Nr. 9, 30. April 2010

Nordkorea 2010
Huldigung und Hunger

Reiseeindrücke von Nationalrat Ulrich Schlüer (1.Teil)

Wer Nordkorea betritt, taucht ein in eine andere Welt. In eine Welt, die mit der Moderne nichts zu tun hat. Zentral gelenkte Mangelwirtschaft, rigorose Kontrolle der Bevölkerung, alt-kommunistischer Nationalismus mit unablässig geforderter Huldigung an die Adresse der Führer dominieren.

Nordkorea hat kürzlich eine Währungsreform mit dem Ziel massiver Vermögensverschiebung zugunsten des Staats (der private Vermögensbildung ohnehin untersagt) durchgeführt. Dass die angestrebte Kaufkraftsverminderung zu Lasten der Bevölkerung gründlich missglückt ist, davon zeugt die inzwischen erfolgte Hinrichtung des für die Reform Verantwortlichen. Nordkorea ist wirtschaftlich am Boden.

Ankunft

Es beginnt bereits in Beijing (Peking). Der Nordkorea-Reisende wird im architektonisch eindrücklichen Grossflughafen auf einen Nebenraum verwiesen. Das Einchecken erfolgt ohne Flugbillet: Wer aufgrund vorherigen Reisegesuchs auf der Passagierliste steht und seinen Pass präsentiert, wird mitgenommen. Sonst niemand.

Chaos herrscht: Fünf Uniformierte in unklarer Hierarchie kümmern sich wortreich nach nicht nachvollziehbarem Arbeitsplan um die Gepäckstücke. Schliesslich darf man zum Flugzeug, einer Antiquität: Wir fliegen mit einer Iljuschin aus den Anfängen des Jet-Zeitalters. Sie hat gegen sechzig Jahre auf dem Buckel, gilt aber als solide. Allerdings hebt sie sich erst nach sehr langer Rollstrecke schwerfällig und mühsam vom Boden ab. Nach zweistündigem Flug über braunem, kargem Land erfährt man nach der Landung den Grund: Die Maschine war hoffnungslos überladen. Dutzende umfangreicher, unförmiger Pakete liessen Nordkoreaner damit transportieren.

Auslad und Gepäckauslieferung verlaufen wieder völlig chaotisch. Zwei geschlagene Stunden Wartezeit gestatten, Einzelheiten auf den unförmigen Mammut-Paketen zu entziffern. Sie tragen einen seltsamen Absender: Namibia! Schwarzhandelsgut? Nichts Genaues ist zu erfahren. Aber die Aufmachung der «Händler» lassen dazu Vermutungen aufkommen. Jeder Kontaktversuch mit den «Importeuren» wird indessen unverzüglich unterbunden.

Besucher aus dem Westen haben ihre Handys abzugeben. Sie werden aufbewahrt in einem Plasticsack im Büro des Zollpersonals. Bei der Ausreise werden sie anstandslos zurückerstattet.

Huldigung

Die Strassen Pyöngyangs sind zwar breit. Aber auch fast leer. Vom Flughafen geht es fast direkt zur monumentalen Goldenen Statue des «grossen, leider von uns gegangenen Präsidenten Kim Il-Sung, der mit aller Kraft für die Wiedervereinigung Koreas gekämpft hat». So lautet die dutzendfach wiederholte Formel zur 1994 verstorbenen, weiterhin absoluten Autorität im Lande. Die huldigende Verbeugung vor seiner Goldenen Statue auf einem zentralen gelegenen Hügel Pyöngyangs ist für Besucher obligatorisch. Der jetzt regierende Sohn, der «zielstrebig auf dem Weg des Präsidenten weiterschreitende weise Führer Kim Jong-Il», steht erst an zweiter Stelle. Huldigungen vor dem «grossen Präsidenten» und dem «weisen Führer» sind aber alltäglich.

Auf der fünftägigen Reise begleitet uns konsequent ein Video-Filmer. Unser Besuch soll als Bilddokument verewigt werden. Diejenigen Teilnehmer der Reisegruppe, die Huldigungs-Zeremonien ohne besondere Gesten aus dem Hintergrund bloss verfolgen, erscheinen nie im Bild.

Anlässlich der ersten Denkmal-Huldigung fallen einige kleinere Jugendgruppen auf, die sich besonders enthusiastisch verhalten. Wer ihren Abgang beobachtet, stellt indes fest: Nach erfüllter Huldigung umschreiten sie unsere Gruppe in grossem Abstand und teils verdeckt. Und treten dann zur nächsten Huldigungsrunde an. So, wie in der Oper der Verdi-Triumphzug aus Aida auf der Bühne inszeniert zu werden pflegt.

Immer unter Kontrolle

Bewegungsfreiheit gibt es für Besucher in Nordkorea keine. Man wird ständig «betreut». Nie wird spontane Kontaktaufnahme mit zufällig anwesender Bevölkerung zugelassen. Die «Tourismus-Verantwortlichen», die uns in diesem Land ohne Tourismus ständig begeleiten, sind Kontrollfunktionäre. Dazu drei Erlebnisse:

An einem einzigen Abend erklärte sich die kompetente, sehr freundliche, gut Deutsch sprechende Reiseführerin bereit, im sonst leeren Hotelrestaurant mit uns noch ein Bier zu trinken. Sofort nehmen zwei «nordkoreanische Hotelgäste» am Nebentisch Platz. Nicht die fremdländisch aussehenden Touristen wecken deren Interesse. Um so mehr die Gesprächsthemen.

Wer am Abend spontan Lust verspürt, sich vor dem Hotel die Füsse etwas zu vertreten, kann keine zehn Schritte tun, bis sich ihm ein «Stadtführer» höflich aber bestimmt als Begleiter beigesellt.

Anlässlich unseres «Ausflugs ins Gebirge» fand ein Picknick an einem Bergfluss statt, vorbereitet und serviert von drei jungen Nordkoreanerinnen. Nach dem Essen bestiegen sie mit zwei Begleitern unseren Reisebus. Wir sollten sie zu ihrem Restaurant zurückbringen. Als lustig kicherndes Fotosujet nehmen sie Platz auf der hintersten Sitzreihe. Bei einem Zwischenhalt versuchten die zwei aus Korea stammenden, mit Schweizern aus unserer Gruppe verheirateten Reiseteilnehmerinnen mit den jungen Nordkoreanerinnen ins Gespräch zu kommen. Deren zwei bis dahin vor sich hin dösende Begleiter wurden unversehens hellwach: Kategorisch komplimentierten sie die sofort Folge leistenden nordkoreanischen Mädchen aus dem Bus. «Umsorgt» von den Begleitern hatten sie in angemessener Entfernung isoliert zu warten bis zur Abfahrt des Busses. Erst dann durften sie diesen wieder besteigen. Jegliche Kontaktnahme mit der Gruppe wurde aber rigoros unterbunden.

Auf der Fahrt nach Panmunjon erlitt unser Bus eine Panne. Die Zwangspause dauerte eine knappe Stunde. Unweit des Busses reparierte ein Soldat ein ebenfalls von einer Panne betroffenes Militärfahrzeug von beträchtlichem Alter. In Filmen zum Zweiten Weltkrieg sieht man gleichartige Fahrzeuge, wenn etwa die Rote Armee ins Bild kommt. Interessierte Mitglieder unserer Reisegruppe näherten sich dem Armeefahrzeug. Da tauchte eine schwarze Limousine auf, die, ohne dass wir dies bemerkt hätten, offensichtlich unseren Bus zu begleiten hatte. Der Soldat musste Motorhaube und alles andere sofort schliessen und sich auf Geheiss etwa zweihundert Meter entfernen. Wenig später kam ein Traktor und schleppte das Fahrzeug dorthin ab, wo der Soldat wartete. Weitere Kontaktaufnahme war verunmöglicht.

Das Fotografieren ist – mit Ausnahme von Armee-Bildern – grundsätzlich gestattet. Als sich unsere Gruppe auf dem Rückflug nach Beijing befand, erschien in der Passagierkabine plötzlich ein dunkelblau Uniformierter mit Goldlaub-Kragen. Er musterte Reihe um Reihe, und hiess plötzlich Nationalrat Christian Wasserfallen, ihm zu folgen. Er hatte sich in ein besonderes Flugzeugabteil zu begeben, wo ihn Kontrollbeamte erwarteten, denen er seine sämtlichen Fotos ab Display vorzuzeigen hatte. Begründung: Er habe vom Flughafengebäude aus verbotenerweise das altertümliche Flugzeug fotografiert. Er war keineswegs der Einzige, dem solche «Übertretung» vorgeworfen werden konnte. Aber nur er wurde kontrolliert. Zu löschen hatte er nichts.

Panmunjon

Die Fahrt von Pyöngyang nach Panmunjon (wo bekanntlich auch Schweizer Militärs den Waffenstillstand zwischen Nordkorea und Südkorea überwachen) dauerte – die Wartefrist für die erwähnte Panne nicht mitgerechnet – rund zwei Stunden. Die Autobahn ist praktisch fahrzeugfrei, allerdings in miserablem Zustand, der höhere Geschwindigkeit nicht zulässt.

In Panmunjon herrscht militärische Ordnung: Auch Besuchergruppen haben sich in Einerkolonne, Zweierkolonne, gelegentlich Dreierkolonne fortzubewegen. Ein nordkoreanischer Offizier kommentiert auf Englisch – mit unüberhörbarer Frontstellung gegen die USA; Südkorea wird hingegen direkt nie erwähnt. Die von der nordkoreanischen Armee verwalteten Gebäude in der Nordhälfte der vier Kilometer breiten demilitarisierten Zone werden reichlich für Propaganda genutzt, wie man sie früher auch in der DDR sehen konnte.

Auffällig: An der Grenze selbst zeigt sich von der südlichen Seite her kein Uniformierter. Man ist, erfahren wir später, im Süden demonstrativ bemüht, nichts Provokatives zu unternehmen, wenn die nordkoreanische Armee Besucher an die Grenze führt. Diese ist durch ein etwa zwanzig Zentimeter hohes Mäuerchen, das keinesfalls überschritten werden darf, markiert. Lediglich in der Baracke, wo die Sitzungen der Waffenstillstands-Überwachungskomission stattfinden, ist Grenzüberschreitung um wenige Meter faktisch möglich.

Auch anlässlich des Besuchs an die Waffenstillstandslinie begleitet uns der Videofilmer auf Schritt und Tritt. Gegen die Bilder, die er festhielt (jeder Teilnehmer erhielt am Schluss eine DVD) ist nichts einzuwenden. Wohl aber gegen den dazu montierten Kommentar: Da würden am Frieden interessierte Gäste Nordkoreas eine Stätte besuchen, wo amerikanischer Imperialismus den Frieden verhindere…

Feinde

Bösewichte sind aus Sicht der Nordkoreaner – mindestens zehnmal täglich wiederholt – die Amerikaner, die mit Bomben im Korea Krieg (1950-1953) das Land zerstört und seither die Wiedervereinigung böswillig verhindert hätten. Auffällig ist: Ein negatives Wort zu Südkorea fällt nie. Wurde die Regierung in Seoul von Nordkorea aus früher notorisch als «puppet-regime» diffamiert, fiel dieser Ausdruck der Schweizer Gruppe gegenüber nie. Südkorea wurde allerdings auch nie positiv erwähnt.

Der Untergang des südkoreanischen Kriegsschiffs am 26. März 2010 in einer Zone im Chinesischen Meer, die nach der von Nordkorea nie anerkannten, durch die Uno voreingenommene Grenzziehung ausserhalb von Nordkorea liegt, fand in Nordkorea nie Erwähnung. In Südkorea war diese Tragödie, die über vierzig Seeleuten das Leben gekostet hat, verständlicherweise tagelang Hauptthema.

Fussgänger

Die Bus-Rückreise von Panmunjon nach Pyöngyang verhalf wieder zu Eindrücken zur ausgedörrten, weitgehend baumlosen Landschaft.

Die Abholzung ganz Koreas erfolgte während der japanischen Besetzung des Landes in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Im hochentwickelten Südkorea sind davon keine Spuren mehr zu sehen; was dort nicht überbaut oder landwirtschaftlich genutzt ist, wurde aufgeforstet. In Nordkorea fand kaum wieder Aufforstung statt. Deshalb wirkt das Land so öde, verdorrt und leer.

Aber überall sind Fussgänger unterwegs. Selbstverständlich ab früher Morgenstunde in der Stadt. Da sind Zehntausende stundenlang auf dem Marsch vom Wohn- zum Arbeitsort und zurück. Auch auf der Landschaft sieht man zu jeder Tageszeit sehr viele Fussgänger. Und man fragt sich, wohin es diese denn alle zieht. Man erhält als Beobachter keinen Aufschluss über die beeindruckend vielfältige Marsch-Aktivität. Aber später erfährt man von Kennern: Tausende würden mit Aufträgen, die irgendwo in weiter Distanz zu erledigen seien, auf den Marsch geschickt. Und so marschieren sie eben. Unzählige Kilometer hin und unzählige Kilometer zurück. Ob die Aufträge Sinn machen – danach frage niemand. Aber die Leute seien beschäftigt…

Erheiternd ist die Verkehrsregelung zum fast nicht existierenden Verkehr in Pyöngyang. Die (existierenden) Verkehrsampeln sind alle ausser Gebrauch: Energiesparmassnahme! Dafür stehen auf den Kreuzungen auf überdachten Podien hellblau gekleidete junge Verkehrsreglerinnen mit rot/weissem Stab. Mit hölzernen, eingedrillten Bewegungen inszenieren sie – unwillkürlich an die Olympia von E.T.H Hofmann erinnernd – Marionetten gleich eine Art Verkehrsballett. Dabei gilt: Wer von der Seite auf die sich unablässig zackig bewegenden Figuren zufährt, darf passieren. Wer sich frontal – von hinten oder von vorne – nähert, hat anzuhalten.

Wo unser Bus verkehrte, übten solche Verkehrsmarionetten ihre Arbeit auch nachts bei völliger Dunkelheit aus. Nur ihr Verkehrsstab leuchtet dann. Bedauert wurden die zackigen Damen von den Frauen in unserer Reisegruppe: Das Wetter in Pyöngyang war zwar gut, es wehte indessen unablässig ein scharfer, bissig-kalter Wind. Für die blauen Marionetten in ihren dünnen Strümpfen war der Verkehrsregelungs-Dienst zweifellos kein Honiglecken.

Ausflug in die Berge

Ein Erlebnis besonderer Art bescherte ein als Naturerlebnis angekündigter «Ausflug in die Berge». Dabei sollte auch eine «International Friendship Exhibition» besucht werden. Die dort vereinbarte Führung nahm die Besucher dann allerdings fast vier Stunden in Beschlag. Die «Ausstellung» fand statt in zwei mächtigen, tief ins Bergmassiv vorgetriebenen Gebäudekomplexen von monumentalbarocker Bauweise. Ausgestellt wurde die grosse Fülle der dem «grossen Präsidenten» Kim Il-Sung einerseits, dem «weisen Führer» Kim Jong-Il andererseits im Laufe ihrer Präsidialtätigkeit aus aller Welt überreichten Geschenke. Diese Geschenke dokumentieren sozusagen die Freundschaft, die aus der gesamten Welt Nordkorea entgegengebracht werde. Man sah alles: Wertvolles wie protzigen Kitsch. Kim Jong-Il scheint vor allem Gefallen an elektronischen Geräten, ausgeklügelten Fernsehapparaturen aus Südkorea zu finden. Auch die Staatskarrossen zumeist sowjetischer Herkunft aus vergangenen Jahrzehnten warben um Aufmerksamkeit.

Der «Ausflug in die Berge» fand, abgesehen vom bereits erwähnten Picknick und einem kurzen Tempelbesuch, vor allem unterirdisch statt, wobei aufwendig erstellte und ausgeschmückte Huldigungshallen in den monumentalen Festungsgebäuden nicht fehlen durften. Ins Groteske kippte die Freundschafts-Zurschaustellung, als man der Zählwerke zur Registrierung aller erhaltenen Geschenke gewahr wurde: Der «grosse Präsident», obwohl seit Jahren tot, wird noch immer beschenkt. Das Zählwerk steht derzeit bei rund 259'000 erhaltenen Geschenken. Der derzeit als «weiser Führer» regierende Kim Jong-Il hat es indessen erst auf rund 50'000 Geschenke gebracht.

Hunger

Bei Nacht ist es in Pyöngyang stockdunkel. Nur längs der Hauptachse brennen auf einer Länge von rund einem Kilometer einige Strassenlaternen. Sonst nirgends. In den Wohnhäusern – meist vielstöckige Wohnsilos – ist spätestens ab 22.00 Uhr kein Fenster mehr erhellt. Es muss Energie gespart werden. Nordkorea soll auch aus der Luft bei Nacht als schwarzer Fleck wahrgenommen werden – in einer fast aus allen Nähten platzenden Aufbruchsregion der Welt.

Die Wohnhäuser von Pyöngyang sehen äusserlich gut aus. Allerdings reicht die Energieversorgung nur für ganz wenige Bauten aus. Der Wasserdruck gestatte ausreichende Wasserversorgung höchstens bis zum vierten Stock. Wer höher wohnt – die überwiegende Mehrheit – muss Wasser am Brunnen beziehen – und die beim Hauseingang platzierten Kollektiv-Toiletten benutzen. Zeugnisse, wie bedrohlich nahe dieses Land am wirtschaftlichen Abgrund steht.

Längs der Haupt-Boulevards von Pyöngjang reiht sich Geschäft an Restaurant, Restaurant an Geschäft. Schau- und andere Grossfenster lassen selbst aus dem Bus den Blick ins wohlmöblierte und mit Regalen ausgestattete Innere zu: In keinem Restaurant wird je einem Gast serviert, in keinem Geschäft je ein Kunde beraten oder bedient. Die Restaurants und Geschäfte sind lediglich Attrappen. Nur die Fassade ist echt. Wirtschaftliche Tätigkeit findet dahinter nicht statt. Alles dient allein der Vortäuschung wirtschaftlicher Aktivität. Wie steht es um die Wirtschaft eines Zwanzigmillionenvolkes, die offensichtlich nur zum Schein stattfindet?

Auf der Landschaft beeindruckt der mittelalterliche Stand der Landwirtschaft. Arbeiter- und Schülerkolonnen mit geschulterten Hacken marschieren morgens aus der Stadt zur Feldarbeit und abends wieder zurück. Die Hacke ist das Arbeitsinstrument für eine Landwirtschaft, die über zwanzig Millionen Menschen zu ernähren hätte. Selten sieht man Traktoren – soweit beurteilbar Eintakter, welche die Wölbung einer Brücke im Schrittempo knapp schaffen. Oben wird der Motor ausgeschaltet, damit während der Abfahrt im Leerlauf Treibstoff gespart werden kann.

Die Koreaner sind allgemein von eher kleinem Wuchs, die Nordkoreaner aber sichtbar kleiner als die Südkoreaner. Dies, wird gesagt, sei ein Ergebnis mangelhafter Ernährung. Hunger präge für viele Nordkoreaner den Alltag.

Die Deza, die Entwicklungsagentur der Eidgenossenschaft, unterhält in Nordkorea landwirtschaftliche Projekte. Eines, das auf unbewaldeten Hängen landwirtschaftliche Nutzung ohne Bodenerosion sicher sollte, konnte besucht werden. Auf den ersten Blick ein sinnvolles Projekt.

Nur: Wenn zwanzig Millionen hungrige Menschen zu ernähren sind, müsste zuerst einmal in den fruchtbaren Ebenen eine hinreichende Produktion sichernde Landwirtschaft aufgebaut werden. Erosionsgefährdete Hänge müssten, wie das Südkorea umfassend getan hat, einfach aufgeforstet werden. Das Deza-Hangsicherungsprojekt kam dem Beobachter vor, als würden die eigenen Enkelkinder Bauernhof spielen. Zur Lösung der existentiellen Ernährungsprobleme des Landes leistet es keinen ernstzunehmenden Beitrag.

Hervorgestrichen wird, dass die am besagten Hangsicherungsprojekt Beteiligten den von ihnen erzielten Ernte-Ertrag als Eigentum behalten könnten – einmalig für ganz Nordkorea. Bei näherer Betrachtung zeigt sich die Kehrseite der Medaille: Betrieben wird das Projekt von alten, nicht mehr im Arbeitsprozess stehenden Männern und von teilweise Behinderten. Die Hauptlast liegt auf den Schultern von Frauen unklarer Stellung in der Gesellschaft. Leistungsfähige Männer, die als Landwirte erkennbar wären, sind dort keine. Wenn das nordkoreanische Regime die in diesem Projekt Beschäftigten, die wohl als «Randgruppen» zu bezeichnen wären, unter Schweizer Aufsicht vom kärglichen Ertrag der eigenen Produkte leben lässt, dann entledigt sich das Regime natürlich auch der Verpflichtung, für diese Randgruppe zu sorgen. Ein Entledigungseffekt, der für ein Regime, das fünfzig Prozent der Staatseinkünfte für seine unglaublich grosse Armee benötigt und gegen einen Viertel des Staatsbudgets für den Personenkult seiner Herrscher aufwendet, durchaus eine Versuchung darstellt. Ernstzunehmenden Kampf gegen den Hunger findet im Projekt kaum statt; das Regime entledigt sich vielmehr lästiger Verpflichtungen.


Ulrich Schlüer