Nr. 10, 6. Mai 2005
Bundesrätliche Mogelpackung
Nein zu Schengen
Von Nationalrat Ueli Maurer, Wernetshausen ZH
Sollte die Schweiz dem
Schengener Abkommen zustimmen, dann gäbe sie erstmals in ihrer Geschichte
einen wichtigen Teil ihrer Souveränität preis. Handfeste Sicherheit
würde aufs Spiel gesetzt. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer würden
als Folge der verstärkten Zuwanderung ihre Arbeitsplätze verlieren.
Einmal
mehr übte sich der Bundesrat in Brüssel im Kniefall. Einmal mehr
trat er auf in der Rolle des Bittstellers, bis die EU schliesslich zu Verhandlungen
über Schengen bereit war.
Das Abkommen ist ein Diktat Brüssels. Denn der Schweiz bleibt nichts
anderes, als sich dem geltenden Schengen-Regime uneingeschränkt zu unterziehen.
Damit leistet sie einen entscheidenden Schritt für einen späteren
EU-Beitritt. Durch die von Schengen erzwungene Aufhebung der Grenzkontrollen
gefährdet sie die Sicherheit der Bevölkerung und der Arbeitsplätze.
"Strategisches Ziel" - EU-Beitritt
Seit bald fünfzehn Jahren ist der EU-Beitritt das allem übergeordnete
Ziel des Bundesrats. In all seinen Stellungnahmen und Berichten wiederholt
die Landesregierung - die beiden SVP-Bundesräte ausdrücklich ausgenommen
- fast gebetsmühlenartig das "strategische Ziel" des EU-Beitrittes.
Um dieses zu erreichen, ist unserer Landesregierung leider zunehmend jedes
Mittel recht; leichtfertig ist sie bereit, unsere Eigenständigkeit und
Unabhängigkeit aufzugeben. Um den vor einem Jahr blockierten Bilateralen
Verhandlungen II mit der EU in der Schlussphase wieder Schwung zu geben, liess
sich der Bundesrat gar zu einer Milliardenzahlung erpressen: Über Nacht
erklärte er sich plötzlich bereit, mit einer Zahlung von tausend
Millionen Franken(!) im Rahmen der "EU-Kohäsionsregelungen"
die damals stockenden Verhandlungen zu schmieren. Seither versucht er alles,
diese Milliarde am Volk vorbeizuschummeln, also der Volksabstimmung zu entziehen.
Diese Zahlung ist freilich nicht das einzige, was der Bundesrat im Blick auf
Brüssel verschweigt, schönredet oder in Wolkenschlösser verpackt.
Volksrechte mit Füssen getreten
Seit Monaten unternimmt der Bundesrat alles, um die Stimmbürgerinnen
und Stimmbürger über Inhalt und Folgen von Schengen zu täuschen.
Beispiele gefällig? Für das Studium der Botschaft zu den Bilateralen
II von fast sechshundert Seiten mit komplexem Inhalt voller Mitberichte und
Gesetzesänderungen hatten National- und Ständeräte gerade einmal
die zehn hektischen Tage vor Beginn der Dezembersession 2004 Zeit. Als das
Parlament die Vorlagen noch nicht einmal zu Gesicht bekommen hatte, organisierte
die Bundesverwaltung bereits den Abstimmungskampf bis in alle Details - dafür
Steuergelder missbrauchend. Bundesratstreue Beamte und Parlamentarier (die
Liste fiel den Schengen-Gegnern in die Hände und wurde in der "Schweizerzeit"
publiziert) sollten vor den Karren der Verwaltung gespannt werden mit dem
Ziel, kritische Stimmen mundtot zu machen. Derartige Einmischung der Verwaltung
in einen Abstimmungskampf ist echter Demokratie unwürdig und hat mit
Information nichts zu tun.
Anfang Dezember 2004 wurde das ganze Schengener Abkommen in nur drei Tagen
durch die Räte gepeitscht - und das erst noch zusammen mit der "Personenfreizügigkeit".
Anschliessend wurde die Referendumsfrist entgegen allen Versprechungen gezielt
um eine Woche vorverschoben - damit die Weihnachtstage die Referendumsfrist
verkürzten. Als Bern merkte, dass Schengen zusammen mit der Personenfreizügigkeit
ein doppeltes Nein bewirken könnte, trennte man kurzerhand die beiden
Referendums-Abstimmungen voneinander. Dies, obwohl der Bundesrat bis dahin
immer betont hatte, dass diese beiden Geschäfte siamesische Zwillinge
seien und dem Volk zusammen präsentiert werden müssten. Mit der
Trennung kaufte sich der Bundesrat die Unterstützung der Wirtschaft für
Schengen und für die spätere Abstimmung über die Personenfreizügigkeit.
"Kaufen" ist dabei das Wort, das durchaus angebracht ist: Rund dreissig
Millionen lassen sich die Wirtschaftsverbände den ganzen Deal offenbar
kosten.
Doch damit noch immer nicht genug: Im Bundesbüchlein, das auf fünfzig
Seiten die angeblichen Vorteile von Schengen abhandelt, wurden den Gegnern
für ihre Argumente gerade einmal zwei Druckseiten überlassen - und
auch auf diesen Seiten wollte die Bundesverwaltung noch den Text abändern.
Schliesslich verhängte Bern allen kritischen Beamten einen Maulkorb:
Mittels interner "Sprachregelungen" wird diktiert, wie sich Beamte
gefälligst bundesratskonform zu äussern haben.
Souveränitätsverlust
Weshalb nur will der Bundesrat in solch nie dagewesenem Ausmass die Volksmeinung
manipulieren? Die Antwort ist einfach: Schengen war nie - wie es von Bern
jetzt "verkauft" wird - ein Projekt für mehr Sicherheit. Schengen
war immer ein Integrationsprojekt: Mit Schengen sollen in Europa alle Grenzen
fallen, was - so glaubten Brüssel und Bern - Europa dann automatisch
zusammenwachsen lassen werde. Diese EU-Zielsetzung war es, die den Bundesrat
in Brüssel um dieses Abkommen betteln liess. Die Landesregierung hoffte,
damit ihrem strategischen Ziel des EU-Beitritts näherzukommen.
Mit dem Schengener Abkommen übernimmt die Schweiz rund fünfhundert
Seiten bestehendes EU-Recht. Und sie verpflichtet sich bindend, auch künftiges
EU-Recht telquel zu übernehmen. Im Klartext: Zum erstenmal in ihrer langen
Geschichte muss die Schweiz fremdes Recht übernehmen, ohne sich frei
dazu äussern zu können. Damit wird offensichtlich, wohin wir steuern:
Weniger Schweiz, weniger Freiheit, weniger Unabhängigkeit - dazu will
uns die Landesregierung verleiten. Über unsere Freiheit sollen statt
dessen immer mehr Beamte in Brüssel befinden und bestimmen. Das Volk
wird seiner demokratischen Rechte beraubt.
Es ist zu hoffen, dass das Schweizer Volk diese wahren Absichten des Bundesrates
durchschaut und sich durch die schönfärberische Stimmungsmache aus
Bern nicht beeindrucken lässt.
Personenfreizügigkeit: Tabu!
Spät, erst nach ersten Meinungsumfragen, hat der Bundesrat realisiert,
dass die gleichzeitige Abstimmung über die Erweiterung der Personenfreizügigkeit
auf Osteuropa sein mit Schengen angestrebtes EU-Beitrittsziel gefährden
könnte. Deshalb hat er die Personenfreizügigkeits-Abstimmung kurzerhand
von Schengen abgetrennt und auf den September verschoben. Dies, obwohl die
Kontingente mit den neuen Ost-Beitrittsländern im Rahmen einer Übergangsfrist
bereits festgelegt sind. Von der Sache her wäre die Abstimmung über
die Personenfreizügigkeit viel dringender als Schengen.
Noch im Dezember wurden im Parlament die Minuten gezählt - höchstens
fünf Minuten Redezeit pro Wortmeldung wurden zu Schengen und Personenfreizügigkeit
zugestanden -, und plötzlich kann dann der Bundesrat Volksabstimmungen
um Monate verschieben. Bei eisiger Kälte mussten an Weihnachten, Ostern,
Fasnacht und in den Sportferien Unterschriften gesammelt werden - jetzt aber
pressiert es plötzlich nicht mehr. Aus allein taktischem Grund: Der Bundesrat
will die Schengen-Abstimmung unbedingt gewinnen. Eine Chance dafür sieht
er nur, wenn er Schengen zuerst dem Volk vorlegen kann und die Abstimmung
über die Personenfreizügigkeit erst später folgt. Der Bundesrat
trennt also zwei sachlich zusammengehörende Dossiers, weil er sich so
grössere Chancen ausrechnet, wenigstens Schengen zu gewinnen. Damit missbraucht
der Bundesrat die Instrumente des Souveräns für abstimmungstaktische
Manöver. Das ist in höchstem Grad unredlich.
Nun fabuliert der Bundesrat - wiederum ist Christoph Blocher ausdrücklich
ausgenommen -, die Personenfreizügigkeit verhelfe zu mehr Arbeit. Möge
doch auch Bern endlich seinen engen Horizont überwinden und einmal nach
Deutschland blicken: Dort kommen Leute zu Tausenden aus dem Osten an. Sie
arbeiten zu fast jedem Lohn. Das Resultat: Mehr Arbeitslose, mehr Lohndruck,
weniger Wohlstand!
Ein Ja zur Personenfreizügigkeit würde für die Schweiz das
Gleiche bedeuten: Arbeitskräfte aus Ländern mit einem Lohngefälle
von durchschnittlich eins zu sieben (im Einzelfall kann die Diskrepanz noch
viel grösser sein) bekämen Schritt für Schritt uneingeschränkten
Zutritt auf unseren Arbeitsmarkt. Länder mit Arbeitslosenzahlen von zwanzig
Prozent und mehr würden auf den Schweizer Arbeitsmarkt drängen.
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Personenfreizügigkeit
bringt mehr Arbeitslose und tiefere Löhne. Darum fürchtet der Bundesrat
diese Abstimmung - und will sie von Schengen trennen. Aber beide Abstimmungen
gehören sachlich zusammen. Lassen wir uns nichts vormachen!
Die Lüge von mehr Sicherheit
Der Bundesrat behauptet, das Schengener Abkommen stärke unsere Sicherheit.
Bisher ist es ihm freilich nicht gelungen, diese Behauptung glaubwürdig
zu belegen. Er stützt sich auf diffuse Aussagen verschiedener Exponenten.
Aber wo, so stellt sich die Frage, sind die Fakten, die Statistiken, die wissenschaftlichen
Erkenntnisse? Ein einziges Gutachten, das der Bundesrat erstellen liess, betraf
das Bankkundengeheimnis. Die Studie von Professor Xavier Oberson aus Genf,
die offenbar dem Glaubensbekenntnis des Bundesrates widerspricht, ist flugs
unter Verschluss gestellt worden. Das Parlament bekam den Inhalt nie zu Gesicht.
Die Veröffentlichung wird weiterhin verhindert.
Vielleicht existieren auch Studien über Sicherheitsfragen im Zusammenhang
mit Schengen, von denen die Öffentlichkeit nichts weiss. Also müssen
wir uns auf den gesunden Menschenverstand verlassen. Und der sagt uns, dass
unsere Nachbarländer, wenn die Welt durch Grenzöffnung sicherer
würde, heute weit sicherer sein müssten als die Schweiz. Das ist
klar nicht der Fall. Statistiken beweisen genau das Gegenteil! Wenn wir den
Schutz unserer Grenze durch Grenzwächter beseitigen, gibt es keine Grenze
mehr zum Unsicherheitsraum Schengen. Wollen wir das?
Wollen wir ein Stück unserer Souveränität aufgeben? Wollen
wir Arbeitsplätze verlieren? Wollen wir Sicherheit verlieren? Und wollen
wir dafür am Schluss auch noch 1 000 000 000 Franken bezahlen? Nein,
nein, nein und nochmals nein zu Schengen!
Ueli Maurer, Nationalrat