Nr. 10, 14. April 2000
Sexskandale beim amerikanischen Militär
Es war nicht Liebe
Von Richard Anderegg, Washington
Die neuesten Sexskandale, welche in den USA die Gemüter erregen, finden nicht im Regie- rungszimmer des Präsidenten, sondern bei den Streitkräften statt.
Zum erotischen Höhepunkt soll es vor etwas mehr als drei Jahren gekommen sein - Ende 1996. Der militärische Tiefpunkt dagegen fand erst jetzt statt. Generalleutnant Claudia J. Kennedy, 52, ihres Zeichens Stellvertretende Stabschefin für das Nachrichtenwesen des Landheers (Army), mit drei Ster- nen (das entspricht im Schweizer Gradwesen einem Korpskommandanten) die erste Frau der Army im Dreisternerang und eine von nur gerade drei weiblichen Generalleutnants in den US-Streitkräften, hat Ende des letzten Jahres gegen einen Zweisternegeneral Klage wegen sexueller Belästigung (sexual harassment) eingereicht und eine ziemliche, Insider meinen sogar eine fürchterliche Verlegenheit in den obersten Rängen verursacht.
Einmal mehr Sex-Trouble
Die amerikanische Army ist besorgt
um ihr Ansehen in der Öffentlichkeit. Sie hat Rekrutierungsschwie- rigkeiten.
Sold und insbesondere Zulagen für verheiratete Armeeangehörige mussten vor
kurzem dras- tisch verbessert werden. Die unter der Administration Clinton
vorangetriebene Rekrutierung von Frauen gibt regelmässig Anlass zu Skandalen,
die - wen erstaunt es - alle ausnahmslos mit Sex zu tun haben.
Für die Grundausbildung von Rekruten sind bei der US-Army routinemässig Berufsunteroffiziere (Sergeants, was bei uns einem Feldweibel entspricht) zuständig. Die Kontrolle durch Offiziere ist äusserst weitmaschig. Rekruten sehen ihre Offiziere regelmässig erst, wenn sie so weit ausgebildet sind, dass sie für taktische Übungen im Kompanieverband und darüber verwendet werden können. Die fast ausnahmslos männlichen Sergeants sind monatelang Könige im Leben der Rekruten - und Rekrutinnen. Dabei ist der Willkür Tür und Tor geöffnet. Immer wieder kommt es vor, dass ein Berufs- unteroffizier seine Macht missbraucht und gegen «Belohnung» einen Zögling weniger streng behandelt.
Auf Offiziersstufe ist es in allen Dienstzweigen kaum besser. Der sogenannte Tailhook-Skandal der Marineflieger ist in den USA in bester Erinnerung. Gerade letztes Jahr wurde ein General degradiert und ein anderer sogar entlassen, weil sie ihre Machtstellung dazu missbraucht hatten, um mit Ehefrauen ihrer Untergebenen ein sexuelles Verhältnis aufzunehmen.
Frau in moderner Technologie
General Claudia Kennedy dagegen war
eine Vorzeigefrau, ein Paradebeispiel für die Karrieremöglich- keiten
der Frau in der modernen amerikanischen Armee. Sie ist unverheiratet, blond,
kühl und hoch- qualifiziert als Spezialistin für das, was man gemeinhin als
den «Krieg von morgen» bezeichnet: Infor- mation und Elektronik sowie Störung
und Vernichtung der Informationssysteme des Gegners. Ein Teilnehmer erinnert
sich an einen ihrer Kurse an der höheren Führungsschule in Fort Leavenworth:
Der weibliche General referierte vor Offizieren der Panzerwaffe und der Artillerie und schilderte ihnen in eindrücklichen Worten das Bild einer Zukunft, in der es, wenn man sich nicht vorsehe, ein böses Erwachen gebe, eine Zukunft, in welcher die elektronische Kriegsführung hochexplosive Granaten und präzise Lenkwaffen zu wirkungslosen Metallstücken verwandeln könne. Dieser neue Krieg werde Frauen mit entsprechenden technischen Kenntnissen den Weg in die obersten Kommandostellen öffnen. Kennedy war während langer Jahre fest davon überzeugt, dass sie dereinst zu diesen Frauen gehören werde.
Vor einiger Zeit jedoch beschloss Frau Kennedy, im Juni 2000 in Pension zu gehen. Dieser Entscheid war das Ergebnis der Einsicht, dass sie mit grösster Wahrscheinlichkeit doch keine Chance mehr auf einen der wenigen höchsten militärischen Posten in einem der strategischen Kommandos im Pentagon oder im Felde hatte. Und da erfuhr die Generalin, dass einer ihrer früheren Arbeitskollegen, der Zwei- sternmann Generalmajor Larry G. Smith, derjenige, der seinerzeit in ihrem Büro allzeit bereite Hände gehabt hatte, zum stellvertretenden Generalinspektor des Landheeres vorgesehen war.
Damals, als sie das Objekt der Begierde des besagten früheren Arbeitskollegen war, hatte sich Claudia Kennedy zwar beschwert, aber nur beim nächsten gemeinsamen Vorgesetzten, der die Sache möglichst nicht aufbauschen wollte und dem es gelang, die Angelegenheit ohne Protokoll, informell und einvernehmlich zu erledigen. Mit diesem Vorgehen erklärte sich damals auch die Belästigte einverstan- den. Jetzt jedoch war dieser sexuelle Unhold dazu ausersehen, im Generalinspektorat unter anderem genau solche Disziplinarfälle zu untersuchen, von denen er selber einen begangen hatte. Und sie, das Opfer, würde im Juni in Pension gehen. Das war dann doch zuviel. So kam es, dass Frau Kennedy die Verfehlung zum Gegenstand einer Klage beim neuen Vorgesetzten Smiths, beim Generalinspektor der Armee machte. Und irgendwie gelangte das Ganze in die Medien. Damit war der Skandal perfekt.
Keine weibliche Rache
Inzwischen ist der grabschende Generalmajor
auf den Posten eines Sonderassistenten in die Verwal- tungsdirektion des Armeestabs
abgeschoben worden, wo er schmollend auf den Ausgang der Untersu- chung wartet.
Den Anliegen der Frau in den Streitkräften dürfte Claudia Kennedy mit ihrem
Vorgehen allerdings einen Bärendienst erwiesen haben. So sehr es männiglich
begrüsst, dass die Frage der sexuellen Belästigung von Frauen öffentlich diskutiert
wird, so übereinstimmend ist die Empörung darüber, dass die Generalin mit
der Einreichung ihrer Klage drei Jahre lang zugewartet hat. Wer allerdings
von «typischer weiblicher Rache» spricht, verfällt in ein chauvinistisches
Rollendenken. Die Kritiker Frau Kennedys beteuern denn auch bei jeder Gelegenheit,
dass man selbstverständlich NICHT gegen Frauen beim Militär sei, das könne
man doch heute nicht sein...
Richard Anderegg