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WHO-Bericht: Skeptisch gegenüber
Heroin-Abgabe
Öffentlichkeit irregeführt
Vor den - auf jede kritische
Nachprüfung weitgehend verzichtenden -
Schweizer Medien behauptete der Direktor des Bundesamtes für
Gesundheitswesen, Prof. Dr. Thomas Zeltner, die Weltgesundheitsorganisation
(WHO) beurteile die in der Schweiz praktizierte staatliche Abgabe von
Heroin an Süchtige überwiegend positiv.
Man muss die ausländische Presse, die
den WHO-Bericht zur Drogenabgabe
ebenfalls mit Spannung erwartet hatte, die tendenziöse Beschönigung durch
Prof. Zeltner in der Berichterstattung indessen ausklammerte, konsultieren,
damit man die Wahrheit über den Inhalt dieses WHO-Berichts erfährt.
Auszüge aus einem am 16. April 1999 in der «Frankfurter Allgemeinen
Zeitung» (FAZ) erschienenen ausführlichen Artikel:
Projekt gescheitert
Das Schweizer «Projekt zur ärztlichen Verschreibung von Betäubungsmitteln»,
besser bekannt als Heroin-Versuch, ist aus wissenschaftlicher Sicht
gescheitert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Gruppe internationaler
Fachleute, die im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die
Berichte der an dem Versuch beteiligten Schweizer Wissenschaftler
ausgewertet hat. Die zwölf Personen umfassende Gruppe, der aus Deutschland
der Gießener Kriminologe Arthur Kreuzer und der Berliner Psychologe Dieter
Kleiber angehörten, bestreiten nicht, daß sich etwa der Gesundheitszustand
und die Lebensumstände eines großen Teils der mehr als tausend
Rauschgiftabhängigen während der Teilnahme an dem Heroin-Versuch
signifikant verbessert hätten. In ihrem fünfzehn Seiten umfassenden
Auswertungsbericht, der dieser Zeitung vorliegt, kommen sie jedoch zu dem
Ergebnis, die Schweizer Wissenschaftler seien den Beweis dafür schuldig
geblieben, daß die Besserungen die direkte Folge der ärztlichen
Verschreibung von Heroin als solcher waren. Statt dessen äußern sie die
Einschätzung, ein Gutteil der positiven Ergebnisse sei nicht auf die
Heroin-Vergabe als solche, sondern auf die intensive psycho-soziale
Betreuung der Heroin-Patienten zurückzuführen.
Methodisch fragwürdig
«Von einem strengen methodischen Standpunkt aus gesehen, war es nicht
möglich, wissenschaftlich aussagefähige Ergebnisse zu erhalten, die auf die
Fragestellung der Untersuchung Antwort geben können, ob nämlich die
Verschreibung von Heroin die Ursache für Verbesserungen des
Gesundheitszustandes und der Lebensumstände der Patienten ist», lautet das
harsche Urteil über die in der Öffentlichkeit zumeist mit viel Sympathie
aufgenommenen Untersuchungsergebnisse. Vielmehr hält die international
besetzte Wissenschaftlergruppe «fortdauernde Skepsis» gegenüber den
vermeintlichen Vorteilen einer heroingestützten Therapie für angebracht.
Die Ursache der vernichtenden wissenschaftlichen Bewertung des Schweizer
Heroin-Versuchs liegt den internationalen Fachleuten zufolge in der
Versuchsanordnung selbst. Anstatt den Heroin-Versuch als eine kontrollierte
klinische Studie anzulegen und Patientengruppen für Doppel-Blind-Studien,
zufallszugeordnete (randomisierte) Blindstudien und gezielte Indikationen
zu bilden, hätten die Schweizer Forscher die entscheidenden Fragestellungen
des Heroin-Versuchs nur auf der Basis von Vorher-Nachher-Bewertungen
beantwortet. Überdies beruhten die in den Forschungsberichten dargestellten
Ergebnisse zum Teil auf Selbstauskünften der Teilnehmer, die nicht
überprüft worden seien oder überprüft werden konnten.
So zieht die Wissenschaftlergruppe zunächst den vor allem in der
Öffentlichkeit hergestellten Zusammenhang zwischen der Heroin-Verschreibung
und der Verbesserung des Gesundheitszustandes vieler Teilnehmer des
Programms in Frage. Für sich genommen seien die Verbesserungen
beeindruckend, heißt es in dem Bericht, doch könne mangels einer
Kontrollgruppe nicht ermessen werden, ob diese der Verschreibung von
Heroin, unterstützenden Maßnahmen oder einer Verbindung von beidem
zuzuschreiben seien: So könne es durchaus sein, daß vergleichbare
Verbesserungen auch dann erzielt würden, wenn andere Therapien angewandt
würden, die ohne Heroin auskämen, aber hinsichtlich der psycho-sozialen
Betreuung den gleichen Standard wie der Heroin-Versuch hätten. Unstrittig
ist indes auch, daß sich die Lebensumstände, vor allem die Wohnsituation
und die finanzielle Situation, vieler Teilnehmer des Heroin-Versuchs
während des Untersuchungszeitraumes verbessert hätten. Doch auch hier, so
die Wissenschaftler, ist eine eindeutige Zuschreibung im Sinne einer
kausalen Verknüpfung von Ursache und Wirkung mangels einer Kontrollgruppe
nicht möglich.
«Haltequote»
Als wiederum nicht nachvollziehbar beurteilt der Bericht der WHO-Fachleute
einen signifikanten Rückgang des Beigebrauchs anderer Rauschgifte während
der Teilnahme am Heroin-Versuch. Aus der Dokumentation der Schweizer
Wissenschaftler gehe nicht hervor, ob diesbezügliche Selbstaussagen der
Patienten durch Urintests überprüft worden seien. Beeindruckt wiederum ist
die internationale Wissenschaftlergruppe von der hohen Zahl der Patienten,
die den Modellversuch nicht verlassen hätten. Aber auch die hohe
«Haltequote» sagt in ihren Augen noch nichts aus über die Notwendigkeit der
Heroin-Vergabe: Zwar seien nicht einmal halb so viele Patienten aus dem
Programm ausgestiegen wie bei Methadon-Programmen oder stationären
Therapien in der Schweiz, doch sei eine ähnlich hohe Haltequote in anderen
Ländern bei anspruchsvollen Methadon-Programmen dokumentiert.
Kosten
Es bleibt das Kosten-Argument. Hatten Schweizer Wissenschaftler zur Freude
vieler Politiker und eines großen Teils der Öffentlichkeit immer wieder
darauf hingewiesen, daß die Behandlung von Rauschgiftabhängigen mit Heroin
weitaus billiger sei, als sie ihrem oft elenden Schicksal zu überlassen, so
müssen sie sich auch in diesem Punkt Kritik gefallen lassen. Denn es sei
keine Aussage darüber getroffen worden, was andere Therapieformen, etwa die
Substitutionsbehandlung mit der Ersatzdroge Methadon, kosteten und welche
Auswirkungen sie mit Blick auf gesellschaftlich wünschbare Therapieerfolge
hätten. Es wäre daher fatal, wenn sich der Schweizer Heroin-Versuch
dahingehend auswirken würde, daß andere, bewährte Formen der Therapie
intravenös Rauschgiftabhängiger in den Schatten einer vermeintlich
erfolgreichen neuen gestellt würden, geben die WHO-Wissenschaftler zu
bedenken. Sie haben vielmehr den Eindruck gewonnen, daß in der Schweiz mehr
getan werden müßte, um den Zugang zu bestehenden Therapieprogrammen zu
erleichtern und diese zu verbessern.
(Daniel Deckers in der FAZ, 16. 4. 99;
Auszüge)
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vom 30. April 1999** |