Nr. 9, 30. April 2010

Emilio
Die Doktorspiele des BAG

Stünde der Vulkan Eyjafjallajökull in der Schweiz, hätte es wohl kaum Probleme gegeben. Das Bundesamt für Gesundheit BAG hätte ihm einfach unter Hinweis auf die gesundheitlichen Schäden das Rauchen verboten oder ihn zumindest in ein Raucherstübchen verwiesen.

Kein Witz hingegen sind die BAG-Bestrebungen zur flächendeckenden Einführung eines obligatorischen Sexualunterrichtes an unseren Schulen, wie man unter den Webadressen amorix.ch und wbza.luzern.ch nachlesen kann. Offenbar wurde der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz von der Sektion Aids des BAG im Jahr 2007 der Auftrag erteilt, ein «Kompetenzzentrum Sexualpädagogik und Schule» einzurichten. Ziel ist ein gesamtschweizerisch erteiltes Schulfach, das gleichzeitig einen festen Platz in der Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen erhalten soll. In den umfangreichen Publikationen ist die Rede von Zusammenarbeit mit Pink Cross, mit den Freundinnen und Freunden von Lesben und Schwulen, von sexueller Orientierung und Identität. Kinder seien als sexuelle Wesen zu betrachten und bereits ab dem Kindergartenalter aufzuklären, die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Vielgestaltigkeit menschlichen Zusammenlebens sei zu akzeptieren. Der Umgang mit Schamgefühlen soll genauso erlernt werden wie derjenige mit Kondomen ab dem zwölften Altersjahr.

Emilio muss hier einblenden, dass er keineswegs gegen Sexualunterricht ist, im Gegenteil. Die gegenwärtig zutage tretenden Missbräuche an Kindern und Jugendlichen wären in diesem Umfang wohl kaum möglich gewesen, wenn sich die Opfer vermehrt ihres Rechts auf körperliche Integrität bewusst gewesen wären – auch ein Ziel der Aufklärung. Genauso verurteilt er Diskriminierung und Ausgrenzung andersartiger sexueller Ausrichtungen durch homophobe Kreise. Fragwürdig jedoch wird ein solches Schulfach, wenn es im Stil von «Ohne Dings kein Bums» der Sektion Aids vermittelt wird, beschränkt auf mechanistische und gesellschaftliche Verhaltensweisen, aber ohne Rücksichtsnahme auf individuelle, familiäre, ethische oder religiöse Gefühle. Die ideologischen Wurzeln dieser Form von Aufklärung reichen zurück in die überholte Zeit der antiautoritären Entgleisungen; sie dienen weniger dem Kinde als der Schwächung der traditionellen Familie. Das hat nichts mehr zu tun mit Gesundheitsprävention und ist weder Sache des BAG noch irgendeiner Fachhochschule, welche beide von der öffentlichen Hand leben.

Irgendwie erinnert es an andere Versuche der Bildungsbürokratie, über die Schule Gesellschaftspolitik zu betreiben; man denkt etwa an die Konzentration sämtlicher Kinder über alle Begabungsstufen hinweg in derselben Klasse (früher Gesamtschule genannt, heute Integrativer Unterricht), an die zunehmende staatliche Bevormundung der Lehrpersonen (der verschwiegene Hauptgrund für den aktuellen Lehrermangel) oder den systematischen Abbau jeglicher Leistungsbewertung. Allen diesen Bestrebungen gemeinsam ist ein flächendeckendes Obligatorium. Deshalb ist vorgesehen, die Sexualpädagogik nicht mehr (wie bisher) dem Religionsunterricht anzugliedern, sondern neu der Gesundheitsprävention; die Eltern verlieren damit das Recht, ihre Kinder zu dispensieren.

Am meisten ins Auge gestochen ist Emilio jedoch das gewählte Vorgehen, das auf abgeschotteten Wegen an den demokratischen Hürden vorbei ab nächstem Jahr flächendeckend eingeführt werden soll. Einmal mehr wird die willfährige Erziehungsdirektorenkonferenz dafür missbraucht und soll das bestehende Projekt Lehrplan 21 als Transportvehikel dienen – obwohl der Lehrplan 21 nur für die punktuelle Harmonisierung bestimmter Kernfächer gedacht war. In der Harmos-Vorlage von 2007 stand kein Wort über Sexualpädagogik – andernfalls wäre sie wohl kaum derart überwältigend vom Volk angenommen worden. Das weiss auch des BAG, weshalb es zu bedenken gibt, dass die Einführung einer umfassenden schulischen Sexualerziehung eines «gezielten und strategischen Lobbyings» bedürfe. Wollen wir uns von der Verwaltung für fragwürdige Zwecke dermassen lobbyieren lassen?

Noch ist es nicht zu spät, «Das Ganze halt!» zu rufen. Weil vom Bundesrat kaum ablehnende Unterstützung erwartet werden darf, sind die eidgenössischen Parlamentarier gefordert, wegen der kantonalen Schulhoheit aber auch die Kantone. Es braucht dazu kein strategisches Lobbying, sondern bloss Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Jugend und ein gesundes Mass an Vernunft.

Emilio