte Kohäsions-Milliarde - welche die EU von der Schweiz fordert - mittels Referendum der Volksabstimmung zu unterstellen. Solche Unbotmässigkeit gegenüber Brüssel würde "die Reputation der Schweiz" unterminieren, mäkelte der deutsche Botschafter - offensichtlich daran gewöhnt, dass die Bürger seines Landes bloss ohnmächtig die Faust im Sack machen können, wenn Brüssel von Berlin Milliarden fordert.
Worum geht es?
Bundesrat und
Parlamentsmehrheit wollen der EU eine volle Milliarde zahlen. Angeblich freiwillig.
Obwohl die bilateralen Verträge von beiden Seiten ausdrücklich als
"gegenseitig ausgewogen" deklariert werden. Das heisst: Keine Seite
ist der andern etwas schuldig. Die Landesregierung will dennoch zahlen - aus
"Goodwill", wie sie sagt.
Zunächst wollte der Bundesrat diese Zahlung wenigstens budget-neutral leisten, also durch Umschichtung bei den jährlichen Entwicklungshilfe-Leistungen der Schweiz, ohne Zusatzbelastung des Steuerzahlers.
Bedingungslos
Aber das Parlament
hat anders entschieden. Was die EU dazu bewogen hat, bereits eine Nachforderung
von weiteren "mehreren hundert Millionen" in Bern zu präsentieren.
Der Bundesrat wird sich - das hat Bundesrätin Calmy-Rey klar gemacht
- "konstruktiv" mit diesem neuen Begehren befassen. Faktisch beschlossen
hat das Parlament Milliarden-Zahlungen in unbekannter Höhe an die EU,
je nach Forderungen, die Brüssel Bern noch präsentieren wird. Auch
die Forderung, von der EU im Gegenzug zur freiwilligen Milliarden-Zahlung
gewisse Gegenleistungen zu verlangen, wurde zu Bern als "unschicklich"
abgelehnt. Das konkrete Begehren von der EU, das Ende jeglicher Diskriminierung
des Flughafens Zürich Kloten, die Respektierung des Schweizer Bankkundengeheimnisses
gemäss Zinsbesteuerungsvertrag sowie die Respektierung der in der Schweiz
verfassungsrechtlich abgesicherten kantonalen Steuerhoheit mittels verbindlicher
Zusage zu verlangen, wurde von den EU-devoten Mehrheit im Schweizer Parlament
kurzerhand bachab geschickt. Diese Mehrheit will Milliarden in unbekannter
Höhe ohne jede Gegenleistung nach Brüssel schicken.
Referendum nötig
Das ist untragbar.
Da muss das Volk zum Entscheid kommen, deshalb braucht es das Referendum.
Die Schweiz ist Brüssel nicht tributpflichtig. Die Schweiz ist Brüssel
keine Milliarde schuldig. Das Volk soll über diese Milliarde entscheiden.
Die Kritik des deutschen Botschafters an der Schweizer Demokratie ist mehr
als bloss deplaciert.