Nr. 10, 19. April 2002

Kampf der Kulturen
Der Westen und der Rest der Welt
Von Samuel P. Huntington

(Auszug aus dem Buch «The Clash of Civilizations»)

Als einzige aller Kulturen hat der Westen einen wesentlichen und manchmal verheerenden Einfluss auf jede andere Kultur dieser Welt ausgeübt. Das durchgängige Charakteristikum der Welt der Kulturkreise ist infolgedessen das Verhältnis zwischen der Macht und Kultur des Westens und der Macht und Kultur anderer Kreise.

In dem Masse, wie die relative Macht anderer Kreise zunimmt, schwindet die Anziehungskraft der westlichen Kultur, und nichtwestliche Völker wenden sich mit zunehmender Zuversicht und Engagiert- heit ihrer eigenen, angestammten Kultur zu. Das zentrale Problem in den Beziehungen zwischen dem Westen und dem Rest ist folglich die Diskrepanz zwischen den Bemühungen des Westens, speziell Amerikas, um Beförderung einer universalen westlichen Kultur und seiner schwindenden Fähigkeit hierzu.

Universalismus oder Imperialismus
Der Zusammenbruch des Kommunismus verschärfte diese Diskrepanz, weil er den Westen in der Auffassung bestärkte, seine Ideologie des demokratischen Liberalismus habe weltweit gesiegt und sei daher weltweit gültig. Der Westen und besonders die USA, die immer eine Nation mit Sendungsbe- wusstsein gewesen sind, sind überzeugt, dass die nichtwestlichen Völker sich für die westlichen Werte ­ Demokratie, freie Märkte, kontrollierte Regierung, Menschenrechte, Individualismus, Rechtsstaatlich- keit ­ entscheiden und diese Werte in ihren Institutionen zum Ausdruck bringen sollten. Minderheiten in anderen Kulturen haben diese Werte übernommen und fördern sie, aber die dominierenden Einstellun- gen ihnen gegenüber in nichtwestlichen Kulturen reichen von verbreiteter Skepsis bis zu heftigem Widerstand. Was für den Westen Universalismus ist, ist für den Rest der Welt Imperialismus.

Der Westen versucht und wird weiter versuchen, seine Vormachtstellung zu behaupten und seine Inter- essen dadurch zu verteidigen, dass er diese Interessen als Interessen der «Weltgemeinschaft» definiert. Dieses Wort ist das euphemistische Kollektivum (Ersatz für «die Freie Welt»), um Handlungen, die die Interessen der USA und anderer westlicher Mächte vertreten, weltweit zu rechtfertigen. Der Westen unternimmt heute zum Beispiel den Versuch, die Volkswirtschaften nichtwestlicher Gesellschaften in ein weltweites Wirtschaftssystem zu integrieren, das er dominiert. Durch den IWF und andere interna- tionale Wirtschaftsinstitutionen fördert der Westen seine wirtschaftlichen Interessen und zwingt anderen Nationen die Wirtschaftspolitik auf, die er für richtig hält. Dabei würde der IWF in jeder Meinungsumfrage unter nichtwestlichen Völkern zwar die Unterstützung von Finanzministern und ein paar anderen Leuten finden, aber eine überwältigend ungünstige Beurteilung durch praktisch alle anderen Menschen erfahren, die Georgi Arbatovs Beschreibung der IWF-Bürokraten zustimmen würden: «Neobolschewisten, die es lieben, anderer Leute Geld zu expropriieren, undemokratische und fremde Regeln des wirtschaftlichen und politischen Verhaltens aufstellen und die wirtschaftliche Freiheit ersticken.»

Doppelmoral
Nichtwestler zögern nicht, auf die Unterschiede zwischen westlichen Prinzipien und westlicher Praxis zu verweisen. Heuchelei, Doppelmoral und ein allfälliges «aber nicht» sind der Preis universalistischer Anmassungen. Die Demokratie wird gelobt, aber nicht, wenn sie Fundamentalisten an die Macht bringt; die Nichtweitergabe von Kernwaffen wird für den Iran und den Irak gepredigt, aber nicht für Israel; freier Handel ist das Lebenselixier des Wirtschaftswachstums, aber nicht in der Landwirtschaft; die Frage nach den Menschenrechten wird China gestellt, aber nicht Saudi-Arabien; Aggressionen gegen erdöl- besitzende Kuwaitis werden massiv abgewehrt, aber nicht gegen nichtölbesitzende Bosnier. Doppel- moral in der Praxis ist der unvermeidliche Preis für universalistische Prinzipien.

Nachdem sie ihre politische Unabhängigkeit erreicht haben, wollen nichtwestliche Gesellschaften sich auch der wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Vormachtstellung des Westens entziehen. Ostasiatische Gesellschaften sind dabei, wirtschaftlich mit dem Westen gleichzuziehen. Asiatische und islamische Länder suchen nach Rezepten, um dem Westen militärisch Paroli zu bieten. Die universalen Bestrebungen der westlichen Zivilisation, die schwindende relative Macht des Westens und das zuneh- mende kulturelle Selbstbewusstsein anderer Kulturkreise garantieren generell schwierige Beziehungen zwischen dem Westen und dem Rest.

Gegensätze und Abhängigkeiten
Die Art dieser Beziehungen und der Grad ihrer potentiellen Feindseligkeit variieren jedoch beträchtlich und zerfallen in drei Kategorien. Die Beziehungen des Westens zu den Herausforderer-Kreisen Islam und China werden überwiegend gespannt und oft überaus feindselig sein. Seine Beziehungen zu Latein- amerika und Afrika ­ schwächeren Kulturkreisen, die in gewissem Umfang vom Westen abhängig sind ­ werden ein weit geringeres Konfliktniveau haben, vor allem jene zu Lateinamerika. Die Beziehungen des Westens zu Russland, Japan und Indien werden wahrscheinlich irgendwo in der Mitte liegen und sowohl Elemente der Kooperation wie Elemente des Konflikts enthalten, je nachdem, ob diese drei Kernstaaten gerade die Herausforderer-Kreise unterstützen oder die Partei des Westens ergreifen. Sie sind die «Pendler»-Kulturen zwischen dem Westen auf der einen Seite und dem islamischen bzw. sinischen Kulturkreis auf der anderen.

Die Rolle des Islam
Der Islam und China verkörpern grosse kulturelle Traditionen, die von denen des Westens sehr ver- schieden und ihnen in den Augen jener Kulturkreise unendlich überlegen sind. Macht und Selbstbe- wusstsein dieser beiden Kreise im Vergleich zum Westen nehmen zu, und die Wert- und Interessen- konflikte zwischen ihnen und dem Westen werden zahlreicher und heftiger. Da der Islam keinen Kern- staat hat, variieren seine Beziehungen zum Westen von Land zu Land erheblich. Seit den siebziger Jahren existiert jedoch eine recht konsequente antiwestliche Tendenz, die abzulesen ist am Aufstieg des Fundamentalismus, an Machtverschiebungen in muslimischen Ländern von eher prowestlichen zu eher antiwestlichen Regierungen, am Ausbrechen einer Art Krieg zwischen manchen islamischen Gruppen und dem Westen und am Brüchigwerden der aus dem Kalten Krieg stammenden Sicherheits- absprachen zwischen den USA und manchen muslimischen Staaten. Spezifische Konflikte verweisen auf die grundsätzliche Frage, welche Rolle diese Kulturen im Vergleich zum Westen in Zukunft bei der Gestaltung der Welt spielen werden. Werden die internationalen Institutionen, die Verteilung der Macht sowie Politik und Wirtschaft der Nationen im 21. Jahrhundert in erster Linie von westlichen Werten und Interessen geprägt sein oder vielmehr von den Werten und Interessen des Islam und Chinas?

Koalition gegen den Westen?
Die realistische Theorie der internationalen Beziehungen lautet, die Kernstaaten nichtwestlicher Zivili- sationen sollten koalieren, um der beherrschenden Macht des Westens Paroli zu bieten. In einigen Gegenden ist dies auch geschehen. Eine allgemeine antiwestliche Koalition jedoch dürfte in unmittel- barer Zukunft unwahrscheinlich sein. Die islamische und die sinische Kultur unterscheiden sich grund- legend voneinander, was Religion, Kultur, Gesellschaftsstrukturen, Traditionen, Politik und Auffassungen über ihre Lebensweise betrifft. Wahrscheinlich hat jede dieser beiden Kulturen an sich weniger mit der anderen gemein, als sie mit der westlichen gemein hat. Doch erzeugt in der Politik ein gemeinsamer Feind gemeinsame Interessen. Islamische und sinische Gesellschaften, die im Westen ihren Gegen- spieler sehen, haben Grund, miteinander gegen den Westen zu kooperieren, wie es sogar die Alliierten und Stalin gegen Hitler taten.

Diese Kooperation zeigt sich bei einer Vielzahl von Fragen; zu ihnen gehören Menschenrechte, Wirt- schaft und vor allem die Anstrengungen von Gesellschaften beider Zivilisationen, ihr militärisches Potential auszubauen, besonders Massenvernichtungswaffen und deren Trägersysteme, um so der militärischen Überlegenheiten des Westens bei konventionellen Waffen zu begegnen. Anfang der neunziger Jahre bestand eine ­ unterschiedlich intensive ­ konfuzianisch-islamische Schiene zwischen China und Nordkorea auf der einen Seite und Pakistan, Iran, Irak, Syrien, Libyen und Algerien auf der anderen, um in diesen Fragen dem Westen entgegentreten zu können.

Die Ziele des Westens
Die Streitfragen, die den Westen und diese anderen Gesellschaften spalten, werden international zunehmend wichtiger werden. Drei von ihnen betreffen die Bemühungen des Westens, erstens durch eine Politik der Nichtweitergabe bzw. der Verhinderung der Weitergabe von nuklearen, biologischen und chemischen Waffen («ABC-Waffen») und ihren Trägersystemen seine militärische Überlegenheit zu behaupten, zweitens durch das Dringen auf Achtung der westlich verstandenen Menschenrechte und Übernahme einer westlich geprägten Demokratie in anderen Gesellschaften westliche politische Werte und Institutionen zu fördern und drittens durch eine Beschränkung der Anzahl von Nichtwestlern, die als Einwanderer oder Flüchtlinge zugelassen werden, die kulturelle, soziale und ethnische Integrität westlicher Gesellschaften zu schützen. Auf allen drei Gebieten hatte der Westen und hat er weiterhin Schwierigkeiten, seine Interessen gegen die Interessen nichtwestlicher Gesellschaften zu verteidigen.

Samuel P. Huntington

aus: Samuel P. Huntington: «Der Kampf der Kulturen ­ Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahr- hundert». Kapitel 8: «Der Westen und der Rest: Interkulturelle Streitfragen». Europa-verlag, Wien 1996.