Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer

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Am 30. April 1999 zum Thema: Durch Grossmächte plötzlich wieder
gefragte Neutralität der Schweiz
Amateure
Derweil der scheidende, für die Aussenpolitik zuständige Bundesrat Flavio
Cotti die Zügel schleifen liess und eigentlich nur noch an der zum
letztenmal internationalen Glanz suchenden Inszenierung seines Abgangs
interessiert war, suchten andere das von ihm in heiklem Moment
zurückgelassene Vakuum zu füllen: Die Bundespräsidentin lancierte ihre
medial ins gewünschte Licht
gerückte «spontane» Flüchtlings-Abholaktion, während das für die Armee
zuständige Departement im Kosovo-Krieg die Chance erblickte, endlich seine
seit langem gehegte Sehnsucht nach bewaffneten Schweizer Armee-Einsätzen im
Ausland stillen zu können - vorbei am geltenden Gesetz, vorbei am
ungeliebten Blauhelm-Entscheid des Souveräns, vorbei an jener Institution,
die aus jahrelanger Erfahrung in Kosovo und Albanien weiss, wie der
humanitäre Auftrag der Schweiz in diesen Notgebieten wirkungsvoll zu
organisieren ist.
Es ist richtig und notwendig, dass die Schweiz mit grossem Einsatz die
dortige Flüchtlingsnot zu lindern hilft. Wir besitzen dafür ein
hervorragend qualifiziertes Organ: Das Schweizerische
Katastrophenhilfekorps. Überfällig ist, dass Bern die Profilierungsversuche
einzelner im Notgebiet endlich unterbindet. Die verantwortliche Leitung des
ganzen Einsatzes muss endlich dem Katastrophenhilfekorps übertragen werden.
Es besitzt, seit Jahren bereits in den dortigen Notgebieten tätig, die
dafür erforderliche Kompetenz und Erfahrung. Es wird nicht irgendwelche
«Banditen» beschwören - als Vorwand, die Bewaffnung der Helfer zu fordern.
Es trennt humanitären Einsatz (bei welchem die Schweiz viel anzubieten hat)
sorgfältig von militärischem Abenteurertum (von dem die Schweiz strikte die
Finger zu lassen hat). Seine Mitarbeiter leisten ihre Arbeit - trotz der
vom VBS beschworenen «Banditen» im Einsatzgebiet - seit Jahren unbewaffnet.
Werden für Transporte Helikopter benötigt, sollen solche durch die Schweiz
gestellt, aber dem Katastrophenhilfekorps unterstellt werden! Jenes
Grossraumflugzeug, nach welchem einige Berner Verwaltungsgeneräle seit
einem Kurz-Abstecher ins Krisengebiet den dringenden Wunsch verspüren,
dürfte dabei ausser Abschied und Traktanden fallen: Der Nachschub für die
zu versorgenden Hunderttausenden von Flüchtlingen kann sich angesichts des
Umfangs des benötigten Materials nur auf dem See- und Landweg organisieren
lassen - für Prestige-Vorhaben bleibt weder Zeit noch Geld.
Schweizer Neutralität - muss der Bundesrat augenreibend zur Kenntnis nehmen
- ist selbst von seiten der Grossmächte plötzlich wieder gefragt.
Profilierungssüchtige aussenpolitische Amateure können da bloss schaden.
Erfahrung bei der Leistung unparteiischer Hilfe an Notleidende, unabhängig
von Kriegführenden organisiert, zählt allein.
Schlimm genug, dass es zwei Bundesräte nicht lassen konnten, sich
persönlich im vermeintlichen Glanz des Nato-Jubiläums zu sonnen. Dabei wäre
Neutralität, eigenständige, allein an der Notlinderung orientierte
humanitäre Politik gefragt. Die Federführung ist endlich jenen zu
überlassen, die mit diesem Auftrag umzugehen wissen.

Ulrich Schlüer

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