Spalte rechts

Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 7. Mai 2004

Vom "europäischen Bewusstsein" im Hause Ringier
Peinlich, peinlich ...

Wie virtuos Meister Zufall bisweilen doch die Fäden zu ziehen versteht ...
Sonntag abend: Wie jede Woche schaut das politisch interessierte Zürich den Sonn-Talk auf Tele Züri. Ellen Ringier deckt in der Rolle der Salon-Sozialistin zunächst huldvoll die 1.-Mai-Engagierten mit Komplimenten ein. Dann kommt sie zu ihrem Hauptanliegen: Die Schweiz habe bei den grossen
Feuerwerken, bei den Mega-Parties, bei all den gross - immer auf Kosten gebeutelter Steuerzahler selbstverständlich - aufgezogenen Lustbarkeiten anlässlich der EU-Osterweiterung nicht mittun können.
Wie überaus peinlich, wie überaus beschämend das eigenbrötlerische Abseitsstehen der Schweiz doch gewesen sei, wurde Frau Ellen Ringier nicht müde zu lamentieren. Sogar das Wort «Schande» liess sie nicht aus, als sie uns mangelndes «europäisches Bewusstsein» unterstellte. Ein Tag später: Das Bundeshaus kann hohen Besuch aus Brüssel empfangen: Erhard Busek, in der EU die Funktion des «Sonderkoordinators des EU-Stabilitätspaktes für Südosteuropa» bekleidend, weilt zu einem «Arbeitsbesuch» in Bern. Er berichtet freimütig, nüchtern, problembezogen über die Resultate seiner
Anstrengungen, durch Vermittlung demokratischer Wertvorstellungen, demokratischer Überzeugungen und «europäischen Bewusstseins» die Stabilisierung Osteuropas, insbesondere des Balkans Schritt für Schritt voranzutreiben.

Unversehens kommt Busek auf die Rolle der Medien zu sprechen. Besonders jener Massenblätter, mit denen westeuropäische Grossverlage die Märkte im Osten zu erobern trachten. Deren Geschäfte, meinte der EU-Stabilitätsbeauftragte, liefen glänzend, die Verleger-Kassen klingelten wohl unablässig. Allerdings: Von irgendwelchem Bestreben dieser westlichen Grossverlage, so etwas wie «europäisches Bewusstsein» in den Osten zu vermitteln, davon sei nichts, aber auch gar nichts zu verspüren, wenn man deren Ost-Revolverblätter konsumiere. Diesen Blättern geht es, wer sie je zur Hand genommen hat, vielmehr um die finanzielle Ausbeutung von «Unglücksfällen und Verbrechen». Während die noch immer hohe Kriminalität, die Korruption, der Frauenhandel im Osten von Westlern wortreich und demonstrativ beklagt werden, machen die Massenblätter westlicher Grossverlage dicke Geschäfte mit all den aus solcher Kriminalität zu konstruierenden unappetitlichen Geschichten. Und, ach wie peinlich: Herr Busek liess auch Namen entsprechender Verlage fallen. In «führender Position» sieht er ausgerechnet auch den Ringier-Verlag. Endlich erkennt man die tieferen Zuammenhänge, die Frau
Ellen Ringier dazu bringen, sich peinlich berührt zu fühlen.


Ulrich Schlüer


**Weitere Kommentare**