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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 28. März 2008

Calmy-Rey und ihre Freunde im Iran
Die Schleiereule

(tyto alba)

Frau Micheline Calmy-Rey, Aussenministerin der Schweiz, erachtete es als opportun, sich zur Unterzeichnung eines Gas-Vertrags zwischen einem Schweizern Konzern und dem Staat Iran höchstselbst nach Teheran zu begeben, wo sie sich dann alsogleich in Schleiereulen-Aufmachung bei traulichem Tête-à-tête mit dem (nicht einmal Krawatte tragenden) Staatspräsidenten Achmadinedschad vorführen liess.

Wenig früher absolvierte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im konservativsten muslimischen Land der Welt, in Saudi-Arabien, einen Staatsbesuch. Sie trug weder Schleier noch Kopftuch. Und wurde trotzdem von den allerhöchsten Würdenträgern des Landes empfangen. Wenn Calmy-Rey heute behauptet, Staatsbesuche müssten in der vom Gastgeber geforderten Aufmachung erfolgen, dann beweist sie höchstens, dass sie nicht einmal vom elementaren zwischenstaatlichen Comment, der auf dieser Welt gilt, eine hinreichende Ahnung hat. So kam es, dass Calmy-Rey in ihrer pubertären Geltungssucht zu Teheran bloss die Schweiz erniedrigt hat.

Überdies hat Frau Calmy-Rey monumentalen Schaden angerichtet. Eben erst ist sie – unter krassem Verrat an der Neutralität der Schweiz – vorgestürmt, um möglichst als erste das muslimische Mafia-Regime des sich einseitig als unabhängig erklärten Kosovo anzuerkennen. Und jetzt lässt sie sich von dem skrupellos selbst mit Atomwaffen drohenden Achmadinedschad als Kopftuch-Parteigängerin ausstellen. Von jenem Scharfmacher, der offen die Ausmerzung Israels verfolgt. Calmy-Reys Sucht zur Selbstdarstellung auf der Weltbühne gerät zum Programm der Neutralitätsverschrottung. Israel kann doch niemals ein Land als neutralen, selbstlosen Vermittler in Nahost anerkennen, dessen Aussenministerin in untertänigster Verschleierung händchenhaltend mit dem erbittertsten Feind Israels posiert!

Überdies ist Achmadinedschad nicht bloss Todfeind Israels. Er ist auch Holocaust-Leugner. Israel wird Calmy-Reys krankhafte Profilierungssucht folglich nicht bloss als israelfeindlich, sondern – und dies nicht ohne Grund – als judenfeindlich werten.

Ausgerechnet Calmy-Rey, die – wenigstens dann, wenn sie bei Vernunft ist – glaubwürdige Menschenrechtspolitik zum höchsten aussenpolitischen Ziel der Schweiz erklärt, rennt – sobald sie bloss irgend eine ihrer weltpolitischen Geltungssucht zustatten kommende Bühne sieht – in die offene iranische Falle. Seit Henri Dunant ist unparteiische humanitäre Verpflichtung ein Anliegen der Schweiz. Bisher zollte die ganze Welt dieser Politik Respekt. Die Schleuereule (lat. tyto alba) hat ihn verspielt. .

Ulrich Schlüer

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