Nr. 10, 27. April 2001
Und willst Du´s nicht gratis, so brauch´ ich Gewalt
In der Überschrift dieses Artikels musste das Zitat aus Goethes «Erlkönig» ein wenig angepasst werden. Es wird sogleich und ausführlich erläutert warum: Ich bin ein treuer Leser von Zeitungen. Jedoch nur von solchen, die ich mag, wobei (jetzt folgt ein kurzer Werbespot, und gleich geht´s weiter) die «Schweizerzeit» an oberster Stelle steht (Werbespot beendet). Es gibt dann noch ein paar Tageszeitungen und einige Zeitschriften, die ich lese. Damit hat es sich, und ich komme zum Thema.
Militärflugzeuge sowie alles, was damit zusammenhängt, sind für mich Bücher mit sieben Siegeln. Meine harmlose militärische Karriere hat sich anno dazumal in der Küche einer Sanitätseinheit abge- spielt und nicht im Cockpit eines dieser Armeeflugzeuge, mit denen neuerdings gewisse hohe Offiziere so verflümert gerne in Europa herumsurren möchten. Dennoch wurde mir von unserer Luftwaffe, Abtei- lung Untergruppe Operationen, gratis und franko die Truppenzeitung «Vista» zugeschickt. Leider konnte ich damit so wenig anfangen wie ein Esel mit einem Computer. Der Zeitungsinhalt hat ungefähr im gleichen Ausmass mein Interesse geweckt, wie sich heutzutage ein schweizerischer Aussenminister für die Meinung des Volkes betreffend EU-Beitritt interessiert, das heisst wenig oder gar nicht. Also habe ich militärisch zack zack meine Empfängeradresse auf Seite 1 der Zeitung durchgestrichen und ohne Brief an die «Luftwaffe» zurückgeschickt zwecks Nichtmehrzustellungen der Gratiszeitung «Vista». Dabei bin ich noch ein wenig stolz gewesen, dass ich dem Bund ein paar Franken eingespart habe.
Doch potz Donner! Die haben mir in einem Schreiben dann aber mitgeteilt, wo der Bartli den Most holt. Ich bin dankbar, dass man nicht gleich die Bundesanwaltschaft eingeschaltet oder sogar die Carla del Ponte aus Den Haag zurückbeordert hat, um mich zu senkeln. Der Brief war nämlich nicht etwa von irgendeinem untergeordneten Bürogummi unterschrieben, sondern persönlich vom «Chef Führungs- organisation, Abteilung Operationen der Luftwaffe». Er bestätigte mir im ersten Satz, dass ich die Zeitung «Vista» scheinbar nicht mehr zu erhalten wünsche. Aber dann belehrte mich der hohe Beamte wortwörtlich wie folgt: «Obwohl Truppenzeitungen keine amtlichen oder gesetzlichen Orientierungsträger sind, hat der damalige Departementschef entschieden, dass an der "Zwangszustellung" festgehalten werden soll...». Ich würde deshalb die Truppenzeitung «Vista» weiterhin in meinem Briefkasten finden...
Selbstverständlich habe ich nach der Lektüre dieses Schreibens sofort Achtungsstellung angenommen vor jenem «damaligen Departementschef». Ja, das war noch ein Bundesrat, der wollte mit seiner «Zwangszustellung» den Gaul nicht nur zum Brunnen führen, sondern ihm auch das Saufen befehlen. Weil wir alles in allem in einem unkomplizierten Land leben, wurde der Irrtum per Telefongespräch aufgeklärt. Der Herr Organisationschef war äusserst verständnisvoll. Er habe gemeint, es handle sich bei mir um einen «Eingeteilten». Man werde die weitere Zustellung jetzt sistieren. Von dieser Abma- chung sagen wir dem «damaligen Departementschef» natürlich nichts, sonst landen wir beide in der Kiste.
Wenn ich bloss wüsste, welcher Bundesrat es war, der diese «Zwangszustellung» einer Zeitung verfügt hat, die man nicht liest. Als ehemaliger Küchenchef würde ich ihm gerne so ungefähr alle zwei Monate eine Gamelle voll Pot-au-feu und ein Päckli Militärbiskuits zwangszustellen...
Ernst Tschanz