Nr. 10, 17. April 2003

Der Wohlfahrtsstaat und sein sanftes Gift
Freiheit oder Maiskolben

Von Dr. Heinz Fidelsberger, Wien

Im November 1962 hat die "Schweizerische Ärztezeitung" den Artikel eines Wiener Arztes, Dr. Heinz Fidelsberger, zum Thema "Wohlfahrtsstaat" publiziert. Es ist interessant, diese sehr pointierten Ausführungen heute wieder zu lesen nachdem auch unser Land etliche damals kaum denkbare Schritte in Richtung "allsorgender Wohlfahrtsstaat" hinter und weiterhin auch vor sich hat.

Um es gleich klarzustellen: Wir sind der Meinung, die Schweizer seien nicht so leicht zu manipulieren wie die amerikanischen Wildschweine im Exempel des österreichischen Arztes. Seine Annahmen und Folgerungen sind in verschiedenen Punkten übertrieben, teilweise auch mit etwas gar grell gefärbter Tinte geschrieben, die heutzutage wohl vertrocknet ist. Aber wie bei allen Übertreibungen einige harte Körner Wahrheit finden sich in des Arztes Wildschwein-Glosse. Sie mögen dazu veranlassen, liebgewordene Vorstellungen und Zukunftsvisionen vielleicht wieder einmal auf ihre Haltbarkeit und ihre Konsequenzen zu überprüfen.

Die Wildschwein-Story
Es soll sich jenseits des grossen Teiches zugetragen haben, in den Wäldern des Ocmulgeeflusses im Staate Georgia. Rudelweise lebten dort Generationen von Wildschweinen, und es war unmöglich, der zunehmenden Plage Herr zu werden. Es gab wilde Jagden, man legte Gift und Brände, Überschwemmungen und schier endlose Trockenzeiten wechselten miteinander ab, aber nichts konnte den Schweinebestand verringern. Die Tiere bewiesen eine erstaunliche Widerstandskraft gegen alle Unbill der Umwelt und zeigten sich jeder Situation gewachsen. Ihre Anpassungsfähigkeit erschien als sozusagen grenzenlos. Bis dann eines Tages ein junger Mann daherkam, der sich erbötig zeigte, alle Schweine zu fangen und damit diese Landplage ein für allemal zu beseitigen. Man hielt ihn begreiflicherweise für einen billigen Schwätzer, man wurde aber etliche Monate später eines Besseren belehrt. Denn die Farmer und Jäger wurden zu einer Umzäunung geführt, in der sich Hunderte von Wildschweinen, junge und alte, um die Futtertröge balgten.

Und der junge Mann verriet auch sein Geheimnis: Er habe damit begonnen, am Waldrand gekochte Maiskolben auszulegen. Natürlich geschah ein paar Tage zunächst gar nichts, dann kamen zögernd ein paar alte und gebrechliche Schweine angetrottet, die sich die leckere Mahlzeit nicht entgehen lassen wollten. Und jeden Tag kamen mehr alte Schweine, und allmählich gesellten sich auch junge Tiere dazu, denen es offensichtlich viel zu mühevoll war, im Wald nach Wurzeln zu graben und ununterbrochen nach Nahrung zu suchen. Nur die kräftigen und ganz gesunden Schweine, die in der Blüte ihrer Lebenszeit standen, zögerten lange. Sie waren misstrauisch und vor allem gewohnt, sich selbst das Futter zu suchen. Aber mit der Zeit kamen auch sie und holten sich auf viel bequemere Art das tägliche Fressen.

Nun aber hatte der junge Mann begonnen, einen zunächst ganz kleinen Zaun um die Futterstelle zu errichten, den die Schweine anfänglich mühelos überspringen konnten. Die ausgestreute Nahrung wurde immer umfangreicher, der Zaun aber gleichzeitig immer höher. Ein breites Tor blieb selbstverständlich frei, und die Tiere gewöhnten sich, ausgesprochen artig durch die geöffnete Türe hindurchzulaufen. Sie schienen auch gar nicht zu bemerken, wie hoch der Zaun mit der Zeit geworden war. Eines Tages waren sie wieder alle in der Umzäunung beim Fressen. Da machte der junge Mann das Tor ganz einfach zu. Und damit war die Freiheit für die Wildschweine für immer dahin.

Mancherorts wurde diese Geschichte schon erzählt; vor nicht allzu langer Zeit war sie wieder einmal in einer Zeitschrift zu lesen. Allerdings unter einem ganz neuen, sehr bezeichnenden Titel. Der Fang der Wildschweine stand unter dem Motto: Wohlfahrtsstaat. Warum eigentlich nicht? Der Mechanismus ist doch recht einfach: Man offeriert ein möglichst bequemes Leben, man weckt vorsichtig steigernd die Begehrlichkeit, man nimmt dem Einzelwesen manchmal als lästig empfundene Eigenverantwortlichkeit ab und beraubt es schliesslich der persönlichen Freiheit, indem man ihm vor allem die Eigeninitiative und damit den Willen, den Lebenskampf auf eigenen Füssen zu führen, raubt und zerstört. Das ist das Grundrezept für die Errichtung von Wohlfahrtsstaaten, in denen die ach so glücklichen Bürger ein maximal bequemes Leben führen können.

Es ergibt sich daraus eine ganz gewichtige Frage: Warum sollte dies alles nicht erstrebenswert sein? Warum soll man sich mühen und plagen, ständig eine ungewisse Zukunft vor sich wissen, warum soll man ohne Sicherheit, bestenfalls auf den Schutz durch die eigene Familie angewiesen, dahinleben, wenn es anders auch möglich sein soll? Ist es nicht herrlich, von der Wiege bis zum Grabe alles dem Staate zu überlassen? Berufsausbildung, Berufswahl den Behörden zu überantworten? Ist es nicht das Paradies auf Erden, wenn man eine Wohnung von der Gemeinde erhält, wenn man wegen eines simplen Schnupfens eine Woche lang im Krankenstand bleiben darf und bei den ersten Anzeichen von Altersbeschwerden sofort eine ausreichende Rente jeden Monatsersten ausbezahlt bekommt? Warum soll man lernen, warum soll man nach höherer Bildung streben, wenn man als ungelernter Arbeiter genauso viel verdienen kann wie ein graduierter Hochschulprofessor? Und ist es nicht ideal, alle nur möglichen Mengen von Genussmitteln konsumieren zu können und jede Krankheit, die sich daraus ergibt, unverzüglich vom Staate ausgeheilt zu bekommen?

Der Traum vom irdischen Glück
Wie viele Menschen sind doch tatsächlich der Meinung, mit der Errichtung von Wohlfahrtsstaaten werde der Traum vom irdischen Glück erfüllt. Daraus erklärt sich der Fanatismus, mit dem sich die heutige Generation für die Errichtung solcher Staatsgefüge einsetzt. Dies erstaunt allerdings zunehmend, da sich die negativen Auswirkungen von Wohlfahrtsstaaten immer deutlicher erkennen lassen aber seltsamerweise doch mit ausgesprochen einfältigem Schweigen übergangen werden. Ist es nicht geradezu dramatisch, dass die Selbstmordziffern in jenen Staaten, wo man den kompletten Versorgungsstaat angeblich bereits errichtet hat (Schweden und Österreich), am höchsten sind? Muss es nicht aufrütteln, dass in Österreich die meisten Invalidenrentner herumlaufen, dass Trunksucht zur Volksseuche zu werden droht und auch der übrige Genussmittelkonsum ständig weiter ansteigt?

Wo bleibt das Paradies auf Erden, wenn so viele Menschen, wenn immer mehr Männer und Frauen Hand an sich legen, wenn sich immer mehr offenbar vor lauter Glück täglich bis zur Sinnlosigkeit betrinken und wenn, wie wir Ärzte täglich erkennen können, zunehmend mehr Menschen sich "unbeschreiblich krank" fühlen? Die Bürger des Super-Wohlfahrtsstaates schleppen sogenannte "Schaukeldiagnosen" mit sich herum: Auf die Frage, wie es ihnen denn ginge, hört man prompt eine Aufzählung diverser Leiden. Kaum hat man eines als nicht vorliegend ausgeschlossen, taucht schon ein neues auf; und wenn alle Befunde schliesslich trotzdem negativ sind, hört man den lapidaren Satz, dass man sich eben nicht wohl fühle ("Herr Doktor, ich spür¹ bei der kleinsten Anstrengung mein Herz, mit dem Magen bin ich auch nicht in Ordnung, alle Gelenke tun mir weh, ich kann in der Nacht nicht schlafen, mir fehlt der Appetit, und mit den Nerven bin ich ganz herunter!"). Dies bekommt man hunderte Male zu hören, und der Schwerpunkt der einzelnen Leiden schwankt, schaukelt hin und her, je nach Bedarf und Nutzen. Die "Schaukeldiagnose" ist das wohl typischste Produkt des Wohlfahrtsstaates.

Das Rauschgift des Jahrhunderts
Die Schweine am Ocmulgeefluss hatten, als sie noch in freier Wildbahn lebten, die Kraft und Fähigkeit, mit allen Lebensschwierigkeiten fertig zu werden. Was auch immer der Mensch als ihr Todfeind unternahm, um sie auszurotten, führte zu keinem Erfolg. Die körperliche Widerstandskraft war trotz der harten Lebensbedingungen enorm, die Instinkte hatten sich zur höchsten Vollendung entwickelt, und die cerebralen Funktionen waren grandios ausgebildet. Geraten solche Tiere aber in Gefangenschaft, wo sie regelmässig ihr gutes Futter erhalten, verkümmern sofort alle Anpassungsmechanismen. Würde man sie nach einiger Zeit wieder in Freiheit setzen, gingen sie sehr bald jämmerlich zugrunde: Sie könnten mit der harten Wirklichkeit nicht mehr fertig werden.

Genau dieselben Folgen lassen sich bei den Menschen erkennen, die das unerhörte Glück hatten, Bürger von Versorgungsstaaten zu werden. Sie werden alsbald bequem, sie verlieren jedes Streben nach eigener Verantwortung, es verkümmert der Wille zur Arbeit, zum beruflichen Weiterkommen, und körperliches Unbehagen nimmt zu. Dieselbe Schneiderin, die sich daheim für den Eigenbedarf mit einiger Lust ein Kleid näht, empfindet bei der gleichen Tätigkeit im abhängigen Arbeitsverhältnis bohrendes Kopfweh, ununterbrochene Müdigkeit und Flimmern vor den Augen. Die Arbeit wird nurmehr als hartes Muss empfunden, und man nimmt es mit Begeisterung zur Kenntnis, dass seitens der Gewerkschaften ein ununterbrochener Kampf gegen die Arbeit geführt wird. Wohlfahrtsstaat heisst Verwirklichung eines bequemen Lebens.

Bequemlichkeit aber wirkt wie ein Rauschgift, sie reduziert die körperlichen und vor allem geistigen Anpassungsfähigkeiten und führt zu vollständiger Verdummung. Wie katastrophal hier die Verhältnisse liegen, lässt sich beim täglichen Umgang mit den Mitmenschen nur ahnen, wer aber beispielsweise einmal auf einer Gruppenstelle der Gebietskrankenkasse gearbeitet hat, bekam dort ein solches Übermass an Gier nach Rente und allen Formen des Sozialparasitismus zu sehen, dass man an der Zukunft der Menschheit zweifeln könnte. Von Jahr zu Jahr sinkt die Arbeitsmoral, verlassen immer mehr Menschen den Arbeitsprozess und bewerben sich schon im mittleren Lebensalter um eine Rente, da sie sich nach eigenen Angaben keiner Arbeit mehr gewachsen fühlen.

Und man erkennt mit wahrem Entsetzen, dass der Wohlfahrtsstaat offenbardas höchste Interesse daran hat, eine genügend grosse Anzahl von Bürgern zu besitzen, die zu Herumlungerern auf der Landstrasse des Lebens geworden sind sonst wären die Massstäbe für die Bemessung von Renten nicht so unendlich grosszügig (der Vierzigjährige mit einer Polyneuritis alcoholica bekommt mit eben derselben Selbstverständlichkeit seine Rente wie die fünfundvierzigjährige Frau mit "Angiospasmen" bei einem täglichen Konsum von dreissig Zigaretten). Und wehe dem Arzt, der an einer Dienststelle arbeitet, wo den Sozialparasiten die Benefizien zugeteilt werden, wenn er die "gerechten" Ansprüche etwa bezweifelte! Man würde ihn sofort eliminieren und durch einen gehorsameren Kollegen ersetzen, der sich widerspruchslos in das Berentungssystem einfügt. Denn wenn man schon die Bevölkerung an das Rauschgift der Bequemlichkeit gewöhnt hat, dann muss man selbstverständlich auch jene, die dadurch völlig arbeitsunfähig geworden sind, grosszügig erhalten.

Das Verbrechen des Jahrhunderts
Es gibt Politiker, die sich mit dynamischer Vehemenz für den Wohlfahrtsstaat einsetzen. Ihr Sinnen und Trachten gilt allein der Errichtung eines perfekten Rentnerstaates, und alle Sorgen und Bemühungen gelten nur dem einen Ziel, möglichst viele Menschen zu berenten, da diese dann in unmittelbare Abhängigkeit auch zu einer bestimmten politischen Meinung gebracht werden können. Das Fördern der Bequemlichkeit mit allen sich daraus ergebenden Folgen, wie Abbau der Eigeninitiative, Verlust der Eigenverantwortung, Nachlassen der geistigen Anpassungsmechanismen, Aufkommen universaler Dummheit und totaler Verlust der Arbeitswilligkeit, muss man zweifellos als Verbrechen bezeichnen.

Denn der Mensch wird in einem Wohlfahrtsstaat nicht glücklicher, das Paradies, das man ihm vorgaukelt, existiert nur an den Plakatwänden. Wir Ärzte haben jeden Tag die Möglichkeit, die unmittelbaren Folgen eines Systems kennenzulernen, das man aus propagandistischen Gründen in höchsten Tönen zu lobpreisen gewohnt ist, das aber die Gier nach materiellen Gütern fördert und immer unzufriedener macht. Bestimmte Staaten sind wie man weiss schliesslich so weit gegangen, dass sie Mauern errichten mussten echte Mauern aus Beton, Stacheldraht und Minen, damit die "glücklichen" Bürger nicht mehr aus dem Paradies entfliehen können. Aber auch dort, wo die Mauern noch unsichtbar aber doch schon fühlbar sind, hat das Systemder Wohlfahrtsstaaten die übelsten Folgen gezeitigt. Der Arbeitswillige wird zugunsten des Faulen ausgebeutet, der Dumme ausgesprochen bevorzugt, und überall dort, wo sich Privatinitiative und Streben nach eigenem Besitz zeigt, bekommt man die schwer lastende Hand des Staates zu spüren.

Man will keine Eigenverantwortlichkeit, die das Denken fördert, die imstande wäre, das Leben selbst zu gestalten. Man will Staatsbürger, die sich am Gängelband führen lassen und die all das, was sie nicht unmittelbar zum Leben brauchen, in den grossen kommunalen Topf werfen, damit sich die immer grösser werdende Zahl von Funktionären daran mästen kann. Man fördert die Begehrlichkeit, man fördert die Bequemlichkeit, weil man dann um so sicherer den Zaun errichten kann, die Mauer und das Tor, das dann eines Tages geschlossen wird.

Und wer schliesslich dennoch diese Mauer übersteigen will, der hat dies mit seinem Leben zu büssen. Wenn er dann qualvoll verröchelt, dann darf sich keine Hand heben, um ihm zu helfen. Auch der Arzt darf dann nicht gerufen werden; wäre er zufällig anwesend, müsste er tatenlos zusehen. Das wäre das Ende der Freiheit der Menschen. Dann gäbe es nurmehr das Massenindividuum, das bedingungslos dem Staate zu gehorchen hat einem Staate, der sich "Wohlfahrtsstaat" nennt...

(Erstveröffentlichung November 1962)